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Kopfwelten: Gefühle sind nicht gerecht

Darf ein Kindsmörder wie Magnus Gäfgen Gerechtigkeit beanspruchen? Darf ein Massenmörder wie Anders Breivik auf mehr als einen "kurzen Prozess" hoffen? Es sind solche Fälle, an denen sich zeigt, was unser Recht wert ist.

Von Frank Ochmann

Für viele war das Gäfgen-Urteil vergangene Woche schwer zu verkraften. Da bekommt ein Kindsmörder eine finanzielle Entschädigung zugesprochen, weil ihm die Polizei im Verhör Jahre zuvor Gewalt angedroht hatte, um das Opfer seiner Entführung womöglich noch zu retten. Magnus Gäfgen beugte sich der Drohung und verriet den Aufenthaltsort des Jungen. Doch da hatte er den Elfjährigen längst umgebracht. Welche Rechte hat einer, der so etwas getan hat?

Es gibt zurzeit gleich mehrere prominente Inhaftierte, bei denen einem die Frage kommen kann, ob die Wahrheit nicht offensichtlich ist und warum vor einem Urteil überhaupt noch ein Prozess geführt werden muss. Einer wie Anders Breivik, der norwegische Attentäter vom 22. Juli, leugnet ja den Massenmord gar nicht, den er begangen hat. Er brüstet sich vielmehr mit seiner Tat. Braucht es demnach für eine Verurteilung wirklich den Aufwand, die Ermordung jedes einzelnen Opfers vermutlich über Jahre juristisch aufzuarbeiten, wie es die norwegischen Behörden angekündigt haben?

Oder was ist mit Radovan Karadzic, Ratko Mladic und anderen aus der früheren serbischen Führung, denen unter anderem das Massaker von Srebrenica zur Last gelegt wird? Was ist mit dem früheren ägyptischen Diktator Hosni Mubarak, der jetzt in einem Krankenbett vor seine Richter geschoben wurde und sich für Mord und Korruption verantworten soll? Ist es denn so schwer zu verstehen, dass vor den jeweiligen Gerichten Überlebende, Angehörige von Opfern und auch viele Menschen, die mit ihnen fühlen, einen kurzen Prozess fordern und dabei auch mal mit einer symbolischen Schlinge in der Hand drohen?

Verständliche Reaktionen

Solche Reaktionen sind nur allzu verständlich. Aber sind sie deshalb auch schon "gut" oder wenigstens angemessen? Entbindet uns das gefühlsmäßige Verständnis von der Notwendigkeit, solche Reaktionen rational und vor allem auf ihre langfristigen Folgen hin zu überdenken?

Zorn, Verachtung, Ekel - es sind solche tief empfundenen Gefühle, die Taten in uns wecken, die wir moralisch negativ bewerten. Damit ist nicht gesagt, dass es nur Gefühle sind, die unsere moralischen Urteile prägen. Natürlich spielt auch der Verstand bei der Bewertung eine gewichtige Rolle. Anderenfalls würden wir womöglich jede Ekelattacke - zum Beispiel durch den Anblick eines verschimmelten Brotes oder eines von Maden durchsetzten Bratens - mit einer moralischen Überschreitung verbinden. Diese Einschränkung ändert aber nichts daran, dass Moral und Gefühl eng miteinander verbunden sind. Sowohl unsere eigene Erfahrung als auch eine solide Zahl entsprechender Forschungsarbeiten unterstützen diese Einschätzung.

Die hier gemeinten Gefühle haben allerdings eine besondere Qualität: Sie sind sozial und verändern darum das Verhältnis vom einen zum anderen. Nicht nur die Einschätzung einer bestimmten Tat also wird von solchen Gefühlen geprägt, sondern auch die des Täters insgesamt. Je gravierender die Tat, desto heftiger die ausgelösten Gefühle, desto deutlicher auch die negative Einschätzung des Menschen, der diese Tat begangen hat. Wir brauchen nur an Gäfgen und Breivik zu denken, um das durch eigene Gefühle sofort bestätigt zu sehen. Aber auch in Fällen, in denen es zu keiner oder noch keiner Verurteilung kam, färbt allein die Schwere der Vorwürfe auf die Beschuldigten insgesamt ab. So war das bei Jörg Kachelmann, so ist das bei Dominique Strauss-Kahn.

Kühles Recht, brodelndes Moralgefühl

Schalten wir jetzt den Verstand dazu, ist klar, dass moralische Gefühle riskante Wegweiser hin zur Gerechtigkeit sind. Denn wie alle anderen Gefühle auch verteilen wir sie keineswegs gleichmäßig auf die Menschen um uns herum. Wie sehr wir uns von einem Menschen angezogen oder eben auch abgestoßen fühlen, hat entscheidenden Einfluss darauf, wie viel Mitleid oder Gerechtigkeit wir ihm oder ihr zubilligen. Alle Empathie, die wir für einen Menschen aufbringen, hängt davon ab, wie wir zu diesem Menschen stehen. Eben deshalb muss das auf seine langfristigen Folgen durchdachte, "kühle" Recht eine korrigierende Funktion gegenüber einem womöglich in der Hitze des Augenblicks besonders brodelnden Moralgefühl einnehmen. Wie anders sollten wir zu einem verlässlichen Rechtssystem kommen, in dem gleiches Recht für alle gilt? Für uns, wenn es nötig ist, und dann eben auch für die Mubaraks, Breiviks, und Gäfgens.

Auch mir schnürt sich der Magen zusammen, wenn ich höre, dass einer wie Gäfgen wegen einer unter den damaligen Umständen nur zu verständlichen Folterandrohung Entschädigung bekommt. Doch genau deshalb ist das Urteil von vergangener Woche ein so gutes Urteil.

Literatur:

  • Bartels, D. M. & Pizarro, D. A. 2011: The mismeasure of morals: Antisocial personality traits predict utilitarian responses to moral dilemmas. Cognition 121, 154-161
  • Goodenough, O. & Prehn, K. 2004: A neuroscientific approach to normative judgment in law and justice. Philosophical Transactions of the Royal Society B 359, 1709-1726
  • Graham, J. et al. 2011: Mapping the Moral Domain. Journal of Personality and Social Psychology 101, 366-385
  • Horberg, E. J. et al. 2011: Emotions as Moral Amplifiers: An Appraisal Tendency Approach to the Influences of Distinct Emotions upon Moral Judgment. Emotion Review 3, 237-244
  • Kühl, K. 2006: Recht und Moral. In: Düwell, M. et al.: Handbuch Ethik (2. Aufl.). Stuttgart: J. B. Metzler, 486-493