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Vatikan: Wer ist papabile?

Die Trauer um den verstorbenen Papst mischt sich mit der Hoffnung auf seinen Nachfolger. Beim spannendsten Ratespiel Roms hält die ganze Welt den Atem an.

Von Peter Kleinort

"Papst-Lotto" nennen Vatikan-Insider die Aufzählung von Kardinälen, die Chancen auf den Papst-Thron haben könnten. Das Amt des Papstes offenbart sich dabei auch als politische Machtfunktion. Zwar gibt es im Vatikan offiziell keine Parteien, trotzdem ist auch das Kardinalskollegium, das den Papst wählt, in "Fraktionen" und mehr oder minder starke und einflussreiche Gruppierungen unterteilt. Und viele dieser Gruppen lassen sich einzelnen Protagonisten zuordnen, die als "papabile" gelten - als mögliche und wählbare Päpste.

Oft sind es bekannte Repräsentanten der Weltkirche oder des Vatikans, die als papabile gehandelt werden. So ist es auch diesmal. Vor allem zwei Namen werden dabei immer wieder genannt: Kardinal Angelo Sodano und Kardinal Giovanni Battista Re.

Ist wieder ein Italiener dran?

Sodano ist als Kardinalstaatssekretär einer der einflussreichsten Männer im Vatikan. Die Funktion des Kardinalstaatssekretärs ist in weltlichen Staaten vergleichbar mit der des Außenministers und Leiters der Staatskanzlei. So gesehen ist Sodano die Nummer zwei hinter Papst Johannes Paul II. Seine Machtbasis innerhalb der Römischen Kurie darf damit nicht unterschätzt werden. Für Sodano spricht - wie auch für Battista Re - dass er Italiener ist. Das Gerücht, nach dem 26-jährigen Pontifikat des Polen Karol Woityla sei nun wieder ein Italiener am Zug, hält sich seit Jahren hartnäckig. Johannes Paul II. war 1978 der erste Nicht-Italiener seit über 450 Jahren, der Papst wurde.

Battista Re und Sodano gelten aber auch wegen ihres Alters als papabile. Sie sind noch verhältnismäßig jung und gesund, und ihnen wird zugetraut, die schwierigen Aufgaben zu bewältigen, vor denen die Kirche steht. Dabei wird es vor allem auch um Strukturreformen innerhalb der Amtskirche gehen. Priestermangel ist nicht nur in Deutschland ein Problem, das die Kirche vor immense Schwierigkeiten stellt. Die innerkirchliche Verwaltung muss deshalb entsprechend reformiert werden. Beide Kurienkardinäle verfügen über ausreichende Kenntnisse, ein solche Verwaltungsreform anzugehen.

Päpstliche Enzykliken

Doch seit einiger Zeit wird auch ein Deutscher immer wieder als papabile bezeichnet: Kardinal Joseph Ratzinger. Als Leiter der Glaubenskongregation kommt an Ratzinger im Vatikan und in der Weltkirche niemand ernstlich vorbei. Wenn man Sodano als "Nummer Zwei" des Vatikan bezeichnet, ist Ratzinger die "graue Eminenz". Die Glaubenskongregation - ihr Vorgänger ist die Inquisition - ist unter anderem für die Auslegung und Vermittlung zentraler Glaubenfragen zuständig. Päpstliche Enzykliken - also Dokumente die aus kirchlicher Sicht zu zentralen Fragen des Lebens, des Glaubens und der Politik Stellung nehmen - werden in der Glaubenskongregation vorbereitet und ausgearbeitet. Ratzinger ist also der Mann im Vatikan, der nach Johannes Paul II. in den vergangenen Jahren die Kirchenpolitik maßgeblich formuliert hat.

Ratzinger selbst hält sich in der Diskussion um die Papst-Nachfolge im Gegensatz zu Battista Re und Sodano auffällig zurück. Obwohl er den weniger reformorientierten Kreisen im Vatikan zugerechnet wird, könnte er für viele Kardinäle ein Kompromisskandidat sein. Zwar ist Ratzinger im Vergleich mit seinen Mitbewerbern älter, aber in einem Interview mit dem US-Magazin Time hat Ratzinger jünsgt angedeutet, er könne sich vorstellen, das Papstamt nach etwa zehn Jahren niederzulegen.

Das Land Luthers

Orthodox in Glaubensfragen, aber umgänglich und mediengewandt, Attribute Ratzingers, die auch für eine Wahlentscheidung der Kardinäle wichtig werden könnte. Kardinal Ratzinger, der in der deutschen Kirche kein Amt innehat, gilt vielen aber auch als Repräsentant eben dieser Kirche. Dass die Deutschen für die Weltkirche eine wichtige Rolle spielen, hat Johannes Paul II. eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Noch nie gab es so viele Kurienkardinäle aus Deutschland. Das Land Luthers und der Reformation gilt in der Weltkirche auch als Vorbild für die Ökumene zwischen den Konfessionen. Ratzinger könnte so ein Symbol für die Ökumene werden, ohne dabei eigene katholische Glaubensgrundsätze aufzugeben.

Wer immer aber im Vorfeld genannt wird - sicher ist eine Wahl im Kardinalkollegium für diese prominenten Kandidaten aber nicht. Denn das Kardinalskollegium wartet immer wieder mit Überraschungen auf, wenn es um die Papstwahl geht. 1978 entschieden sich die Kurienkardinäle gleich zweimal für Kandidaten, die vorher im Papst-Lotto nicht als papabile gehandelt wurden: Albino Luciani, der als 33-Tage-Papst Johannes Paul I. in die Geschichte einging, und Karol Woityla, der danach zu Johannes Paul II. gewählt wurde.