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Winnemuth: Um es kurz zu machen: Heile, heile Gänschen oder die Kunst der Selbsttröstung

Früher hat irgendjemand ein Lied für uns gesungen, wenn es uns mies ging. Heute müssen wir uns selbst trösten – was aber gar nicht so schwer ist.

Selbsttröstung: Heile, heile Gänschen und andere Methoden des Trosts

Selbsttröstung ist eine der vermutlich nützlichsten Fähigkeiten, die man als Mensch entwickeln kann

Es ist halb vier in der Nacht, ich sitze auf dem Bettrand in einem Hotelzimmer in Herne, seit zwei Stunden wach mit rasenden Kopfschmerzen. Morgen früh, also gleich, muss ich mich ins Auto setzen, um einmal quer durch Deutschland zur nächsten Lesung zu fahren. Die schlaflose Nacht wird sowohl die Autofahrt wie auch die Veranstaltung heute Abend beeinträchtigen. Um es mal vorsichtig zu sagen.

Die Kuscheldecke der Selbsttröstung

All das ist nicht doll. Und es ist absolut nicht zu ändern. Es ist eine dieser vielen, vielen Situationen im Leben, durch die man einfach durchmuss, durch die Kopfschmerzen, die Schlaflosigkeit, die nächtliche Einsamkeit, die Jammerlappigkeit. Man könnte maulen, man könnte jemandem sein Leid klagen (das wären jetzt gerade mal Sie, vielen Dank!), aber das ändert überhaupt nichts an der Lage. Die ist, wie sie ist. Das Leben muss zu großen Teilen einfach ertragen werden, und letztlich geht es nur um Strategien, wie man das hinkriegt und welche Art von Pflaster man auf Seelenwunden klebt.

Eine Freundin besitzt eine Rettungsdecke, so nennt sie das. Nicht eine dieser goldenen Folien, in die man nach Katastrophen zum Schutz gegen Unterkühlung gehüllt wird, sondern eine alte, grün karierte, leicht fadenscheinige Wolldecke, die mal ihrer Oma gehört hat und die immer etwas muffig riecht, weil sie sich nicht traut, das Ding zu waschen. Die Rettungsdecke darf einfach nicht kaputtgehen, die ist lebens- und überlebensnotwendig. Denn wenn nichts mehr geht, geht wenigstens dies: sich zu jeder beliebigen Tageszeit ins Bett verkriechen, Rettungsdecke über die Bettdecke breiten, still in die Kissen heulen. Je nach Jahreszeit und Schwere der Not einen Familienbecher Ben & Jerry's oder eine Zweierpackung Pfanni-Kartoffelpüree im Bett essen. Kalorien, da sind wir uns einig, sind in Krisenzeiten irrelevant.

Psychologen nennen das Selbsttröstung, und es ist vermutlich eine der nützlichsten Fähigkeiten, die man als Mensch entwickeln kann. Ab einem gewissen Alter kann man nun mal nicht mehr bei Muddi auffen Arm, so sehr man es auch brauchte, und niemand singt einem "Heile heile Gänschen , ist bald wieder gut" vor. Den Trost muss man selbst erledigen, und zwar idealerweise so, dass er nicht etwa weiteren Schaden anrichtet, wie das scheinbar tröstliche Methoden wie eine halbe Flasche Single Malt oder ein Online-Shoppingexzess tun.

Ich selbst habe ein ganzes Arsenal an Rettungsdecken zur Verfügung: Auf Lesetouren bin ich mit Teekanne und Wärmflasche unterwegs, die in Kombination circa 80 Prozent aller Probleme lösen. Oder zumindest erträglicher machen. Denn ums Lösen geht es gar nicht, Trost ist ja lediglich die Einsicht, jawoll, es ist scheiße gerade und wird es auf absehbare Zeit noch bleiben. Aber auch das wird vorbeigehen, so wie alles im Leben vorbeigeht, das Schöne leider und das Blöde Gott sei Dank.

Von Kindern lernen hilft

Viele meiner Rettungsdecken sind Kinderstrategien. Früher war es der Teddy, heute ist es der teddyförmige Hund (ich behaupte mal: kein Zufall), früher der Grießbrei, heute der … okay, immer noch der Grießbrei. Überhaupt so ziemlich alles, was mit Löffeln gegessen wird, Suppe, Brei, Mus: supertröstlich. Und wenn selbst das nicht mehr hilft, lasse ich mir von Johnny Cash mit 70-jähriger, brüchiger Stimme "Bridge over Troubled Water" vorsingen: "When you're weary, feeling small/ When tears are in your eyes ..."

Und genau das tue ich jetzt gerade, nachts um halb vier in einem Hotelzimmer in Herne. Bisschen heulen, bisschen Selbstmitleid, bisschen lachen über das Selbstmitleid – und es geht schon wieder.

Kinotrailer: "Ted"


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