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Metzler-Prozess: Wie lang ist lebenslang?

Wenn heute im Metzler-Prozess das Urteil verkündet wird, konzentriert sich die Spannung vor allem auf die Frage: Bescheinigen die Richter dem geständigen Mörder Magnus Gäfgen eine besondere Schwere der Schuld?

Im Frankfurter Prozess um die Entführung und Ermordung des Bankierssohns Jakob von Metzler hat der Angeklagte um ein Urteil gebeten, das ihm eine Perspektive eröffne. Der studierte Jurist Magnus Gäfgen meinte damit eine lebenslange Haftstrafe ohne die Feststellung einer besonders schweren Schuld, über die sich Gerichte bei jeder Verurteilung wegen Mordes Gedanken machen müssen. Bis zur Urteilsverkündung an diesem Montag müssen die Richter der 22. Strafkammer entscheiden, ob sie es im Fall Jakob mit einem außergewöhnlichen Verbrechen und einem besonders gefährlichen Täter zu tun haben oder eben nicht.

Für den Angeklagten geht es um einige Jahre Gefängnis. Mit einem "normalen" Lebenslang hätte der 28-Jährige bei anständigem Benehmen berechtigte Aussichten, nach 15 Jahren auf Bewährung freigelassen zu werden. Die Entscheidung darüber fällt wiederum ein Gericht, die Strafvollstreckungskammer.

Dieser Automatismus wird nur gestoppt, falls das Landgericht am Montag die Schwere der Schuld bejaht. Der Zeitpunkt der Entlassung aus der Haft wäre dann ungewiss, 20 Jahre scheinen Experten wie dem Wiesbadener Kriminologen Rudolf Egg wahrscheinlich.

Juristischer Kunstgriff

Der juristische Kunstgriff der schweren Schuld ist die einzige Differenzierungsmöglichkeit der Richter angesichts der eigentlich absolut erscheinenden Strafe "lebenslang". Er wurde nachträglich eingeführt, um einen Unterschied machen zu können zwischen einem Nazi-Massenmörder und einem, der vielleicht nach jahrelangem Streit seine Partnerin umgebracht hat.

Gäfgen hat ausführlich gestanden, wie er sein ihm zuvor flüchtig bekanntes Opfer abgepasst hat, um eine Million Euro von der Familie Metzler zu erpressen, und wie er Jakob mit Klebestreifen über Mund und Nase qualvoll erstickt hat. Das Strafgesetzbuch sieht für ein solches Verbrechen nur eine mögliche Strafe vor, die lebenslange Haft. Die hat selbst der Verteidiger Gäfgens beantragt, mit dem kleinen, aber entscheidenden Unterschied, dass er keine schwere Schuld sehe.

Anwalt erwägt eventuell Verfassungsbeschwerde

Sollte das Gericht um den Vorsitzenden Hans Bachl aber doch die schwere Schuld erkennen, hat Rechtsanwalt Hans Ulrich Endres bereits Verfassungsbeschwerde angekündigt. Sein Ansatzpunkt sind die Folterdrohungen der Frankfurter Polizei gegen Gäfgen, als dieser das Versteck seines Opfers nicht preisgeben wollte. Dieser Vorgang könnte ein "absolutes Verfahrenshindernis" darstellen, Gäfgen müsste bei einem Erfolg der Beschwerde auf freien Fuß gesetzt werden. So weit wollte das Frankfurter Gericht nicht gehen: Es annullierte lediglich frühere Geständnisse des Angeklagten, der danach im Prozess seine grausige Beichte wiederholte.

Bei ihrer Entscheidung über die Schwere der Schuld sollen die Richter die gesamten Umstände von Tat und Täter einbeziehen. Einem erfahrenen Richter zufolge könnten unter anderem eine besonders brutale Vorgehensweise oder mehrere Opfer für eine schwere Schuld sprechen. Auch in der Persönlichkeit des Angeklagten suchen die Juristen nach Anhaltspunkten, persönliche Herkunft und seine Motivlage können eine Rolle spielen.

"Kumulierung von Mordmerkmalen"

Die Staatsanwaltschaft hat Gäfgen drei Mordmerkmale vorgeworfen: Heimtücke, Habgier und die Absicht, eine besonders schwere Straftat, nämlich die Entführung, zu verdecken. Nach Einschätzung des Erlanger Jura-Professors und Strafzumessungsexperten Franz Streng ist diese "Kumulierung von Mordmerkmalen" der einzige gangbare Weg in diesem Fall, um zur besonderen Schuldschwere zu kommen.

Große Fragezeichen stehen zudem hinter Gäfgens tatsächlichem Unrechtsbewusstsein und seiner Reue. Der blasse, schmale Riese hat viel geredet und häufig geweint in dem seit April laufenden Prozess, geöffnet hat er sich nach Ansicht des Psychiaters Norbert Leygraf nicht. Sein erstes Geständnis im Prozess hat Gäfgen erst nachgebessert, als ihm das Gericht erkennbar nicht glaubte, dass er Jakob mit Alkohol hätte betäuben wollen. Dennoch kam sein Anwalt Hans Ulrich Enders zu der Einschätzung: "Es war ein freiwilliges, ernsthaftes, reumütiges und wahrhaftiges Geständnis."

"Abstoßend und lächerlich"

Noch in seinem letzten Wort am vergangenen Freitag verlas Gäfgen Sätze wie: "Ich bereue, was ich getan habe. Ich schäme mich dafür." Gleichzeitig erging er sich in Vorhaltungen gegen Ankläger, Presse und den psychiatrischen Gutachter. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" fand den Angeklagten "abstoßend und lächerlich". Der Anwalt von Jakobs Eltern als Nebenkläger und die Staatsanwaltschaft haben Gäfgens Beteuerungen der Reue keinen Glauben geschenkt und als Prozesstaktik abgetan. "Die Tränen, die der Angeklagte geheult hat, galten ihm selbst", sagte Staatsanwalt Wilhelm Möllers in seinem Plädoyer. Das Gericht verkündet seine Entscheidung am Montagmittag.

Christian Ebner / DPA