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Winnemuth: Um es kurz zu machen: Warum es immer die täglichen Mini-Niederlagen sind, die uns das Leben versauen

Der Mensch ist ein Wesen, das durch Erfahrung klüger wird. Ist es Lernschwäche , dass man davon im Alltag so wenig merkt?

Lernschwäche

Lernschwäche. Ist der Mensch ist ein Wesen, das durch Erfahrung klüger wird. Wie kommt es bloß, dass man davon im Alltag so wenig merkt?

Letztlich sind es ja gar nicht die großen Katastrophen des Alltags – die Unglücke, die Krankheiten, der Tod –, die einem das Leben versauen. Von denen gibt es wenige, und es gibt sie selten, die kriegt man irgendwie bewältigt. Was einen hingegen sachte und schleichend in den Wahnsinn treibt, sind die tausend wiederkehrenden Mini-Niederlagen, die man täglich erleidet. Und die immer wieder klarmachen: Du hast keine Chance, du bist ein Idiot, schönen Gruß vom Universum.

Die Wissenschaft der Verpackungen

Tablettenpackungen zum Beispiel. In neun von zehn Fällen erwischt man beim Öffnen die Seite, wo sich der gefaltete Knick des Beipackzettels befindet. Den man also herausfummeln muss und nie wieder hineingefummelt bekommt, erst recht nicht, wenn man den verhängnisvollen Fehler begeht, ihn zu entfalten. (Niemals, niemals einen Beipackzettel auseinanderfalten, es sei denn, man will damit den Kamin anzünden.) In der Regel schließt man die Packung seufzend, dreht sie um und öffnet die andere Seite, um ungehindert eine Blisterpackung entnehmen zu können. Dann verschließt man die Packung und macht am nächsten Tag genau dasselbe.

Ich habe gerade aus Spaß alle Tablettenpackungen meiner Mutter aufgemacht, um herauszufinden, ob es nicht doch ein Gesetz gibt, mit dessen Hilfe man schon beim ersten Öffnungsversuch gewonnen hat. Liegt der Beipackzettelknick vielleicht immer auf der Seite, wo das Haltbarkeitsdatum und die Chargennummer aufgedruckt sind? Nach einem streng repräsentativen Sample von zehn Packungen kann ich sagen: Nein. Mal findet sich die Barriere auf der einen, mal auf der anderen Seite, die Pharmafirmen scheinen sich einen diabolischen Spaß daraus zu machen, reine Willkür regieren zu lassen – anscheinend sogar beim gleichen Medikament, wie ich einer beinharten Recherche in einem Krankenschwester-Forum entnommen habe.

Lerneffekt?

In diesem Fall also: blindwütiges Schicksal, unbeeinflussbar. Das zu wissen müsste eigentlich schon versöhnlich stimmen. Anders ist es bei selbst verschuldeten Fehlern, die man mit geradezu masochistischer Lust immer wieder macht, bis ins hohe Alter. Zu früh den Schorf von einer Wunde abpulen zum Beispiel. Ach guck, es blutet immer noch. Was man natürlich ahnte. Aber trotzdem. Oder die Brille irgendwo hinlegen, wo man sie sonst nie hinlegt und natürlich nicht wiederfindet, wie auch?, man kann ja ohne Brille nicht richtig sehen. Oder – meine besondere Spezialität – besonders früh aufstehen, um ja nicht den Zug zu verpassen, und dann all die kostbare Zeit damit verschwenden, schnell noch was irre Wichtiges zu googeln (zum Beispiel: Wie lange soll Schorf auf der Wunde bleiben?) und dadurch den Zug nur keuchend und in letzter Minute erwischen, falls überhaupt.

Jedes. Verdammte. Mal. Lerneffekt: null. Erfahrung: ha. Hahaha.

Warum tun wir das, wieder und wieder und wider besseres Wissen? Wenn der alte Spruch stimmt, dass die Definition von Wahnsinn sei, immer wieder dasselbe zu tun und dabei immer andere Ergebnisse zu erwarten, dann schrammen wir alle hart an der Entmündigung entlang. Irgendwas flüstert in uns, dass es dieses Mal anders ausgehen wird, dieses Mal die Gesetze des Universums magisch aufgehoben sind. Mach's noch mal, dieses Mal wird es gut gehen. Nein. Wird es nicht. Man kann lediglich Vorkehrungen treffen.

Also: Tablettenpackungen nur mit einem Kuli in der Hand öffnen und augenblicklich ein Kreuz auf die richtige Seite malen, wie das altgediente Pflegekräfte tun. Gern geschehen.

"Life Hacks": Mit dem Dosenöffner gegen lästige Verpackungen
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