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M. Winnemuth: Um es kurz zu machen: Freizeitsport – Laufen und Saufen

Freizeitsport und Spaß, das passt selten zusammen. Klar, ist ja auch eine ernste Sache, es geht um Leistung, Qual und Kampf. Zum Glück gibt es Ausnahmen.

Freizeitsport – spaßbefreites, stressiges Laufen und Saufen

Weinwanderung als Freizeitsport: Am 8. September 2018 findet zum 34. Mal der Marathon du Médoc statt, 42 Kilometer vorbei an 55 der besten Weingüter Frankreichs

Vor Kurzem fand in Texas eine Sportveranstaltung namens Boerne Race statt, an der ich rasend gern teilgenommen hätte, ein Lauf über "grob 500 Meter", wie die Organisatoren spezifizierten. Das Rennen begann und endete mit je einem halben Liter Bier pro Läufer, nach der Hälfte der Strecke, also ungefähr an der 250-Meter-Marke, gab es an einer Verpflegungsstation zur Auffüllung der verbrannten Kohlehydrate einen Donut nebst Kaffee für die Dehydrierten, bequemerweise direkt neben der Raucherzone. Ein Dudelsackspieler ("der beste Dudelsackspieler der Welt oder zumindest der beste, den Sie an diesem Tag hören werden") spielte vor dem Startschuss "Amazing Grace", selbstverständlich gab es Teilnehmer-T-Shirts, Zielfotos und ein Erste-Hilfe-Zelt. Und dann war da noch die VIP-Option: Wer sich von der Strecke überfordert fühlte, konnte sich für einen Aufpreis in einem VW Bus von 1963 direkt zur Ziellinie fahren lassen. Dafür bekam man dann auch eine größere Medaille als alle anderen umgehängt ("because you are more important!").

Wettbewerb für Underperformer

Die Tickets für die Startberechtigung waren sofort ausverkauft, was sicher nicht nur an dem guten Zweck lag (es kamen 30.000 Dollar für eine Charity zusammen, die unterernährte Schulkinder unterstützt), sondern vor allem an der Tatsache, dass dies endlich mal ein Wettbewerb für athletische Underperformer war, also für 99 Prozent von uns. Oder vielleicht auch nur einer, der etwas mit Sport koppelte, das selten in dessen Nähe gesehen wird: Spaß. Humor.

Selbst der sogenannte Breitensport – ich sage das in aller Vorsicht und Anmaßung, ich nehme nämlich derzeit nicht an irgendeiner Form davon teil – findet nach meinem Empfinden weitgehend humorlos statt, wenn man mal von vereinzelten lustigen Kostümen bei Langstreckenläufen absieht. Und vielleicht geht das auch gar nicht anders, vielleicht ist Sport qua Definition einfach nicht lustig. Es geht um Leistung, um Qual, um Selbstüberwindung. Das ist eine ernste Sache, zumindest eine ernst genommene Sache. Wettkampf kommt von Kampf, das ist immer ein kleiner Krieg: gegen die anderen und gegen sich selbst.

Das Ernstnehmen von Sport kann man schon fast wieder komisch finden – verboten komisch, denn wenn man eine Disziplin absurd findet, bekommt man mächtig Ärger. Hat alles seine Berechtigung! Sind ernst zu nehmende Athleten, die gewissenhaft trainieren! Nur werden die Leute in hundert Jahren möglicherweise über Rennrodeln und Synchronschwimmen ebenso den Kopf schütteln wie wir heute über Sackhüpfen und Tabak-Weitspucken, 1904 in St. Louis noch olympische Disziplinen, ebenso wie das Schießen auf lebende Tauben 1900 in Paris und das Tauziehen 1900 bis 1920.

Weinwanderung als Freizeitsport

Halt, ein Wettkampf fällt mir ein, bei dem es gleichermaßen um Leiden und Lachen geht: Am 8. September findet zum 34. Mal der Marathon du Médoc statt, 42 Kilometer vorbei an 55 der besten Weingüter Frankreichs, von Château Latour bis Château Lafite-Rothschild. Das bedeutet Laufen und Saufen auf höchstem Niveau: An den Versorgungsstationen gibt es Wein und Austern, das Ganze endet mit einem Gelage im Weinörtchen Margaux. Die sportlichen Rahmenbedingungen sind allerdings so gnadenlos wie bei anderen Marathons: Wer es in 6.30 Stunden nicht schafft, ist aus dem Rennen, der Besenwagen fegt unerbittlich alle Trödler zusammen. Ernst gemeinter Sport und ernst genommenes Vergnügen – das geht also doch zusammen.

Ach ja, Fußball-WM nächste Woche. Todernste Sache, klar.

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