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Prozess in Darmstadt: Viernheimer Bombenleger gesteht ohne Reue

Wie ein Bericht aus einem militärischen Lehrbuch: Mit vielen Einzelheiten gespickt schildert ein als Bombenleger vor Gericht stehender Angeklagter seine Taten. An die Opfer scheint er weniger zu denken.

Kein Wort der Reue, kein Mitgefühl für die Opfer. Gestenreich und selbstsicher gibt der als "Bombenleger von Viernheim" bekanntgewordene Angeklagte zum Prozessauftakt vor dem Landgericht Darmstadt am Dienstag seine Taten zu. Der 45 Jahre alte Installateur räumt ein, aus Frust über nicht vollständig bezahlte Handwerker-Rechnungen im vergangenen August zwei Wohnhäuser seiner Auftraggeber in Südhessen und in Weinheim in Nordbaden angegriffen und sich dann anschließend bis zum Folgetag verschanzt zu haben.

"Den Vorwurf des Mordes bestreite ich aber vehement", sagt der Mann gleich zu Prozessbeginn. Zeugen beschreiben ihn als freundlich, pünktlich und fleißig. Aber er habe zu einer rechten Gesinnung geneigt und sei mit Militärhosen zur Arbeit gegangen.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 45-Jährigen nicht nur die Anschläge vor, er habe auch den Tod von Menschen "billigend in Kauf genommen". Die Ankläger haben einen Raketenwerfer zur Verhandlung mitgebracht - eine Waffe aus dem riesigen Arsenal, das der Bombenleger gehortet hatte.

Nach den Attacken auf die Häuser verschanzte sich der Mann in seiner Wohnung. In den Monaten zuvor - er lässt in dieser Zeit keinen mehr herein - hatte er sie mit Barrikaden und Sprengfallen zur Festung umgebaut. Es folgt ein fast 28 Stunden dauernder Nervenkrieg mit der Polizei.

"Man fühlt sich in den Irak versetzt, wenn man die Wohnung sieht", beschreibt der Vorsitzende Richter Volker Wagner seinen Eindruck. Spezialisten brauchen drei Tage, um das Waffenarsenal wegzuschaffen: allein rund 15 800 Schuss Munition, Schusswaffen, Handgranaten und Sprengstoff.

"Ich wollte zur Bundeswehr, zur kämpfenden Truppe. Aber die wollten mich nur zum Nachschub schicken", berichtet er den Richtern. "Sie wollten schießen?", fragt Richter Wagner. "Ja, genau." Dann sei er zur US-Armee gewechselt, habe Munitionsdepots überwacht. Sein Wissen habe er sich selbst angeeignet.

Nach Vorstrafen und einer gescheiterten Ehe muss sich der Mann vom Leben benachteiligt gefühlt haben. "Für mich ist es die größte Angst, von oben herab behandelt zu werden." Zudem habe er einen "Hass auf die Justiz" entwickelt.

Er habe sich "schamlos ausgenutzt" gefühlt, als ihm die beiden Kunden wegen handwerklicher Mängel Lohn vorenthielten. Außerdem habe er vor lauter Schulden in Höhe von 25 000 Euro weder ein noch aus gewusst. "Ich war wie ein Hamster, wie in einer Tretmühle", schilderte der Angeklagte.

In Weinheim wirft er - laut Anklage in Militärkleidung und Gasmaske - Sprengsätze auf den Balkon des Hauses. Die Familie ist in Urlaub. In Viernheim bringt er an der Haustür eine Sprengladung mit 300 Gramm TNT zur Detonation und schießt auf zwei Autos, obwohl er ein neunjähriges Mädchen hätte verletzen können. Die Eltern erleiden nach Darstellung von Zeugen Schnittverletzungen. Die Tochter wird laut Wagner auch acht Monate nach dem traumatischen Erlebnis noch psychiatrisch betreut.

"Als ich sah, dass die Sache eskalierte, habe ich aufgegeben", schildert der Angeklagte. "Ich wollte nicht töten." Nach Auskunft seiner Verteidigerin Andrea Combé hat den äußerlich unbeeindruckt wirkenden Mann auch ein ihm nahestehendes Mädchen am Telefon zur Aufgabe bewegen können.

Seine Taten schildert der Installateur, als seien sie etwas Normales. Er solle sich nicht so aufspielen und an die Opfer denken, ermahnt ihn Richter Wagner. "Wissen Sie überhaupt, was Sie hier veranstalten? Das ist grob unanständig."

Für den Prozess sind noch fünf Verhandlungstage angesetzt. Fortsetzung ist am 12. Mai.

Joachim Baier, DPA / DPA