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Mordfall Maria Bögerl Die bangen Stunden der Lösegeldbeschaffung


Im Fall der ermordeten Bankiersgattin Maria Bögerl gibt es neue Details zu der geplatzten Geldübergabe. Die Polizei ließ zu, dass das Geld umständlich über eine Gemeinde beschafft wurde.
Von Malte Arnsperger und Rainer Nübel

Es ist die Frage, in der die ganze Dramatik und Tragik des Falles Maria Bögerl kulminiert: Wurde die Heidenheimer Bankiersgattin von ihrem Kidnapper ermordet, weil am 12. Mai, dem Entführungstag, die Lösegeldübergabe geplatzt war? Tatsache ist: Um 14 Uhr, dem vom Täter laut polizeiinternen Unterlagen geforderten Übergabetermin, war die geforderte Summe von 300.000 Euro noch nicht beschafft und konnte vom Mann der Entführten nicht am vorgesehenen Übergabeort nahe der Autobahn A 7 abgelegt werden. Die Polizei war von Anfang an eingeschaltet. Die Entscheidung, auf welchem Weg das Lösegeld beschafft wird, lag daher bei ihr.

Umso brisanter sind neue Informationen: Wie die "Welt" jetzt berichtet, hat die Gemeinde Niederstotzingen und nicht Thomas Bögerl das Lösegeld beschafft. Der Vorstandschef der Kreissparkasse Heidenheim (KSK) war am Morgen des 12. Mai in der Gemeinde südlich von Heidenheim und hatte gerade eine dienstliche Besprechung mit dem örtlichen Bürgermeister Gerhard Kieninger in dessen Amtszimmer, als um 11.23 Uhr der Entführer bei ihm anrief.

Der Kidnapper forderte, wie die Polizei wenig später intern festhielt, "300.000 Euro, konkrete Stückelung, Übergabe 14 Uhr". Thomas Bögerl solle auf der A 7 Richtung Würzburg fahren und beim Erkennen einer Deutschlandfahne am Straßenrand den Geldsack aus dem Fahrzeug werfen. Bögerl alarmierte in Absprache mit Bürgermeister Kieninger sofort die Polizei. Mehrere polizeiliche Betreuer der Landespolizei waren wenig später bei Thomas Bögerl im Rathaus Niederstotzingen.

"Die Polizei wusste die ganze Zeit Bescheid"

Die Polizei Heidenheim hat bisher erklärt, Thomas Bögerl habe angeboten, selbst das Lösegeld zu beschaffen. Die Realität stellt sich jetzt jedoch anders dar: Wie Niederstotzingens Bürgermeister Kieninger am Samstag stern.de bestätigte, entschied man sich dafür, dass die Gemeinde Niederstotzingen die 300.000 Euro besorge. Um die Identität von Bögerl zu schützen, habe man vorgegeben, einen sofortigen Kredit für die Stadt zu benötigen.

Zunächst habe man beim örtlichen Mitarbeiter der Kreissparkasse Heidenheim erfragt, ob dort das Geld in der geforderten Stückelung vorliege. Dies habe die Sparkasse verneint, so Kieninger. Doch die KSK habe angeboten, das Geld über die Landeszentralbankfiliale in Ulm, einer regionale Dependance der Bundesbank, zu besorgen. "Die Polizei wusste von unserem Vorgehen die ganze Zeit Bescheid", sagt Kieninger. Ein Sprecher der Polizei bestätigte stern.de den Vorgang. "Der Polizeiführer hat entschieden, dass diese Vorgehensweise die beste Möglichkeit ist, das Geld in der geforderten Stückelung und Menge zu beschaffen."

Polizeiinterner Vermerk vom Entführungstag

Wie die "Welt" berichtet, holte eine städtische Mitarbeiterin das Geld gegen 13.45 Uhr in Ulm ab. Dabei wusste die Polizei schon längst, dass die Übergabe bis 14 Uhr nicht zu realisieren war. Nicht nur, weil die Polizeibetreuer in Niederstotzingen ständig über die Geldbeschaffung in Ulm informiert waren. Nach stern.de-Recherchen hatte Thomas Bögerl bereits um 13.15 Uhr der Polizei mitgeteilt, dass es zeitlich sehr knapp werde und wohl nicht reiche, von Niederstotzingen aus das Geld rechtzeitig an den Übergabeort zu bringen.

Dass den Beamten der örtlichen Polizei und den vor Ort präsenten Ermittlern der Landespolizei bewusst war, dass die rechtzeitige Übergabe der gesamten Summe platzen würde, zeigt sich auch an einem polizeiinternen Vermerk vom Entführungstag. Daraus geht hervor, dass mit Thomas Bögerl darüber gesprochen wurde, dass er mit einem Teil des Lösegeldes und einer Nachricht an den Täter losfahren solle. Bögerl "weigert" sich, dies zu tun, hält die Polizei intern fest. Um 14.18 Uhr wird die Entscheidung von Polizeichef Volker Lück notiert: "Vollständige Lösegeldbeschaffung ist voranzutreiben."

"Die Lampe stand noch auf rot."

Kurze Zeit später, gegen 14.20 Uhr, ist die städtische Mitarbeiterin mit dem Geld in Niederstotzingen zurück, wo Bögerl mit dem Bürgermeister und den Polizeibeamten wartete. Trotzdem kann Thomas Bögerl erst um 15.04 Uhr, so hält das polizeiinterne Protokoll fest, mit einem Polizeibetreuer von Niederstotzingen aus losfahren. Rund 25 Minuten später legt er das Geld ab – eineinhalb Stunden später, als es der Entführer gefordert hatte. Dem Bankchef ist kein Vorwurf zu machen. Herr Bögerl habe früher mit dem Geld losfahren wollen, erinnert sich Bürgermeister Kieninger. "Er wollte handeln, das ist doch klar."

Unklar ist auch, warum die Mitarbeiterin mit dem Geld nach Niederstotzingen zurückgekommen ist und sich nicht mit Bögerl auf der A7 getroffen hat, damit dieser dann so schnell wie möglich zur Übergabestelle weiterfahren kann. Diese Vorgehensweise hätte Zeit gespart. Denn von Ulm bis zur Übergabestelle, einer Betriebseinfahrt der A 7 bei Nietheim nördlich von Heidenheim, dauert es nur rund eine halbe Stunde. Doch die Polizei habe Bögerl um 14.20 Uhr das Startsignal noch nicht gegeben, sagt Kieninger. "Die Lampe stand noch auf rot."

Ein einstudiertes Prozedere

Aus all dem stellt sich eine brisante Frage: Warum entschied sich die Polizei für nur einen Weg der Geldbeschaffung, über eine Kommune und die umständliche Legende des Blitzkredits – warum hat sie nicht parallel versucht, das Geld zu beschaffen? Zumal, und dies macht das polizeiliche Vorgehen umso fragwürdiger, gerade die Landeszentralbank die "Polizeibank" ist: Wenn eine Polizeibehörde selbst schnell Geld zu besorgen hat, bei einer Entführung oder etwa im Fall eines fingierten Drogendeals mit Mafiosi, läuft dies nach den behördlichen Statuten immer über die Landeszentralbank.

Das Prozedere ist seit vielen Jahren einstudiert: Die zuständige Behörde informiert die Landesoberkasse, die schickt ein Fax an die jeweilige LZB-Filiale. Dort können Beamte, nach dem sie sich ausgewiesen haben, das Geld dann abholen. Ein gemeinhin rascher Weg - der freilich bürokratischen Vorgaben unterliegt: Das Geld muss registriert sein. Man verfolgt, bei allem Opferschutz, von Beginn an auch das Ziel, den Täter später überführen zu können. Und: Politisch wichtige Polizeiinstanzen müssen in solchen Fällen die Entscheidung treffen. Im Falle der geforderten 300.000 Euro wäre dies der baden-württembergische Landespolizeipräsident gewesen. Liegen darin die Gründe, warum man keine parallele Geldbeschaffung betrieb?

Logistische und zeitliche Gründe

stern und stern.de hatten schon zwei Wochen nach der Entführung von Maria Bögerl Kenntnis darüber erhalten, dass die Geldübergabe gescheitert war, weil das Lösegeld nicht rechtzeitig vorlag, dies mit Blick auf den Opferschutz jedoch nicht öffentlich gemacht. In dieser Zeit konfrontierte stern.de die Polizei Heidenheim mit diesen brisanten Umständen. Dabei erklärte die Polizeiführung mündlich, die Überlegung, das Geld selbst zu beschaffen, habe man frühzeitig verworfen. In diesem Zusammenhang wurde von logistischen und zeitlichen Gründen gesprochen. Den schließlich gewählten Weg hält die Polizei Heidenheim nach wie vor für die "zu diesem Zeitpunkt einzige erfolgsversprechende Alternative". Ein Versuch, das Geld selber zu beschaffen, habe es von Seiten der Polizei nicht gegeben, bestätigte ein Sprecher stern.de.

Dabei sagen Experten wie Uwe Dolata vom Bund Deutscher Kriminalbeamter: "An der Lösegeldbeschaffung darf ein Entführungsfall nicht scheitern, eine Parallelbeschaffung ist immer möglich."

Malte Arnsperger und Rainer Nübel

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