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stern-Kolumne Winnemuth: Das wandelbare "Wir"

Der Jogger hasst Hunde – bis er mit dem eigenen Liebling Gassi geht und Jogger hasst. Der Mensch braucht ein Wir-Gefühl – für jede Lebenslage

Von Meike Winnemuth

Entweder Hundefreund oder Jogger. Meike Winnemuth versucht jetzt beides gleichzeitig zu sein.

Entweder Hundefreund oder Jogger. Meike Winnemuth versucht jetzt beides gleichzeitig zu sein.

Hatte ich erwähnt, dass ich wieder angefangen habe zu laufen? Bestimmt habe ich das, das mache ich derzeit ständig, aus demselben Grund, aus dem Kettenraucher verkünden, das Rauchen aufgeben zu wollen: Sozialkontrolle. Gruppendruck. Kollektivpeitsche. Ach, danke, dass Sie fragen, ja, es geht voran. Und nein, ich bin dann doch bei den alten Schuhen geblieben. Optionsparalyse. Manchmal ist es die beste Entscheidung, keine zu treffen.

Wie auch immer: Ich bin also wieder Teil einer gesellschaftlichen Unterabteilung, Mitglied einer Gruppe, die sich bei der Ausübung ihres Gruppendings grüßen, und sei es mit einem Kopfnicken. Ich bin jetzt wieder Läufer. (Echte Läufer, die vor dem Frühstück zehn Kilometer runterreißen, während ich mich nach 500 Metern keuchend an einen Baum kralle, mögen das anders sehen, aber bitte.)

Entweder Nordic Walker oder Hundefreund

Die Mitgliedschaft kommt mit klein gedruckten Auflagen: Läufer mögen gefälligst keine Nordic Walker und keine Hunde. Bin ich dabei: Hunde laufen mir vor die Füße und annektieren den Baum, an dem ich gerade kollabieren wollte, Hunde nerven. Das denke ich natürlich nur genau so lange, wie ich jogge. Höre ich auf zu joggen, bin ich wieder Hundebesitzerin und mag in dieser Funktion keine Jogger. Vor allem diejenigen nicht, die keine Hunde mögen und meinen Foxterrier einen Scheißköter schimpfen, obwohl er doch nun wirklich nichts getan hat. Außer über den Weg zu laufen.

Die alte Schizophrenie

Es ist die alte Schizophrenie, die wir so gut aus dem Straßenverkehr kennen: Fährt man mit dem Rad, hasst man Autofahrer. Fährt man Auto, hasst man Radfahrer. Geht man zu Fuß, hasst man Auto- und Radfahrer, vor allem aber Radfahrer, die auf dem Bürgersteig fahren. Und obwohl die meisten Menschen sowohl Fußgänger wie auch Autofahrer wie auch Radfahrer sind (nur eben immer nur eins davon), schaffen sie es nicht, die Empörung über das, was sie zufällig zu diesem speziellen Zeitpunkt nicht sind, einfach mal stecken zu lassen.

Zugehörigkeitsgefühl ist ein menschliches Grundbedürfnis. In New York gab es lange einen Coffeeshop namens "Rize", an dessen Kasse zwei Weckgläser für Trinkgeld standen, jeden Tag neu beschriftet. Man stimmte per Trinkgeld ab: Was ist besser, ein Welpe oder ein Kätzchen? Superman oder Batman? Apple oder Samsung? Rize ist inzwischen dicht, was nicht an den Trinkgeldern lag, die flossen in rauen Mengen: Die Leute zahlten mit Begeisterung dafür, zu X oder Y zu gehören, Teil einer identitätsstiftenden Kategorie zu sein, eines Wir.

Statt Urnen Trinkgeldgläser aufstellen

Wir Apple-Jünger, "Star Wars"-Fans, Katzenliebhaber – und die anderen sind alle doof. (Das wäre übrigens mein Vorschlag gegen sinkende Wahlbeteiligung: statt Urnen Trinkgeldgläser aufstellen.) Meinung und Zugehörigkeit ist allerdings, wie man am eigenen Leib erlebt, nicht in Beton gegossen.

Wir alle sind Mitglieder so vieler Gruppen mit so vielen, oft widersprüchlichen Überzeugungen, dass es doch eigentlich umso leichter sein müsste, zumindest gedanklich die Position des anderen einzunehmen und sich klarzumachen, wie sehr die eigenen Haltungen je nach Kontext schwanken. Wenn schon nicht Empathie und Mitgefühl, dann doch wenigstens Mitdenken? Pustekuchen. Einfach schlimm, diese grölenden Fußballfans/diese herumstehenden Touristen/diese peinlichen Angetrunkenen! (Es sei denn, man ist selbst gerade beim Public Viewing/im Urlaub/auf einer Feier.) Demnächst werde ich zum ersten Mal mit meinem Hund joggen gehen. Ein echtes Dilemma: Wen soll ich denn dann bloß verachten? Gottlob bleiben ja immer noch die Nordic Walker.

Die Kolumne

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern