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Schlafender Junge an den Gräbern seiner Eltern: Ein Bild und seine Geschichte

Binnen weniger Stunden machte ein Bild von einem schlafenden Jungen zwischen den Gräbern seiner Eltern die Runde im Netz. Ein Dokument des Schreckens des syrischen Bürgerkriegs. So scheint es.

Das Motiv, das im Netz für Aufregung sorgt: Ein Junge schläft zwischen den Gräbern seiner Eltern

Das Motiv, das im Netz für Aufregung sorgt: Ein Junge schläft zwischen den Gräbern seiner Eltern

Jeder Journalistenschüler weiß: Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Und so geht auch von diesem Foto eine unglaubliche Symbolkraft aus: Ein kleiner Junge, so scheint es, liegt verloren zwischen zwei Gräbern. Er kuschelt sich auf dem Sandboden in eine rote Decke und schläft - so suggeriert es die Bildgestaltung - zwischen den Gräbern seiner verstorbenen Eltern.

Ein Motiv wie gemalt für jeden Fotografen. Ein Bild, mit dem man Preise gewinnen kann. Erst recht, wenn man damit scheinbar das Elend des Bürgerkriegs in Syrien optisch auf den Punkt bringen kann.

Kein Wunder, dass sich das Bild wie ein Lauffeuer in sozialen Netzwerken wie Twitter und Reddit verbreitete.

Kleiner, aber gravierender Makel: Das Bild ist eine Inszenierung. Aufgenommen wurde es in Yanbu an der Westküste Saudi-Arabiens, vom Fotografen Abdel Aziz al Atibi in der Nähe seines Elternhauses. Der 24-Jährige ist schockiert, dass sein Motiv im Social Web in einen Zusammenhang mit dem syrischen Bügerkrieg gerückt wird. Der vermeintliche Waisenjunge ist in Wahrheit sein Neffe, die Gräber sind nicht echt - und das Bild Bestandteil eines Kunstprojektes.

Auf dem Online-Portal beirut.com wird er mit den Worten zitiert: "Ich bin Fotograf und ich versuche, das Leid in der Gesellschaft zu zeigen. Die Übertreibung dient mir dabei als Stilmittel." Als er das Bild auf der Fotoplattform Instagram hochludt, kennzeichnete er es mit den Worten: "Einige Kinder können nicht loslassen. Sie fühlen sich mehr zu ihren toten Eltern zugehörig als zu den Menschen, mit denen sie jetzt zusammenleben." Kein Wort von Syrien, kein Wort vom Bürgerkrieg.

Als al Atibi bemerkt, welche Kreise sein Bild zieht, stellt er weitere Aufnahmen ins Netz, die unter anderem seinen Neffen lächelnd mit den Victory-Zeichen vor den beiden Gräbern zeigen. "Es ist absurd, wie leicht sich Menschen manipulieren lassen", so das Fazit des Fotografen.

Volker Königkrämer
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