Grubenunglück Himmelfahrtskommando unter Tage


Wie durch ein Wunder wurden elf Bergleute in einer russischen Mine nach sechs Tagen gerettet. Politiker wissen um die Gefahren - und doch kann es morgen wieder passieren. Die Arbeitsplätze in den Gruben gehören zu den gefährlichsten im Lande.

Als die Katastrophe beginnt, mit einem leisen Knacken und plötzlicher Stille, ärgert sich Bergmann Wladimir Mirtjochin: "Schon wieder ein Kurzschluss". Wieder gehen die Deckenlampen aus, und wieder flackern nur die Lämpchen an den Helmen wie winzige Laternen in der Dunkelheit. Mirtjochin packt sein Werkzeug ein und geht in Ruhe in Richtung Aufzug. Das schreiben die Sicherheitsregeln im Bergwerk bei einem Stromausfall vor.

Am liebsten hätte er weitergearbeitet, denn Mirtjochin ist gerade dabei, einige Reparaturen im Abschnitt 43 der Zeche "Sapadnaja-Kapitalnaja" vorzunehmen. Im Februar war Grundwasser in den Schacht eingetreten und hatte weite Teile verwüstet, auch die Walzen, die wie mächtige Messer die Kohle aus dem Flöz schneiden. Monatelang hat sich niemand um den Schaden gekümmert. Jetzt sollen Förderband und Maschinen wieder hergerichtet werden. Der Unfall ist fast vergessen, alle Bergleute sind mit dem Schrecken davongekommen. Nur die Bretter auf dem Boden erinnern daran, dass das Unglück damals kein Zufall war.

Unter dem Holz plätschert das Grundwasser auch heute in einem kleinen Bach.

Ein gieriges, unersättliches Monster

Auf dem Weg zum Aufzug kommt Mirtjochin das Wasserrauschen auf einmal sehr laut vor. Der Bach plätschert nicht mehr, er strömt. Schmutzige Brühe schwappt über die Bretter. Mit jedem Schritt wird das Wasser tiefer. "Auf einmal stand ich in einem reißendem Fluss", erinnert sich Mitrjochin. Wellen schlagen von vorn gegen die Beine des Bergmanns. Nach zehn Minuten ist er nass bis auf die Haut. Er begreift: Irgendwo frisst sich das Wasser in die unterirdischen Arme der Stollen wie ein gieriges, unersättliches Monster.

700 Meter über ihm geht ein grauer Herbsttag zu Ende. Der Regen bringt Schlamm in die tristen Straßen. Aber Nowoschachtinsk, russisch für "Neuer Schacht", ist auch bei Sonnenschein kein schöner Ort mit seinen Gruben, Halden und schäbigen Wohnkasernen. Die Stimmung ist schon lange schlecht. Tausende Bergleute haben Arbeit verloren, sieben von neun Gruben wurden geschlossen. Wer Arbeit hat, bekommt seit März nicht mal mehr den Hungerlohn von etwa 2000 Rubeln, umgerechnet kaum 70 Euro. Die meisten Bergleute können es sich nicht leisten, ein Butterbrot mit zur Arbeit nehmen.

Einige hatten auf bessere Zeiten gehofft, als das Unternehmen "Russkij Ugol", "Russische Kohle" das Rostower Kohlekombinat aufkaufte. Doch auch dort will niemand sein Geld in maroden Gruben verlieren. Die Investitionen bleiben aus.

Immerhin ist der neue Direktor Wassilij Awdejew an seinem ersten Arbeitstag in den Schacht gefahren, um sich ein eigenes Bild zu machen. Er hat nichts Gutes gehört. Das größte Problem ist seit Jahren das Wasser. Da es aus den geschlossenen Gruben nicht mehr abgepumpt wird, verteilt es sich ungehindert in den funktionierenden. Nach dem Unfall im Februar machte das Energieministerium deshalb strikte Auflagen. Doch Geld aus dem Staatshaushalt floss nicht. Wer interessiert sich schon für Sicherheit? Die Bergarbeiter schuften auch ohne Staubmasken, ohne Lärmschutz und manchmal zwei Schichten hintereinander. Die Mitarbeiter des Rettungsdienstes bekommen einen Schrecken, als um 17.45 Uhr die Sirene heult.

Niemand weiß, was bei einem Wassereinbruch zu tun ist

Dem Bergmann Wladimir Mitjrochin kommt es vor, als sei unter Tage ein Hurrikan ausgebrochen. Mit einer Geschwindigkeit von 25000 Kubikmetern in der Stunde drückt Wasser in den Schacht, verdrängt die Luft und presst sie durch die unterirdischen Stollen. Bergarbeiter verlieren ihre Helme, klammern sich gegen den Wind an Trossen fest. Wagen fallen um, Befestigungen verbiegen sich. Immer wieder treiben Wellen heran. Männer stolpern, fallen gegen Loren und Maschinen. Mitrjochin verzweifelt leise. Bergleute sind vorbereitet auf Feuer im Schacht. Doch niemand weiß, was bei einem Wassereinbruch zu tun ist. Als Mitrjochin beim Aufzug ankommen, ist der Wind im Schacht so stark, dass es vier Männern nicht gelingt, die Tür zu öffnen.

Langsam quälen sich Mitrjochin und 31 andere Männer durch die Dunkelheit, durch das Labyrinth der Stollen und Strecken, auf der Suche nach anderen Ausgängen. Das Bergwerk ist wie eine Stadt unter der Erde. Manchmal waten sie durch hüfttiefes Wasser, schwimmen oder tauchen ein Stück. Irgendwann, spät in der Nacht, richten sich die Bergleute auf Brettern ein Nachtlager ein. Einer reißt ein Isolierband von einem Rohr, vier Männer schlafen darunter, notdürftig geschützt vor Kälte. Mirtrochin bettet seinen Kopf auf einen Ziegelstein.

Oben kann Alexander Jewstratow vom Rettungsdienst die Katastrophe mit eigenen Augen verfolgen. Das Wasser, das sich in der Erde wie in einem See angesammelt hatte, flutet langsam den Kohleaufzug und drängt von hieraus in die unterirdischen Arme. "Wir überlegten, dass wir den Schacht zuschütten müssen, um das Wasser aufzuhalten", sagt Jewstratow. Tausende Tonnen Splitt, Beton, aber auch Lastwagen, Loren und Schrott, Gleise und 15 Meter lange Gasrohre werden in den nächsten Tagen in das Bergwerk gekippt. Auch die Luftmessungen alarmieren. Am Ventilationsschacht beträgt der Sauerstoffgehalt an manchen Stellen nur 16 Prozent.

Das hält kein Mensch lange aus, denkt Alexander. Er denkt auch daran, dass sein Schwager Wladimir Mitrjochin irgendwo in der Tiefe steckt.

"Wann ist wohl unsere Beerdigung?"

Dort unten in der Dunkelheit gleicht der Tag der Nacht, keiner der Männer spürt noch die Zeit. Mitrjochin und die anderen einigen sich, nicht über Essen, Bier und Zigaretten zu sprechen. Vorsichtig, in kleinen Schlücken, trinken die Bergleute Wasser, das von den Wänden tropft. Alle haben Angst vor Bauchkrämpfen. "Wann ist oben wohl unsere Beerdigung?", fragt einer.

Die Luft wird immer schlechter, die Hoffnung schwindet. Kopfschmerzen und Müdigkeit lähmen. Manchmal kommen sie kaum voran auf ihrer Suche nach einem Ausgang. Immer häufiger versperrt Wasser den Weg. Streit bricht aus. Sergej Wojtenok, ein erfahrener Bergmann, ist sich sicher, dass er einen Notausgang kennt. Doch die anderen halten die Route für zu gefährlich. Nur Mitrjochin schließt sich ihm an. "Kommt wieder zurück! Bleibt stehen!" rufen die anderen Männer ihnen noch nach. Doch das hören die zwei schon nicht mehr.

Sie waten durch das Wasser und stehen plötzlich an einer Wegegabelung. Auch Wojtenok weiß nicht mehr weiter. Plötzlich flackern hinten, weiter im Tunnel, blasse Lichter. "Wer seid ihr?" schreien Sergej und Wladimir. Sind Retter unterwegs? Die Enttäuschung ist maßlos. Es ist eine andere Gruppe, genauso verzweifelt, müde und glücklos auf der Suche nach einem Ausgang.

Die Kumpel tragen die Kohle mit den Händen ab

Bis ein Tunnel von 60 Metern gebaut ist, vergeht normalerweise ein Monat. Doch die Retter wollen das in ein paar Tagen schaffen. Der schmale Tunnel soll den Unglücksschacht mit dem Nachbarschacht "Komsomolskaja Prawda" verbinden. So könnten die Bergleute über einen Umweg befreit werden. Man entscheidet sich für eine Verbindung durch ein Kohleflöz. Ohne Pause sprengen die Kumpel den Korridor in den Berg und tragen die Kohle mit den Händen ab.

Am Samstagmorgen, dem dritten Tag der Gefangenschaft unter der Erde, klingelt um 8 Uhr im Kommunikationsraum des Bergwerks ein Telefon. Es ist nur schwer zu verstehen, was der Mann am anderen Ende sagt. Jemand hat unter Tage ein Telefon repariert. 33 Männer sitzen am Inspektorenaufzug und warten. Die große Gruppe, von der Mitrjochin und Wojtenok sich trennten, hat es geschafft.

Doch 13 Bergleute fehlen noch immer. "Sie haben fast keine Chancen mehr auf Rettung", schreibt die Moskauer Tageszeitung Kommersant. Der Bergbauexperte und Parlamentsabgeordnete Wladmir Katalnikow kommentiert: "Wir unternehmen all die Anstrengungen nur noch, um uns hinterher nichts vorwerfen zu müssen."

Seit Tagen trocknen die Kleider nicht

Unter Tage herrscht Verzweiflung. Die Männer kauern im Osten des Schachts und hören manchmal die Sprengungen für den Tunnel. Doch immer häufiger glauben sie, dass da im Nachbarschacht nur jemand die Tagesarbeit macht. Seit Tagen trocknen die Kleider nicht. Einer hat in den Wassermassen sogar die Hosen verloren. Die Akkus der Lampen sind fast aufgebraucht und werfen nur schwaches Licht. Der Bergmann Michail Iwanow kann nicht mehr gehen. Nach einem Sturz schmerzen Knochenbrüche.

Sergej Wojtenok bricht am vierten Tag seiner Gefangenschaft auf eine Erkundungstour ins Dunkel auf. Von hinten rollt eine Welle heran. "Wasser!" rufen die Männer noch. Doch Wojtenok, fast taub nach der Arbeit im Schacht, hört nichts. Die Welle drückt ihn gegen eine Kohlelore. Sergej Wojtenok stolpert und ist sofort tot.

Sergej Tkatsch beobachtet den Wasserstrom, der durch einen Stollen fließt. "Komm mit!" ruft ihm ein Kumpel zu. "Gleich", sagt Sergej. Er wurde nicht wieder gesehen.

Wie lange wird die Luft reichen?

Niemand erinnert sich mehr, wann die vier kräftigsten Männer aus der Gruppe beschließen, den Wasserstand in den parallelen Gängen auszukundschaften. Wie lange wird die Luft reichen? Bleibt ihr Versteck vom Wasser verschont? Nach vielen Stunden kehrt einer von ihnen zurück. Die Kundschafter sind irgendwo in den Stollen kraftlos liegen geblieben. Sie können nicht einmal mehr laufen vor Erschöpfung.

Am Dienstagmorgen soll der Bergungstunnel bei 51 Metern Länge endlich auf den Unglücksschacht treffen. Doch ein Durchbruch ist nicht in Sicht. Offenbar wurde die Entfernung falsch berechnet. Wie lange gegraben werden muss, weiß keiner. Es ist nicht der einzige Rückschlag. Zwischendurch haben die Retter sogar ein Gummiboot in einen überfluteten Schacht gelassen. Fünf Mann wagen eine Erkundungsfahrt. Doch von der schlechten Luft wird einem Mannschaftsmitglied schlecht. Die Männer haben gerade das Boot verlassen, als eine Welle es samt Ausrüstung mitreißt. So rettete ihnen die Krankheit das Leben.

Es ist bereits Mittwoch, der Tunnel ist 61 Meter lang, als die beiden Schächte endlich aufeinander treffen. Eilig steigen zwei Gruppen ab. Nach 2,5 Kilometern und eine halbe Stunde finden sie eine Aufschrift, mit Kohle auf ein Brett geschrieben: "25.10. Wir sind hier."

"Es war eine Erscheinung wie Jesus Christus"

Die Männer unter der Erde sehen die Lichter von weitem. "Es war eine Erscheinung wie Jesus Christus", sagt einer. Wladimir Mitrjochin erinnert sich: "Das waren ganz helle Lampen, frisch, nicht so verbraucht wie unsere." Irgendwer ruft seinen Namen. So findet sein Schwager ihn doch noch.

Im Krankenhaus von Nowoschachtinsk kurieren die Männer später ihre Wunden aus. Sie leiden unter Lungenentzündung, Unterkühlung, unter Knochenbrüchen und offenen Wunden. Auch das Tageslicht ist noch etwas ungewohnt nach einer Woche in der Finsternis. Einmal will die Krankenschwester deshalb die Gardinen vor die Fenster ziehen. Doch da protestieren sie alle. Auf die Sonne wollen sie nicht mehr verzichten.

Bettina Sengling / Mitarbeit: Galina Klimowa

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