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Was macht eigentlich ... Jimmy Somerville?: Der Schotte mit der Falsett-Stimme

Mit "Smalltown Boy" - im Juni 1984 veröffentlicht - hielten sich der Schotte Jimmy Somerville und seine Band Bronski Beat zehn Wochen in den deutschen Charts. Und heute?

Von Martin Sonnleitner

Jimmy Somerville, 53, im Juli 2014 in London

Jimmy Somerville, 53, im Juli 2014 in London

Das Interview mit Jimmy Somerville erschien in der stern-Printausgabe Nr. 36 am 4. September 2014.

Schön, Sie gesund und munter zu sprechen. Sie hatten vor Kurzem einen bösen Unfall ...


Ich bin in London mit dem Fahrrad gegen die Tür eines Lasters geknallt. Drei Sekunden später, und ich hätte unter ihm gelegen.

Leben Sie noch immer in Ihrer Wahlheimat London?


Ich lebe gerade zwischen London und dem Seebad Brighton, wo ich auch hinziehen werde. London macht eine riesige Transformation durch. Das sieht man zum Beispiel an der veränderten Skyline – es gibt 20, 30 in den Himmel ragende Hochhaustürme. Andererseits ist die Infrastruktur total veraltet, viktorianisch halt. Es ist ein permanenter körperlicher und mentaler Kampf.

Und das ist auf Dauer frustrierend gewesen?


Total. Die Kommunen und Nachbarschaftsgemeinden werden einfach weggespült. Dabei war London mal was ganz Besonderes. Ich bin 30 Jahre in London nur mit dem Fahrrad unterwegs gewesen, das ist bei dem Verkehr heute kaum mehr möglich.

Sie sind mit 17 aus dem damals eher provinziellen Glasgow in die Musikmetropole gezogen. War es ein Davonrennen?


Ja, absolut. Ich führte bis dahin ein kompliziertes Leben. Als bekennender Homosexueller wurde es in Glasgow sogar gefährlich für mich. Ich musste mich also neu erfinden – und bin vor mir selbst weggerannt. Aber das funktionierte natürlich nicht, denn wohin du auch gehst, überall nimmst du dich mit.

"Smalltown Boy" avancierte zu einer Hymne der Achtziger. Worum ging es?


Das Lied ist ein emotionaler Schrei. Da, wo ich herkomme, wird dir morgens beim Aufwachen erzählt, was du zu machen hast; du wirst komplett kontrolliert. Einige finden sich damit ab. Es gibt aber auch jene, die die Heimat verlassen, um etwas Neues zu entdecken.

Fühlen Sie sich eigentlich heute manchmal noch als "Smalltown Boy", einsam und ausgestoßen?
Mir geht es gut. Wir Menschen unterschätzen die Kraft der Kreativität.

Im Internet war im vorigen Jahr eine neue Version von "Smalltown Boy“ der Renner ...


Ich ging in Berlin mit meinem Hund bei einem Straßenmusiker vorbei, der den Song gerade trällerte. Und sang "spontan" mit. Das war natürlich nur halb zufällig, denn wir kannten uns.

In westlichen Ländern wurde in den vergangenen Jahren die rechtliche Stellung Homosexueller verbessert.


Zum Glück haben wir bei uns Gesetze, die uns schützen. Aber man muss ja nur nach Russland gucken, um zu sehen, wie Leute dort wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert, gejagt und misshandelt werden.

Würden Sie sich als Aktivisten bezeichnen?


Ich bin Humanist. Als Menschen haben wir die Verantwortung, aufmerksam zu sein und anderen zu helfen. Es dreht sich aber immer mehr ums individuelle als ums kollektive Wohl. Das ist traurig.

Funktioniert Ihre Falsett-Stimme noch immer? Sie haben ja sogar mal ein Glas mit einem besonders hohen Ton zerbrochen.


Oh ja. Das war in der Newcastle City Hall bei einem Soundcheck. Nun haben wir gerade ein neues Album in Hamburg produziert. Es ist Old-School-Disco und heißt "Homage". Es ist das Album, das ich immer machen wollte. Wäre ich noch einmal 15, würde ich es sofort kaufen. Ich liebe Disco.

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