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Winnemuth: Um es kurz zu machen: Ich, Stand Frühling 1992 - oder warum es Spaß bringt, in alten Notizbüchern zu blättern

In alten Notizbüchern zu blättern bedeutet, sich mit früheren Versionen seiner selbst zu konfrontieren. Interessant, wem man da begegnet.

Blättern im Notizbuch als Reise zu vergangenen Zeiten und Gedanken

Wenn ich durch ein altes Notizbuch blättere, blättere ich meinen eigenen Kopf durch, Stand Frühling 1992 oder Winter 2005

Mein Bücherregal ist klein, deshalb wandelt es sich ständig. Bücher kommen und gehen, wenige bleiben länger, kaum eins für immer. Man muss sich mein Regal wie ein Hotel für Schriftgut aller Art vorstellen, mit gut geölter Drehtür. Früher habe ich kein einziges Buch weggeben können, aber früher war früher.

Notizbuch aus der Snob-Phase

Nur ein kleines Eckchen bleibt unangetastet, das mit den Notizbüchern. Hauptsächlich zerfledderte Moleskines, daneben einige Reporterblöcke und ein paar lammledergebundene Smythson-Büchlein mit Goldschnitt und Einlegebändchen aus meiner Snob-Phase. Die möglicherweise noch anhält.

Hin und wieder ziehe ich eines der alten vollgeschriebenen Notizbücher aus dem Regal und blättere darin. Ich stoße auf eine wilde Mischung von Stichworten, Zitaten, Beobachtetem, Gehörtem, ohne jeden Zusammenhang. Halt, einen Zusammenhang gibt es eben doch: mich. Irgendwann muss ich all das für notizwürdig gehalten haben.

• Sauna: Er sieht selbst nackt noch nach kariertem Hemd aus.

• Schießstand auf der Wiesn: "Grüß Gott, nimm's Gewehr" und "Hier schießen Sie auf das Naturprodukt Ton".

• Dinge, die ich gern mögen möchte, aber einfach nicht mag: 1. Fußball 2. Stromberg 3. Reis 4. …

• Leonore Mau/Hubert Fichte

• Wenn eine Mücke zusticht, Haut auseinanderziehen. Die kriegen dann ihren Rüssel nicht raus und platzen.

• "Ich habe festgestellt, dass sich ganz in der Nähe des Lebens, in dem man zufällig gelandet ist, ein anderes befindet, das man seelenruhig genauso gut hätte führen können." (Margriet de Moor)

• Meryl Streep: "As a little girl it made me feel significant to watch Bette Davis".

• Leidenschaftsgenossen

Wenn ich durch die Büchlein blättere, blättere ich meinen eigenen Kopf durch, Stand Frühling 1992 oder Winter 2005. Es ist, als ob ich auf einen verstaubten Dachboden steige und in Kisten verpackte Ideen, Meinungen, Interessen durchstöbere. Über vieles schüttele ich den Kopf. Was man wichtig findet im Leben, aufhebenswert, das ändert sich ja oft atemberaubend schnell. Ich habe mir mal auf einer Weltreise für 80 Dollar Porto ein Paket nach Hause geschickt, dessen Inhalt mich bei der Heimkehr sieben Monate später vor Rätsel stellte: Diesen Kram wolltest du unbedingt behalten? Wozu, um Gottes willen?

Den früheren Ichs zunicken

Durch die Notizbücher werde ich mit früheren Versionen meiner selbst konfrontiert. "Ich hätte nie gedacht, dass ich mal …": Diesen Satz kann jeder, der schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel hat, mühelos vervollständigen. Oder vielleicht doch mühevoll, denn es ist tatsächlich gar nicht so leicht, sich an frühere Überzeugungen, Abneigungen, Bedürfnisse, Sehnsüchte, Gewohnheiten zu erinnern. Fotos sind eine Gedächtnisstütze, Notizbücher verraten aber so viel mehr.

Über einen der notierten Sätze musste ich sehr lachen: "We are well-advised to keep on nodding terms with the people we used to be", Joan Didion. Ich googelte den Satz, neugierig, aus welchem Zusammenhang er stammt. Und siehe da: aus einem Essay über Notizbücher, ausgerechnet. "On nodding terms" ist ein einfach wunderbares Bild: Man möge seinen früheren Ichs doch zumindest kurz zunicken wie entfernten Bekannten auf der Straße, schreibt Joan Didion, denn "nur allzu schnell vergessen wir die Dinge, von denen wir glaubten, wir würden sie nie vergessen. Wir vergessen Liebe und Verrat, wir vergessen, was wir flüsterten und was wir schrien, wir vergessen, wer wir waren."

Die Notizbücher raunen es mir gelegentlich mal zu.

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