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M. Winnemuth: Um es kurz zu machen: Buridans Esel würde vor einem modernen Supermarkt-Regal kapitulieren

Entscheidungsdruck: Buridans Esel verhungerte, weil er sich nicht zwischen zwei Heuhaufen entscheiden konnte. Ein neuzeitliches Chips-Regal würde ihn in den Wahnsinn treiben.

Von Meike Winnemuth

Entscheidungsdruck: Buridans Esel würde auch im Supermarkt verhungern

Entscheidungsdruck: "Es ist alles zu viel"

Vor einigen Jahren, so erinnere ich mich vage, habe ich schon mal das Phänomen gestreift, dass jedes banale Grundnahrungsmittel, sei es Öl oder Essig oder Kartoffelchips (Verzeihung, aber in meiner Ernährungspyramide steht das als solide Basis ganz unten), durch einen Akt der Vergourmetisierung zu einer begehrenswerten Delikatesse mit unbegehrenswertem Preisschild geadelt wird. In meinem Supermarkt liegt im Salzregal – Regal! früher gab es mit Fluorid und ohne, fertig – Ware aus der Camargue, dem Toten Meer, aus Ibiza, Portugal, Südfrankreich, England, Island, "aus dem kühlen, sauberen Norwegischen Meer", "aus dem urzeitlichen Zechsteinmeer" sowie "aus Europas einziger Pfannensaline". Auf Salztüten steht Pseudopoetisches wie "Salz ist das Meer, das nicht in den Himmel zurückkehren konnte", und selbstverständlich ist das Zeug "von Hand geerntet". Komischerweise schmeckt alles nach Salz.

Entscheidungsdruck: "Es ist alles zu viel"

Als ich damals das Kartoffelchip-Regal beschrieb, war es schon schlimm genug mit den erhältlichen Geschmacksrichtungen: karamellisierte Zwiebeln und Balsamico, Grillhähnchen und Thymian, geräucherter Monterrey-Chili und Ziegenkäse, Flor de Sal de Ibiza und weiße Trüffel. Inzwischen ist es noch schlimmer. Aktueller Stand: alles Obige plus Chakalaka ("die Würze Afrikas"), Roasted Bacon, Honey Mustard, Parmesan, Indian Curry, Chili and Lime, Tomaten und Kräuter, Fajita, Crispy Bacon & Maple Sirup, Worcestersauce, Alpensalz und Apfelessig, Manchego & Green Olive, Chipotle & Lime, White Cheddar, Green Lemon & Pink Peppercorn, Trufa Negra. All das bezieht sich auf Kartoffelund Tortillachips, vernachlässigt haben wir bislang die diversen Gemüsechips, Kichererbsenchips, Sojabohnenchips und Kochbananenchips sowie die unterschiedlichen Darreichungsformungen der Chips (gitterförmig, thick cut, wavy).

Ganz recht, ich schinde Zeilen, wie man das in Kolumnistenkreisen nennt: Ich labere die Spalten voll. Sorry, reine Notwehr: Die Welt labert mich mit ihrem Angebot voll. Ich komme nicht mehr hinterher, ich fühle mich jeden Tag wie ein frisch durch Checkpoint Charlie gestolperter DDR-Bürger im Herbst 1989.

Zu viel, es ist alles zu viel. Das Verrückte daran ist, dass das Zuviel, die Möglichkeit zur Wahl unter Dutzenden nahezu identischen Möglichkeiten, keinerlei Sinn ergibt. Gerade las ich vom Marmeladen-Paradoxon, einem Feldversuch zweier Wissenschaftler, die in verschiedenen Supermärkten Probierstände für Marmelade aufstellten. Ergebnis: Bei einer Auswahl von 24 Sorten probierten zwar 60 Prozent der Kunden mindestens eine Sorte, aber nur zwei Prozent wollten anschließend tatsächlich was kaufen. Bei einer Auswahl von nur sechs Sorten probierten zwar nur 40 Prozent, aber zwölf Prozent der Kunden kauften auch ein Glas. Altphilologen erinnert das an die Fabel von Buridans Esel, der zwischen zwei gleich großen Heuhaufen stand und verhungerte, weil er sich nicht entscheiden konnte.

Jede Wahl endet in einer Enttäuschung

Schlimmer noch: Hat man sich dann entschieden, macht die Wahl nicht froh. Das Phänomen kennt jeder, der schon mal vor einer Auswahl von Pullovern in 20 verschiedenen Farbtönen stand. Der eine blaue Pulli, den man schließlich rausfischt, ist zu Hause dann irgendwie … na, halt blau. Langweilig blau. Während dasselbe Blau als Bestandteil eines Regenbogens von 20 Farbtönen genau das richtige war. Jede Wahl endet in einer Enttäuschung. Wählen ist schön, gewählt haben ist schrecklich. (Und nein, dies ist nicht die Kolumne von Uli Jörges.)

Ich? Paprikachips. Und Bad Reichenhaller ohne Fluorid. Und dann so schnell wie möglich raus aus dem Laden.

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