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Turin: Nach der Massenpanik: Italien feiert Helden, die keine sein wollen

Der siebenjährige Kelvin hätte am Samstagabend sterben können. Weinend, im Blut und den Scherben auf der Piazza San Carlo in Turin. Doch zwei Männer holten ihn heraus - aus dem Gliedmaßen-Gewirr, der Massenpanik, zurück ins Leben.

Nach der Massenpanik von Turin: Chaos, Schock, 1527 Verletzte und viele offene Fragen

Nach der Massenpanik von Turin: Chaos, Schock, 1527 Verletzte und viele offene Fragen

Die Todesangst währt 20 Minuten. Rund 30.000 Menschen verfolgen das Champions-League-Finale Juventus Turin-Real Madrid auf der Piazza San Carlo im Herzen von Turin, als ein paar Minuten vor dem Schlusspfiff Panik ausbricht. Tausende Menschen stürmen in allen Richtungen davon, trampeln über Gläser, über am Boden liegende Menschen, egal, einfach fort. Viele von ihnen tragen schwarz-weiß gestreifte Juve-Trikots, sie erinnern an eine Herde Zebras auf der Flucht. Wovor sie fliehen, wissen die Fans nicht. Nicht am Samstagabend, auch nicht heute. Die Ursache der Turiner Massenpanik ist zwei Tage danach noch immer unbekannt.

Es könnte ein explodierender Knallkörper gewesen sein, sagen die Ermittler. Oder ein Mann, der "Attentat!" geschrien habe, vielleicht auch "Bombe! Bombe!", wer weiß das so genau. Ein dummer Scherz jedenfalls, wenn es denn einer war. Ob es so war oder was es sonst war, das tausende Menschen aufschrecken und davonstieben ließ, ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft. Die Hypothese laute "mehrfache schwere Körperverletzung", ermittelt werde gegen Unbekannt, berichtet die italienische Sportzeitung "Gazzetta dello Sport". Terror werde ausgeschlossen. Ein junger Mann, der mit nacktem Oberkörper, schwarzem Rucksack und ausgestreckten Armen über die Piazza gelaufen war, wurde zwar erst festgesetzt. Nach zehnstündigem Verhör im Polizeirevier sind er und sein Kollege aber wieder auf freiem Fuß. Die beiden Italiener waren offenbar nicht die mutmaßlichen Selbstmordattentäter, für die sie gehalten worden waren. In der Turiner Massenpanik gibt es keine Beschuldigten, keine Verdächtigen – zumindest bis jetzt. Bis jetzt gibt es nur Opfer. 1527 insgesamt.

Schwere Vorwürfe: Turin für den Notfall nicht gerüstet

Die meisten der Verletzten konnten mittlerweile wieder aus den Krankenhäusern entlassen werden. Der Großteil hatte sich Schnittverletzungen zugezogen, der Platz, über den die Menschen geflohen waren, war mit Glasscherben und Schuhen übersät. Fans berichteten von vollkommener Planlosigkeit und versperrten Fluchtwegen, die Zeitung "La Stampa" davon, dass ein Sicherheitsplan für die Veranstaltung komplett gefehlt habe. Die Gemeinde steht unter Druck. Der Chef der italienischen Polizei habe nach dem Attentat von Manchester noch ein Rundschreiben verschicken lassen - doch offenbar waren in Turin gleich mehrere Punkte davon nicht umgesetzt worden. Es gab dem Bericht zufolge keinen Sammelpunkt für Verletzte. Kein Koordinationszentrum für Rettungskräfte. Keine eigene Zufahrt für Rettungswagen. Dass die Massenpanik nicht ein noch schlimmeres Ende gefunden hatte, sei nicht einem strategischen Plan zu verdanken, meint "La Stampa", sondern der Intuition einiger weniger.

Die "Helden" von Turin

Menschen wie Mohammad und Federico. Mohammad ist 20 Jahre alt, er arbeitet als Sicherheitskraft. Fabrizio ist 25, er ist Soldat und Student und möchte Krankenpfleger werden. Am Samstagabend wurden die beiden Männer erst zu Lebensrettern, dann zu Helden. Mohammad hatte in den Menschenmassen den kleinen Körper von Kelvin, 7 Jahre alt entdeckt und ihn daraus befreit. "Wenn ich ihn dort hätte liegen lassen, wäre er gestorben", sagt er später der Zeitung "La Repubblica". "Ich hatte große Angst, aber ich musste etwas tun." Mohammad suchte nach einem Arzt und traf auf Federico. Dieser beugte er sich in einer Art Umarmung über Kelvin. Die eine Hand an der Stirn des Jungen, mit der anderen hielt er seine Hand, den Kopf gesenkt, die Augen auf den Jungen gerichtet. Ein menschlicher Schutzschild in dieser verrückt gewordenen Welt auf der Piazza San Carlo.

Das Foto ging um die Welt, das Netz feiert Mohammad und Federico seitdem als Helden. Dabei, sagt Federico der Zeitung "Repubblica", habe er gar nichts Besonderes gemacht. Viel wichtiger sei der Gesundheitszustand des Jungen, der nach wie vor als kritisch beschrieben wird. Kelvin liegt noch immer auf der Intensivstation, wurde aber aus dem künstlichen Koma geholt. Am selben Tag kam Mohammad zu Besuch. 

pg