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Jahrestag der Katrina-Katastrophe: "Ich bin wieder da"

Kein Trinkwasser, kein Strom, keine Krankenhäuser: Ein Jahr nach Hurrikan "Katrina" sind viele Teile von New Orleans immer noch Katastrophengebiet. Die Bewohner flüchten sich in Galgenhumor.

Rund 80 Prozent der Stadt waren überflutet, in einigen Vierteln gibt es noch immer kein Trinkwasser, und nicht einmal jedes zweite Haus hat Strom: Nach den Verwüstungen von Hurrikan "Katrina" musste New Orleans fast wieder von vorn anfangen. Seit dem Durchzug des Wirbelsturms kämpft die Stadt um jeden Meter und um jedes Haus. Einen "Masterplan" für den Wiederaufbau haben die Behörden dabei auch nach zwölf Monaten noch nicht: New Orleans hat seine Wiedergeburt der Beharrlichkeit Einzelner zu verdanken.

Mit Atemschutzmaske ins eigene Haus

Eine von denen, die einfach entschlossen handelten, ist Willie Lee Barns. Sie betete einen Rosenkranz, dann griff sie sich eine Schaufel und eine Atemschutzmaske und schlug in ihrem Haus den schimmligen Putz von den Wänden. Über Wochen hinweg füllte die inzwischen 94-Jährige Eimer um Eimer, und heute ist ihr Haus eines der wenigen im Armenviertel Lower Ninth Ward, in dem nicht mehr Moder und Schlick gammeln. "Ich mache mir keine Gedanken darum, wie schwer etwas aussieht, ich versuche es einfach", erklärt Barns schulterzuckend.

Selbst in die von "Katrina "am schlimmsten betroffenen Viertel, wo auf Bäumen alte Matratzen verrotten und die Straßen noch immer von Unrat übersät sind, ist wieder zögerlich Leben zurückgekehrt. Auf einer Straße, die vor einem Jahr noch zwei Meter unter Wasser stand, schiebt heute eine junge Mutter einen roten Kinderwagen vor sich her, abends geht dort ein Pärchen joggen. Wer in seine zerstörte Stadt zurückgekehrt ist, ist stolz drauf: "Ich bin wieder da. Du auch?" ist auf einem Schild zu lesen. Ein paar Straßen weiter heißt es: "Ich bin wieder zuhause".

Schätzungsweise 220.000 der knapp 500.000 Einwohner von New Orleans leben inzwischen wieder in ihrer Stadt. "Dieses Haus ist meine Seele", sagt auch Carolyn Parker, die sich im Winter wieder in New Orleans eingerichtet hat. Sie hat weder Strom noch fließendes Wasser, erst seit Juli gibt es in ihrer Straße einen von der Regierung gestellten Wassercontainer. Bis dahin lief Parker jeden Morgen zu einem Hydranten und kehrte mit zwei gefüllten Eimern zurück.

Im Vergnügungsviertel French Quarter hat sich im täglichen Kampf gegen die Schwierigkeiten nach "Katrina" eine eingeschworene Gemeinschaft an Optimisten gefunden - die sich mitunter auch in Galgenhumor flüchtet. Viele haben Flaggen von New Orleans gehisst, auf Autoaufklebern ist zu lesen "Ich bin stolz darauf, nach Hause zu schwimmen". Nicht alle hätten die Kraft und den Mut, New Orleans wieder aufzubauen, sagt Del aus dem Viertel Broadmoor, der nur seinen Vornamen nennen will: "Es gibt zwei Sorten von Leuten: Die einen kamen zurück, und die anderen kamen zurück und gaben auf." Wer nicht aufgegeben hat, ist in die oberen Stockwerke seines Hauses gezogen, die während der wochenlangen Überschwemmungen trocken geblieben sind, und arrangiert sich mit den Umständen. Das bedeutet: keine warmen Mahlzeiten, keine Klimaanlage während der steigenden Temperaturen in den Sommermonaten, keine Dusche.

Erst ein Drittel der Krankenhäuser in Betrieb

Schwierig geworden ist nicht nur die private Wohnsituation, sondern beispielsweise auch die medizinische Versorgung. Erst ein Drittel der Krankenhäuser in New Orleans sind ein Jahr nach "Katrina" wieder in Betrieb. Innerhalb der kommenden drei Monate würden außerdem alle Kliniken über eine Einschränkung ihrer Leistungen nachdenken, sagt Mark Peters vom Metropolitan Hospital Council of New Orleans. Hunderte Ärzte haben nach Angaben von Versicherungsunternehmen der Stadt den Rücken gekehrt. Nur an 56 der 128 öffentlichen Schulen wird wieder unterrichtet. Seit Jahresbeginn registrierte die Polizei fast 80 Mordfälle, angesichts der ausufernden Gewalt rief Bürgermeister Ray Nagin die Nationalgarde um Hilfe.

Gloria Cauldfield machen vor allem die Kosten für die Renovierung ihres Hauses zu schaffen. Das Dach hat sie bereits reparieren lassen, Strom gibt es mittlerweile auch. Bevor sie einen Gasanschluss legen lassen kann, muss sie aber von einem vereidigten Installateur die Leitungen abnehmen lassen, allein die Gebühr dafür beträgt 600 Dollar (500 Euro). Am liebsten würde sie außerdem ihr Restaurant wieder eröffnen. "Das ist mein Leben", sagt die 63-Jährige. "Wenn ich wieder arbeiten gehen könnte, wäre das wie eine Therapie für mich." Eineinhalb Meter hoch stand das Wasser in "Gloria's Restaurant", an den Wänden bildete sich Schimmel. In höchstens drei Wochen könnten sie das "Gloria's" zwar wieder eröffnen, sagt Cauldfields Cousin Green Stevens, der ein Bauunternehmen hat. Die Kosten schätzt er allerdings auf 25.000 bis 35.000 Dollar (19.500 bis 27.400 Euro).

Cauldfields Schwester, der das Gebäude gehört, hat monatelang mit ihrer Versicherung wegen der "Katrina"-Schäden gestritten, für das Restaurant und ein weiteres Haus soll sie aber nur 15.000 Dollar erhalten. Wegen der hohen Kosten für die Renovierung wird Cauldfield vermutlich auch ihre neuen Nachbarn nicht kennen, die demnächst in die umliegenden Häuser einziehen. Die Miete solle auf mehr als das Dreifache steigen, hat sie gehört.

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Rukmini Callimachi/AP / AP
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