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Simon Kremer - Lost in Nahost: So trinkt der Orient: Gerne und überall - nur zu Ramadan wird es schwierig

Am Flughafen bittet mich ein Mann, seine Duty-Free-Tüten durch den Zoll zu tragen: Es sei Ramadan und als Tunesier dürfe er keinen Alkohol kaufen. Es zeigt sich: Die Menschen im Nahen Osten gehen mit Alkohol eigentlich sehr pragmatisch um.

Von Simon Kremer, Tunis

Wein in Tunesien

Wer in Tunesien Wein will, hat höchstens zu Ramadan ein Problem mit der Beschaffung

Neulich war ich mal wieder in Berlin und zum ersten Mal ist mir aufgefallen, wie kaputt diese Stadt ist. Nicht die Gebäude an sich, da ist man ja aus Tunis und Aleppo anderes gewohnt, aber die Menschen. Wie selbstverständlich es ist, mit der Bierflasche entspannt schlenkernd durch die Parks zu gehen. Klar, haben wir früher, wenn wir zur Party gegangen sind, auch immer ein Wegbier oder ein Fußpils dabeigehabt. Aber wenn es danach geht, ist Berlin immer auf dem Weg zur nächsten Party.

Alkohol gerne, aber nicht im Ramadan

Wenn man bewusst Alkohol trinkt und zum Beispiel nur an bestimmten Orten ein Bier trinken kann, wird einem klar, wie oft und unbewusst wir zur Flasche greifen. Einfach, weil es dazu gehört. Weil ja überall sonst auch jemand mit einem Bierchen in der Hand gerade neben Dir in der U-Bahn sitzt.  

Fastenmonat: Was bedeutet Ramadan für Muslime?

Auf dem Rückflug nach Tunis spricht mich am Flughafen ein älterer Mann an. Er schiebt seinen Gepäckwagen vor sich her und hält sechs Plastiktaschen aus dem Duty-Free-Shop in seinen Händen. Ob ich, fragt er ein wenig unbeholfen, die Taschen für ihn kurz halten könne, nur am Zoll vorbei. Es sei ja Ramadan und er dürfe als Tunesier keinen Alkohol kaufen. 

Saudi-Arabien: Trinken mit Nervenkitzel

Tunesien ist da schon witzig, was den Alkohol betrifft. Während man in vielen Ländern der arabischen Welt nur in bestimmten Hotels etwas zu trinken kriegt, kann man in Tunesien Wein und Bier auch im Supermarkt kaufen. Aber nicht freitags. Da bleiben die Rollläden vor dem Regal und die "cave" - ein wunderbares Wort für den Keller, also die Alkoholabteilung – zu.  

Die Länder im Nahen Osten und in Nordafrika haben da alle einen sehr unterschiedlichen Umgang mit Alkohol. In Algiers muss man wissen, an welcher Tür man klopfen muss, um in die Bar dahinter eingelassen zu werden. In Beirut kann man sich auf den Dachterrassen der Edeldiscos auch eine Wodkaflasche für ein paar tausend Euro kaufen. In Saudi-Arabien ist Alkohol im ganzen Land strengstens verboten. Nicht, dass dort nicht getrunken würde, nur da kommt dann noch ein echter Nervenkitzel dazu. Das alles heißt auch nicht, dass insgesamt weniger getrunken würde. Aber vielleicht bewusster, wenn nicht bei jedem Abendessen die Weinflasche auf dem Tisch steht.  

Und überhaupt: Die meisten Muslime sind da sowieso relativ pragmatisch. Wein oder nicht Wein ist da die Frage. Denn wie für Kopftuch oder Jihad gibt es im Koran auch für den Alkohol die unterschiedlichsten Auslegungen. Eine Sure wie: "Und wir geben euch von den Früchten der Palmen und der Rebstöcke zu trinken, woraus ihr euch Rauschgetränk und eine schöne Versorgung nehmt. Darin ist wahrlich ein Zeichen für Leute, die begreifen", ist da zumindest relativ eindeutig. Wie so oft ist das Auslegungssache, je nachdem durch welchen Grund welchen Glases man auf das Problem guckt.  

Den besten Wein gibt es laut Koran übrigens im Paradies – nicht im Keller. Wobei der Ramadan jetzt vorbei ist. Der Keller ist wieder offen.