HOME

Nach 27 Jahren Haft: Gladbeck-Geiselnehmer Rösner erstmals auf Freigang

Es war eines der spektakulärsten Verbrechen der deutschen Kriminalgeschichte. Das Gladbecker Geiseldrama hielt im Sommer 1988 die Nation in Bann. Nach 27 Jahren hatte Haupttäter Hans-Jürgen Rösner nun erstmals Ausgang.

Gladbeck-Entführer Hans-Jürgen Rösner mit Pistole in der Hand im Interview mit Medienvertretern

Rösner (l.) und sein Komplize Degowski instrumentalisierten während des Geiseldramas von Gladbeck die Medien - und die Journalisten ließen sich ohne weiteres darauf ein.

Rund 27 Jahre nach seiner Inhaftierung hat sich Gladbeck-Geiselnehmer Hans-Jürgen Rösner erstmals wieder außerhalb der Gefängnismauern bewegt. Wie der "Kölner Stadt-Anzeiger" berichtet, begleiteten drei Vollzugsbeamte den heute 58-Jährigen kürzlich vier Stunden lang durch die Innenstadt von Eschweiler.

Bei dem ausgedehnten Einkaufsbummel durch die Kleinstadt in der Nähe von Aachen sei sein Klient nicht von Passanten erkannt worden, berichtet Rösner-Anwalt Rainer Dietz. Der verurteilte Geisel-Gangster war bei seinem Ausflug unter der Kleidung durch eine mit Ketten verbundene Kombination aus Hand- und Fußfesseln gesichert, die zwar normal große Schritte erlaubt, einen Laufschritt jedoch unmöglich macht.

Rösner signalisiert Willen zur Besserung

Auch wenn ihm allgemein keine hohen Erfolgsaussichten eingeräumt werden, besitzt Rösner ab dem 29. August 2016 juristisch die Möglichkeit, einen Antrag auf Haftentlassung auf Bewährung zu stellen. Mit diesem Hintergedanken hat Rösner scheinbar seine jahrelange Verweigerungshaltung aufgegeben und kooperiert seit einiger Zeit mit dem Gefängnispersonal. So nehme er mittlerweile alle zwei Wochen an einer Einzeltherapie mit einem Gefängnispsychologen teil, ließ Anwalt Dietz verlauten. Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Justizministeriums wurde in der Zwischenzeit der renommierte Psychiater Norbert Leygraf aus Essen mit dem Auftrag betraut, ein Gutachten über Rösners Persönlichkeit und dessen Rückfallwahrscheinlichkeit anzufertigen.

Rösner war im März 1991 nach seiner Ergreifung vom Landgericht Essen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Das Gericht verhängte die Strafe mit anschließender Sicherungsverwahrung, da er nach damaliger Überzeugung der Richter eine charakterliche Veranlagung zu Rechtsbrüchen besitze.

Meilenstein in der Historie journalistischer Medienberichterstattung

Gemeinsam mit seinem Komplizen Dieter Degowski hatte Rösner am 16. August 1988 eine Bank-Filiale in Gladbeck überfallen. Auf der anschließenden Flucht hatten sie mehrmals Geiseln genommen und insgesamt drei Menschen getötet. Zwei Tage dauerte ihr Fluchtversuch durch Deutschland und die Niederlande an, bis sie schließlich gestellt werden konnten.

Bundesweites Aufsehen erregte die Tat seinerzeit, weil die Geiselnehmer engen Kontakt zu Journalisten zuließen und mehrfach Live-Interviews mit Medienvertretern dazu nutzen, ihren Forderungen öffentlich Nachdruck zu verleihen. Dieses Verhalten trat im Nachgang eine medienethische Grundsatzdebatte los, die große Wellen schlug.

lst