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Simon Kremer - Lost in Nahost: Gladbeck in Nordafrika: Warum halb Afrika mit unseren alten Fußballtrikots rumläuft

Europa ist die Kleiderkammer Afrikas. Nicht alle Kleiderspenden kommen auch bei Bedürftigen in der Nachbarschaft an. Und manchmal trifft man auf einem Fußballplatz in Tunesien alte Bekannte wieder.  

Von Simon Kremer

Trikots in Afrika

Germania Gladbeck gibt es heute nicht mehr. Das Trikot wird jetzt in Tunesien vollgeschwitzt.

So ein Fußballspiel hat es noch nicht gegeben. Auf einem labbrigen Kunstrasenplatz, auf dem sich die Strafraumlinie schon in einzelnen Streifen vom Boden ablöst, trifft der TSV Saalhausen auf die DJK Germania Gladbeck. Leider muss man das so sagen, denn meine fußballerische Welt hörte an der Kreisgrenze auf, am unteren Ende der Kreisliga C. Meine Trainingsjacke ist mir auch heute noch mindestens zwei Nummern zu groß, so wie ich sie mit 16 Jahren bekommen habe. Mein halbes Leben begleitet sie mich jetzt schon über die Fußballplätze dieser Welt. Jetzt also Tunesien

Und auf der anderen Seite also Germania Gladbeck. Und auch meinem Gegenspieler, der mit der Nummer 8, der Gladbecker im Tor steht, ist das Trikot ein wenig zu groß. Aber so war das um die Jahrtausendwende noch. Da waren die Trikots noch nicht so hauteng wie heute, sondern schön weit, dass auch auf jeden Fall jeder noch so große Bierbauch darin Platz fand. Germania Gladbeck gibt es heute nicht mehr. Das Trikot wird jetzt in Tunesien vollgeschwitzt.

Nicht jedes Trikot geht in die Dritte Welt

Neben den Trikots von Ronaldo und Messi gibt es auf den Flohmärkten in Tunis eben auch die Nummer 10 vom VFL Sindelfingen oder vom FC Deisenhofen zu kaufen. Jedes für unter zehn Euro. Ich bezweifle zwar stark, dass – wenn die Mutter vom Wochenmarkt nach Hause kommt und dem achtjährigen Möchtegern-Ronaldo die schwarz-weiß gestreifte Nummer 7 vom TSV Burgbernheim überreicht – sie dann eine ähnliche Euphorie auslöst als mit dem Juve-Trikot des fünffachen Weltfußballers, aber das ist reine Spekulation. Und wer weiß, welche Talente in Burgbernheim schlummern. 

Tunesien ist so etwas wie die Altherrenliga für die deutschen Kreisligatrikots. Ausgemustert in der Pfalz und durch neue Spieler und Trikots ersetzt, geht es andernorts etwas gemächlicher weiter. Und nicht jedes Trikot geht so, wie die alten Leibchen vom FC Germania Friedrichsfeld als Trikotspende in die Dritte Welt – schließlich möchte sich jeder mal im Glanz des Tabellenachten der Kreisklasse B1 Mannheim sonnen. Viele landen auch einfach im freien Verkauf. 

Nur zwei Prozent der Kleiderspenden, berichtet eine arte-Reportage, kommen auch bei den Armen in der eigenen Nachbarschaft an. Der Rest wird exportiert. Und viele Klamotten landen zuerst in Tunesien, bevor sie dann weiter Richtung Süden in weitere afrikanische Länder verteilt werden. Immer mehr private Händler wollen eben auch ein bisschen von der Glamourwelt der Kreisligen profitieren. Altkleider und Altherren, das hört sich ja auch fast genauso an wie Mailand oder Madrid.