Indien "Personalausweis" für Kühe

In Indien bekommen Kühe eigene Ausweiskarten: Plastikkarten mit Kuh-ID, Foto und Angaben zu Größe, Farbe und Geschlecht sollen es leichter machen, Kühe und Besitzer zu identifizieren. Denn der Vieh-Schmuggel ins benachbarte Bangladesh floriert.
Von Eva-Maria Senftleben

Bürger der Europäischen Union kennen dieses Szenario kaum noch: Passkontrollen. Was für uns langsam zur Seltenheit wird, soll in Indien jetzt für Kühe eingeführt werden. Denn der Viehhandel in der Grenzzone zwischen Indien und Bangladesh floriert. Kein Wunder - in Bangladesh ist eine Kuh drei bis vier Mal so teuer wie in Indien. Das Problem ist nur: Die meisten Kühe werden geschmuggelt, viele sogar gestohlen. Die indischen Behörden haben sich deshalb nun etwas einfallen lassen, um den Schmuggel zu erschweren.

"Kühe haben eine Nationalität

Die Idee ist einfach: Wenn eine Kuh eine Identität hat, also einen Ausweis bei sich trägt, dann kann sie an der Grenze erkannt werden. "Auch Kühe haben eine Nationalität", schrieb die "Times of India". Die Grenzposten zwischen Indien und Bangladesh stehen häufig vor dem Problem, nicht nachweisen zu können, dass eine Kuh geschmuggelt ist. "Bisher können wir nichts ausrichten, wenn die Leute behaupten, es seien ihre Kühe. Wir finden erst später heraus, dass sie gestohlen worden sind", zitiert die "Times of India" einen Beamten der Verwaltung im indischen Distrikt Behampore.

Der Vieh-Schmuggel an der westbengalischen Grenze ist ein altes Problem, das immer wieder zu Konflikten zwischen den Schmugglern und der Grenzpolizei führt. Häufig gibt es sogar bewaffnete Angriffe. Die indische Zeitung "Asian Age" zitiert aus einem Bericht der indischen Grenzpolizei BSF, dass nicht nur Vieh aus der Umgebung geschmuggelt werde, sondern auch aus anderen Teilen Indiens. Über Fernstraßen oder mit der Eisenbahn werden die Kühe in die Grenzgebiete transportiert, umd dort auf Viehmärkten verkauft und dann über die Grenze geschmuggelt zu werden. Der Schmuggel sei offensichtlich: Die Menge des auf den Märkten verkauften Viehs übertreffe den lokalen Bedarf bei Weitem. Die lokalen Behörden und die Grenzpolizei seien dennoch nur "stumme Beobachter", schreibt die Zeitung weiter.

Kuhfladen im Fotostudio

Ausweiskarten sollen die Lösung des Problems sein: Jeder Kuh wird eine laminierte Plastikkarte mit einer persönlichen Nummer ausgestellt, die sie um den Hals trägt. Auf der Karte ist ein Foto mit dem Besitzer zu sehen, außerdem Angaben zu Größe, Farbe, Geschlecht und besonderen Merkmalen des Tieres. Kühe, die keine Karte haben, werden sofort sichergestellt. Wird eine Kuh verkauft, muss der neue Besitzer sich eine neue Karte ausstellen lassen. Jeder Ausweis ist zwei Jahre gültig. Wie die "South China Morning Post" berichtet, wird das neue System positiv aufgenommen: 5000 Ausweise seien in diesem Jahr bereits ausgestellt worden. Die Ausweiskarten wurden jedoch noch nicht flächendeckend eingeführt. Für Fotografen und Besitzer sind aber vor allem die Aufnahmen der "Passbilder" eine Herausforderung: "Nach fast jeder Aufnahme muss ich das Studio putzen", sagte der Fotograf Pintu Mandal der "South China Morning Post". Für Kuh-Besitzer Farid Hussain sei es sehr anstrengend gewesen, seine vier Kühe fotografieren zu lassen: "Ich habe zwei ganze Tage im Fotostudio verbracht, um Bilder von ihnen zu bekommen. Eine meiner Kühe hat die Beleuchtungsanlage zerstört. Ich musste 800 Rupien - die Hälfte meines Monatsgehaltes - zahlen, um den Schaden zu begleichen". Dennoch sei er froh, die Ausweiskarten jetzt zu haben: "Das ist das Ende der nächtlichen Razzien und der Belästigung durch die Grenzposten." Dank der Plastik-Ausweise kann er seine Kühe nun in Grenznähe grasen lassen, ohne des Schmuggels verdächtigt zu werden.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker