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"Rosetta"-Mission "Philae" ist bereit für den Ritt auf dem Kometen


Was Europas Raumfahrer vorhaben, ist schlicht ein Himmelfahrtskommando. Eine Raumsonde auf einem Kometen abzusetzen, hat noch niemand versucht. Es geht um die Antwort auf die Frage: Wo kommen wir her?
Von Dieter Hoß

Egal, was passiert: Diesen Arbeitstag wird Andrea Accomazzo auf keinen Fall vergessen. Der 44-jährige Italiener ist Flight Director der "Rosetta"-Mission. An diesem Mittwoch will die Europäische Raumfahrtagentur Esa eine Forschungssonde auf einem Kometen absetzen. Das hat bisher noch niemand versucht. Ob es wirklich funktioniert, weiß keiner. Anders als Planeten, die ihre Kreise auf stabilen Bahnen um die Sonne ziehen, sind Kometen unförmig, unstet, schwer berechenbar und brechen vielleicht sogar auseinander, wenn sie durch die Hitze in Sonnennähe Gase, Eis und Gesteinsbrocken von sich werfen. "Launenhafte Biester", nennt sie Projektwissenschaftler Matt Taylor. Dementsprechend herrscht schon seit Tagen große Anspannung im Kontrollzentrum Esoc in Darmstadt. Von hier aus wird die waghalsige Aktion gesteuert - und alle Fäden laufen bei Andrea Accomazzo zusammen.

Konkret soll sich der knapp 100 Kilo schwere Lander "Philae" an dem erdnußförmigen Kometen 67P/Tschurjumow-Gerasimenko - kurz Tschuri genannt - festklammern. Das mit wissenschaftlichem Gerät - auch aus Deutschland - vollgestopfte Kästchen hat den kosmischen Vagabunden im vergangenen August huckepack mit der Sonde "Rosetta" erreicht - nach zehnjähriger Reise durchs All. Schon vor 20 Jahren gab es die ersten Planungen für die Mission, einige Wissenschaftler der ersten Stunde sind längst im Ruhestand. Accomazzo ist seit 18 Jahren dabei. Und nach all der Zeit ist der Tag der Tage nun da. "Philaes" Landung auf dem Kometen soll die ambitionierte Mission krönen. "Es ist schon Druck da", geben beteiligte Experten und Wissenschaftler zu. Außer ums wissenschaftliche Renomee geht es auch ums Prestige: Mit dem ersten Ritt auf einem Kometen würde die Esa einen Meilenstein in der Raumfahrthistorie setzen.

Stundenlanges Warten

"Wir sind gut vorbereitet, wir haben alles gemacht, was wir machen können", lässt sich Accomazzo davon nicht verrückt machen. Rund 70 Experten sollen im Esoc bis kommenden Samstag im Schichtdienst unter seiner Leitung die Mission schaukeln. Hinzu kommt die Koordination mit den beteiligten Experten bei der französischen Raumfahrtagentur CNES in Toulouse und im Lander Control Center des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln, das für den operationellen Teil der "Philae"-Teilmission verantwortlich ist. Alle Abläufe wurden mehrfach geprobt, jeder kennt seine Aufgabe, klar ist auch, wer wann Entscheidungen trifft - nicht zuletzt in kritischen Situationen könnte jedes Zögern weitreichende Folgen haben.

Die Experten auf der Erde steuern und überwachen im Laufe des Tages Prozesse, die sich in mehr als einer halben Milliarde Kilometer Entfernung abspielen. Zwischen 7.35 und 8.35 Uhr wird entschieden, den Landevorgang einzuleiten. Läuft alles nach Plan, wird "Philae" um 9.35 Uhr von Rosetta "mit einem sanften Schubs" abdocken - in 22,5 Kilometern Höhe über dem Kometen. Kurz nach 10 Uhr hoffen die Forscher die Bestätigung zu erhalten, dass Philae auf dem Weg zur Kometenoberfläche ist. Das Singal braucht 28 Minuten und 20 Sekunden bis zur Erde. Danach beginnt das lange und nervenaufreibende Warten: Der Lander "fällt" mit einem gemächlichen Tempo von 18 Zentimetern pro Sekunde Richtung Kometenoberfläche und folgt dabei einer vorab vom DLR programmierten Computer-Sequenz. Ein Steuern ist in diesen Stunden nicht möglich, der "Rosetta"-Orbiter kann nach frühestens zwei Stunden die Landung lediglich verfolgen. Um 17 Uhr soll schließlich das ersehnte Signal eintreffen: "Philae" ist gelandet!

Woher kommen wir?

In diesem Moment wird sich die Anspannung im Esoc-Kontrollzentrum in lautem Jubel entladen - wenn denn alles so kommt. "Wir brauchen auch ein wenig Glück", gibt Andrea Accomazzo zu. Philaes Landung ist es, die den Flight Director wirklich umtreibt. "Vom Abkoppeln bis zur Landefrequenz können wir alles vorbereiten und kontrollieren", doch die Bedingungen beim Touchdown, darauf haben wir keinen Einfluss", bedauert er. Vor allem über die Bodenbeschaffenheit der Landestelle Agilkia (der Name wurde aus 8300 Vorschlägen von Raumfahrtfans ausgewählt) können die Wissenschaftler nur spekulieren. Trifft Philae einen großen Felsbrocken und kippt um? Prallt der Lander von hartem Boden regelrecht ab? Oder finden die Ankerharpunen in vergleichsweise weichem Boden nicht genügend Halt? Es kann viel passieren. Accomazzo: "Das macht mich ein bisschen nervös, aber was soll ich machen?"

Geht alles gut, beginnen die Instrumente an Bord des Mini-Labors sofort die wissenschaftlichen Untersuchungen. Denn das ist schließlich Sinn und Zweck des Weltraum-Abenteuers: Herauszufinden, was uns Kometen über die Entstehung des Sonnensystems und über uns selbst zu sagen haben. Die Vagabunden des Alls gelten als weitgehend unveränderte Relikte aus der Zeit der Entstehung unseres Sonnensystems vor 4,6 Milliarden Jahren. Vieles spricht dafür, dass sie Wasser und Lebensbausteine auf die Erde gebracht haben. Mit zusammen mehr als 20 Instrumenten an Bord sollen "Rosetta" und vor allem "Philae" die Schweifsterne enträtseln und möglichst Antworten liefern auf die alte Frage: Woher kommen wir?

Die Aussicht, Antworten auf diese Frage zu finden, ist für Andrea Accomazzo Grund genug, eine so umfangreiche und ambitionierte Mission zu realisieren. Das rechtfertige auch die immensen Kosten. "Uns stehen völlig neue Entdeckungen bevor", ist sich sein Chef, Esa-Generaldirektor Jacques Dordain sicher. "Der Mensch will immer mehr wissen", ergänzt Accomazzo. "Mit diesem Wunsch überleben wir."


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