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Kritik an Sozialbehörde Fünf tote Obdachlose seit dem Jahreswechsel in Hamburg – und die Hotels stehen leer

Ein Obdachloser liegt unter einer Eisenbahnunterführung (Symbolbild)
Ein Obdachloser liegt unter einer Eisenbahnunterführung (Symbolbild)
© Hauke-Christian Dittrich / DPA
Die Coronavirus-Pandemie trifft die Schwächsten unserer Gesellschaft besonders hart. Seit Jahresbeginn sind auf Hamburgs Straßen bereits fünf Obdachlose gestorben. Das Straßenmagazin "Hinz&Kunzt" fordert nun die Unterbringung in Hotels.

An Silvester starb ein 48-jähriger Mann in der Nähe der Landungsbrücken, einen Tag später wurde ein 59-Jähriger tot auf einer Isomatte im Schanzenpark gefunden. In der Nacht auf den zweiten Januar kam ein 65-Jähriger auf dem Altonaer Hauptfriedhof – vermutlich während des Versuchs, sich in seinem Zelt Essen zu kochen – ums Leben. Wenige Tage später entdeckte ein Passant einen 45-Jähriger unter der Überdachung eines Mehrfamilienhauses in Altona, am 8. Januar wurde ein Mann mitten auf dem Gehweg auf der Reeperbahn gefunden.

Obdachlos in Hamburg: Angst vor Corona-Infektion in Mehrbettzimmern 

Die fünf Männer sind tot, alle waren obdachlos. Der genaue Todesumstand ist bislang in keinem der Fälle geklärt. Fünf tote Obdachlose in nicht einmal zwei Wochen. 

Zum Vergleich: Im vergangenen Winter sind laut Sozialbehörde in einer der reichsten Städte des Landes zwei Menschen gestorben. "Diese traurigen Todesmeldungen sind Folgen der Verelendung auf Hamburgs Straßen, auf die große Teile der Hamburger Obdachlosenhilfe seit Monaten hinweisen. Die Stadt stiehlt sich aus der Verantwortung, indem sie behauptet, im Winternotprogramm seien Betten frei", sagt "Hinz&Kunzt"-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer in einem Bericht des Straßenmagazins. Das Problem: "Solange die Menschen dort in Mehrbettzimmern schlafen und die Unterkünfte tagsüber verlassen müssen, gehen viele Obdachlose dort nicht hin. Wir würden es auch nicht tun, gerade nicht in Pandemiezeiten. Es wäre arrogant, Obdachlosen zu sagen, sie müssten nicht auf der Straße schlafen, wenn dieses Winternotprogramm ihre Alternative ist."

Karrenbauer fordert die Stadt eindringlich auf, "sofort Maßnahmen zu ergreifen, damit jeder die Möglichkeit hat, zur Ruhe zu kommen." Unterstützung bekommt "Hinz&Kunzt" dabei von den Oppositionsparteien CDU und Linke sowie von der Caritas. Wenn Hotels zu Notunterkünften für Obdachlose würden, könnten die Menschen in Einzelzimmern übernachten – gut geschützt vor Kälte und einer Infektion mit dem Coronavirus. 

"In einer so wohlhabenden Stadt wie Hamburg dürfen trotz kalter Tage und Nächte keine Menschen auf den Straßen erfrieren. So unwürdige Zustände sollte es gerade unter einem rot-grünen Senat nicht geben. Ich fordere die Sozialsenatorin daher auf, jetzt umgehend eine sichere Hotelunterbringung für besonders gefährdete Obdachlose zu organisieren", erklärt beispielsweise Andreas Grutzeck, sozialpolitischer Sprecher der Hamburger CDU-Fraktion.

Die Stadt Hamburg sieht das anders. Obdachlose könnten "in Ausnahmefällen" in Einzelzimmern im Hotel untergebracht werden, sagt Martin Helfrich, Sprecher der SPD-geführten Hamburger Sozialbehörde. Grundsätzlich hält die Behörde aber an den bestehenden Angeboten – Übernachtungsplätze in Sammelunterkünften – fest. Doch die Zustände in Notunterkünften sind problematisch, vor allem in Zeiten einer Pandemie: Die Bewohner müssen jeden Morgen ihr Mehrbettzimmer verlassen und dürfen erst am Abend wiederkommen, das Risiko einer Infektion mit dem Coronavirus sei enorm, bemängeln Kritiker.

"Die Leute sind verzweifelt, müde und geschwächt"

"Wir brauchen jetzt kurzfristige Lösungen, weil die Menschen nicht in die Massenunterkünfte gehen", sagt Johan Grasshof, Straßensozialarbeiter bei der Diakonie zu "Hinz&Kunzt". Die Coronakrise habe die Lage auf der Straße noch einmal verschärft: "Die Leute sind verzweifelt, müde und geschwächt und suchen den ganzen Tag nach Möglichkeiten, sich auszuruhen." 

Vor allem, weil viele Obdachlose als Corona-Risikopatienten gelten und bereits mit einigen Vorerkrankungen zu kämpfen haben. Außerdem fehlten die Spenden von Berufspendler und Passanten, die durch die Städte oder über die Weihnachtsmärkte bummeln. Viele der Obdachlosen müssten pro Tag mit einer Mahlzeit auskommen.

Das Konzept, Obdachlose in Hotels unterzubringen, ist übrigens nicht neu: Dank eines Zusammenschluss unterschiedlicher Hilfsorganisationen und einer Großspende des Unternehmens Reemtsma über 300.000 Euro konnten seit Dezember bereits 80 Obdachlose in Zimmern mehrerer Hamburger Hotels und Hostels einquartiert werden, wie der NDR berichtet. Die Stadt ist an dem Projekt nicht beteiligt.

Eine der Hotelmanagerin ist Myléne Delattre, sie nimmt schon seit vergangenem März Obdachlose in ihren beiden "Bedpark"-Hostels im Schanzenviertel auf. 45 Menschen gewährt sie inzwischen seit Monaten Unterkunft. "Wir reden nicht von einem Drei-Sterne-Hotel", sagt Delattre dem NDR. "Es ist ein Hostel, aber absolut ausreichend für den Zweck, den wir im Kopf hatten: Die Leute zur Ruhe kommen zu lassen und sie vor der Pandemie zu schützen."

Quellen: Hinz&Kunzt, NDR, CDU Hamburg, hamburg.de


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