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Interview

Regisseur Kilian Riedhof: "Gladbeck ist ein böser Mythos"

Das Geiseldrama von Gladbeck hielt im August 1988 die Republik in Atem. 30 Jahre später schildert ein ARD-Zweiteiler die Ereignisse von damals. Es sei der emotionalste Film, den er bisher gedreht habe, sagt Regisseur Kilian Riedhof im Interview mit dem stern.

Drei Menschen auf der Rückbank eines Autos: In der Mitte sitzt Dieter Degowski und hält Silke Bischoff eine Waffe an den Kopf

Herr Riedhof, am 16. August 1988 überfielen Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner eine Filiale der Deutschen Bank in . Es folgte eine 54-stündige Geiselnahme quer durch Deutschland, an dessen Ende drei Menschen ums Leben kamen. Das Geiseldrama von Gladbeck wurde damals live im Fernsehen übertragen. Sie waren damals 17. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Die Bilder von sind bei mir noch sehr präsent. Wie sie von Degowski mit einer Waffe bedroht wird und in der Fußgängerzone von Köln der Presse Interviews geben muss. Das ging mir sehr nahe. Auch weil Silke Bischoff damals fast im selben Alter war wie ich. Sie war eine von uns. Ich fühlte Ohnmacht und Wut, weil niemand ihr geholfen hat.

Sie haben fast drei Jahre an Ihrem Film "Gladbeck" gearbeitet, der die Geschehnisse von damals mit großer Behutsamkeit und Faktengenauigkeit rekonstruiert. Was hat Sie daran als Regisseur gereizt?

Gladbeck ist nun 30 Jahre her, aber es ist ein nationales Trauma geblieben. Man spürt das in der Intensität und Unmittelbarkeit, mit der die Öffentlichkeit auch heute noch auf dieses Thema reagiert. Gladbeck erschüttert und erschreckt uns, fasziniert uns leider aber auch in seiner grausamen Sensation. Wir würden gerne zu einer ethisch einwandfreien Position finden, schaffen es aber nicht. Wir können uns nicht aus diesem Dilemma lösen. Das verstört uns, muss aber als Erfahrung ausgehalten werden. Wir durchleben Gladbeck in seinem gesamten Ausmaß. Vielleicht hilft das, das Trauma zu verarbeiten.

Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski waren skrupellose Berufsverbrecher, denen gegenüber die Presse, die und die Opfer geradezu ohnmächtig wirkten.

Es war die Begegnung mit dem Animalischen Das traf die Bonner Republik unvorbereitet, weil nach dem Dritten Reich die direkte Auseinandersetzung mit dem Bösen weitgehend verdrängt worden war. Aber nun saß das Monster mitten in einer Fußgängerzone, dem Inbegriff bundesdeutscher Alltäglichkeit. Polizei und Staat standen ihm gelähmt gegenüber. Presse und Schaulustige ließen sich rauschhaft von ihm verführen. Und die Geiseln waren seiner Willkür schutzlos ausgeliefert. Der Reporter Udo Röbel, der sich sogar mit Gangstern und Geiseln ins Fluchtauto setzte, um ihnen zu helfen aus der Kölner Innenstadt heraus zu fahren, bezeichnete sich später selbst einmal als "Reporter des Satans". Das ist für mich der zentrale Aspekt von Gladbeck. Wir vertrauen ja immer auf unsere humanistischen Werte, aber dieser zivilisatorische Schutzfilm ist doch sehr dünn, wie Gladbeck gezeigt hat. Damals ließ sich ein ganzes Land vom Sog des Animalischen mitreißen. Am Ende wusste sich auch die Polizei nicht mehr anders zu helfen als mit einer chaotischen Schießerei auf der Autobahn, bei der Silke Bischoff ums Leben kam. Die Polizei übernahm die Sprache der Täter und reagierte mit derselben blinden animalischen Gewalt.

Wäre Gladbeck heute immer noch möglich oder haben wir aus unseren Fehlern gelernt?
Ich befürchte, es wurde wenig gelernt. Ich wohne mit meiner Familie im Hamburger Schanzenviertel. Beim G20-Gipfel im vergangenen Jahr herrschte dort für mehrere Stunden Anarchie. Die Anwohner riefen beim Notruf um Hilfe, doch die Polizei traute sich nicht mehr ins Viertel hinein. Und auf der Straße standen Leute mit ihren Handys und filmten die Schlägereien, die brennenden Barrikaden, Ladenplünderungen und sich selbst.

War Gladbeck der Film, der Sie bisher emotional am meisten gefordert hat?
Ja, weil die Geschehnisse von Gladbeck ein Kontinuum von Grausamkeit waren. Wir haben 60 Tage gedreht und jeder einzelne Tag war eine emotionale Herausforderung für alle Beteiligten. In vielen Szenen ging es um Menschen in Todesangst, um die Zerstörung von Familien. Das kriecht ins Innere. Man kriegt ein sehr deutliches Gefühl davon, was die Geiseln und ihre Angehörigen aushalten und erleiden mussten. Für mich als Vater einer Tochter war das wie eine Heimsuchung. Gladbeck ist ein böser Mythos.

Die ARD zeigt den Zweiteiler "Gladbeck" am Mittwoch, 7. März und Donnerstag, 8. März, jeweils um 20.15 Uhr.

ARD-Zweiteiler: Angst, Schrecken, Voyeurismus - Szenen aus "Gladbeck"
Gladbeck

Das Geiseldrama begann mit einem Bankraub: Am Morgen des 16. Augusts 1988 überfielen zwei vermummte Täter die Filiale der Deutschen Bank in der nordrhein-westfälischen Stadt Gladbeck. Dieter Degowski, 32, und Hans-Jürgen Rösner, 31, waren zwei Berufskriminelle, die bereits mehrjährige Haftstrafen verbüßt hatten. Es war der Auftakt zu einem 54-stündigen Geiseldrama, das die Bundesrepublik zwei Tage lang in Atem hielt.

Die ARD hat das schreckliche Ereignis zu einem packenden Zweiteiler verarbeitet, der den Ablauf dieses Verbrechens rekonstruiert und zeigt, auf wie vielen Ebenen Politik und Polizei versagt haben.