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Schule in der DDR: Timur, sein Trupp und ich

Beim Bildungsgipfel in Dresden soll über die Zukunftsfähigkeit des deutschen Schulsystems debattiert werden. Manche meinen, ein Blick zurück auf die DDR könnte sich lohnen. Von ihr lernen, heißt das Siegen lernen? Ein Streifzug durch meine Schulzeit im Osten zeigt, was ich gelernt habe und was die Kinder heute lernen könnten.

Von Manuela Pfohl

Schulanfang, 1. September 1970 in der DDR. Zwischen Fichtelberg und Ostseeküste haben tausende ABC-Schützen ihre erste symbolische Unterrichtsstunde. In meiner Klasse sind 15 Kinder. Die Lehrerin malt an die Tafel eine umgedrehte Zuckertüte. Weiß jemand, welcher Buchstabe so ähnlich aussieht? Die meisten Schüler melden sich. Fast alle sind in den Kindergarten gegangen und haben es dort gelernt. Sie wissen auch, dass fünf weniger ist als neun und dass die Soldaten der Nationalen Volksarmee die Kinder in der DDR beschützen. Die Lehrerin kennt jedes Mädchen und jeden Jungen in ihrer neuen Klasse. Denn im letzten Jahr vor dem Übergang in die Schule hat sie von den jeweiligen Kindergärtnerinnen individuelle Einschätzungen über die Stärken und Schwächen sowie charakterlichen Eigenschaften ihrer künftigen Schüler bekommen. Sie lobt das Wissen der Kinder und gibt die erste Belohnung für mich aus: Vor der Klasse aus der Fibel vorlesen. "Mia am Fenster, Uli am Ofen."

Politische Früherziehung mit Angela Davis

Überall in der Republik gibt es im Unterricht das gleiche Bild. Denn seit 1951 wurden die Ausgestaltungen der Unterrichtsstunden, Lehrpläne und Lehrbücher in der DDR zentral erarbeitet. Sie galten einheitlich für alle Schüler in allen Bezirken. Was den Vorteil hat, dass ich, als ich später die Schule wechsle, in der neuen Stadt nahtlos mit meinem Wissensstand anknüpfen kann - anders als die Kinder heute, die beim Wechsel von einem Bundesland in ein anderes, teilweise den Mathe-Stoff eines halben Jahres nachholen müssen oder den Physik-Stoff ausführlich zum zweiten Mal serviert bekommen.

Andererseits lassen in der DDR die strengen Vorgaben kaum Freiraum für individuelle Formen der Unterrichtsgestaltung und abweichende Themensetzung. Kuschelpädagogik ist ein Fremdwort in den meisten Klassenzimmern. Der Spaßfaktor bei der Wissensvermittlung hält sich in Grenzen. In der sozialistischen Schule geht es um Ehrgeiz und Leistung: Höher, schneller, weiter. Oberstes Ziel ist es, besser zu sein als der Klassenfeind im Westen.

In einer Arbeit des Rostocker Instituts für Politik- und Verwaltungswissenschaften zur "Transformation des Bildungswesens in Mecklenburg-Vorpommern seit 1990" schreibt die Autorin, Conchita Hübner-Oberndörfer: "Ziel dieser Vereinheitlichung war nicht nur eine Normierung des Unterrichts, sondern auch die Erziehung der Schülerinnen und Schüler zu sozialistischen Persönlichkeiten, die über ein 'klassenmäßiges Verständnis des Kampfes um den Frieden' verfügten, fest mit ihrem sozialistischen Vaterland verbunden waren und sich aktiv an der Durchsetzung der 'Politik des sozialistischen Staates auf allen Gebieten' beteiligten."

In meiner Klasse beginnt die politische Früherziehung mit Angela Davis und dem Hort, den DDR-weit 84 Prozent aller Schüler der 1. bis 4. Klassen nach dem Unterricht besuchen. Während der kostenlosen nachmittäglichen Betreuung, in der die Kinder unter Aufsicht und fachlicher Anleitung ihre Hausaufgaben machen, verschiedene Sport-Arbeitsgemeinschaften besuchen, im Chor singen und in der Gruppe spielen, bekommen sie auch ihre Extra-Portion Polit-Agitation. Meine Klasse malt Bilder für Angela Davis. Die schwarze amerikanische Bürgerrechtlerin wird 1970 wegen ihres Kampfes gegen die Apartheid inhaftiert. In kleinen Protestbriefen, deren einheitlichen Text die Hortnerin an die Tafel geschrieben hat, fordern wir Freiheit für die linke Aktivistin. Mit krakeliger Schrift übertrage ich den Text auf mein Papier. Als die Bürgerrechtlerin 16 Monate später freigelassen wird, sagt die Hortnerin: "Das ist ein Erfolg unserer Solidarität." Ich bin begeistert.

Der dicke Dieter ruiniert den Durchschnitt

Der eigentliche Unterricht bis zur 4. Klasse läuft hingegen ziemlich unspektakulär ab. Lesen, Schreiben, Mathe, Musik, Zeichnen, Heimatkunde, Sport und Werken stehen auf dem Lehrplan. Das ist nicht besonders schwer. Die Zensuren, die es ab der ersten Klasse gibt, sind der Beleg dafür. Es gibt Wettkämpfe zwischen den einzelnen Klassen der Schule, wer die meisten Einsen hat, wer die wenigsten Fünfen. Am Schuljahresende bekommt die erfolgreichste Klasse vom Patenbetrieb einen Zuschuss zur Klassenfahrt. Wir strengen uns furchtbar an, um dieses Ziel zu erreichen. Aber auch, um bei den "Kopfnoten", wie Fleiß, Ordnung, Betragen und Mitarbeit gute Zensuren zu bekommen.

An sechs Tagen in der Woche wird gelernt. Täglich maximal fünf Stunden. Jede Unterrichtsstunde ist 45 Minuten lang. Zu Unterrichtsbeginn am Morgen wird gemeinsam ein Lied gesungen - und anders, als von manchen behauptet - war das nicht immer nur eine sozialistische Lobeshymne. Im Unterricht wird gerade gesessen, die Arme liegen verschränkt auf dem Tisch. Wer etwas weiß, muss sich melden, wer eine Antwort zu geben hat, steht dazu auf. Der dicke Dieter weiß selten etwas und ruiniert damit regelmäßig den Leistungsdurchschnitt der Klasse. Seine Eltern arbeiten als Melker bei der LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) und sind meistens morgens, wenn Dieter zur Schule muss, im Stall.

Deshalb hat der Junge manchmal im Winter keine Jacke an und häufig keine Schulbrote dabei. Er hat Glück, dass es in der Schule täglich nach der zweiten Stunde für jedes Kind einen Viertelliter Milch für 20 Pfennige gibt und mittags das Schulessen für gerade mal 2,75 Mark pro Woche. Bei einem der regelmäßigen Gruppennachmittage hat die Lehrerin erklärt, dass Dieter geholfen werden muss. Deshalb wird einer der guten Schüler aus dem Gruppenrat beauftragt, künftig die Patenschaft für ihn zu übernehmen. Das heißt, nicht nur, mit Dieter am Nachmittag zu lernen. Das heißt auch, darauf zu achten, dass er pünktlich zum Unterricht kommt und in der Stunde nicht schwatzt. Die Schüler sollen frühzeitig lernen, in der Gesellschaft Verantwortung füreinander zu tragen. Förderung sozialer Kompetenz, die an vielen Schulen heute bedauerlicherweise kaum noch eine Rolle spielt. Allerdings wurden dabei in der DDR nicht selten auch die Grenzen zur Gängelei überschritten - und das mit Absicht. Ich war damals jedenfalls egoistisch und froh, dass ich keine Patenschaft übernehmen musste. So hatte ich Zeit, mit den anderen bei "Timur und sein Trupp" mitzumachen - ein Nachbarschaftsprojekt nach sowjetischem Vorbild.

Religionsunterricht kontra Pioniernachmittag

In der Klasse gibt es zwei Gruppen. Die eine geht einmal pro Woche nach der Schule zum Religionsunterricht beim katholischen Pfarrer. Die andere zum Pioniernachmittag. Ich bin zunächst unentschlossen. Für den Religionsunterricht sprechen die Heiligenbildchen, die man für solides Bibelwissen bekommt - und die gegen bunte West-Glitzer-Sticker fürs Poesiealbum getauscht werden. Für den Pioniernachmittag sprechen das blaue Halstuch und der Pionierausweis. Zeichen einer mächtigen Gemeinschaft und Eintrittsticket für "Timur und sein Trupp".

Was wir da gemacht haben? Kleinere Besorgungen übernehmen für alte Leute oder schwangere Frauen und junge Mütter in unserem Wohnumfeld, wie beispielsweise einkaufen, Post wegbringen, Müll runter tragen. Jeden Tag eine gute Tat ist das Motto. Wer die meisten guten Taten vollbringt, hat gute Chancen, beim Schulfahnenappell zum Republikgeburtstag am 7. Oktober vor der gesamten Schülerschaft der 1. bis 10. Klassen gelobt zu werden und eine Auszeichnung zu bekommen, die wiederum im Zeugnis vermerkt wird. Die meisten Kinder der Unterstufe sind ganz wild darauf und unternehmen im Wettbewerb mit den anderen Schülern einiges, um dieses Ziel zu erreichen. Sie engagieren sich darüber hinaus beim Altstoffsammeln, schließen, wie von der Pionierleiterin gewünscht, Brieffreundschaften mit Kindern in der Sowjetunion, fertigen Wandzeitungen über die Schönheit der sozialistischen Heimat oder nehmen an Treffen mit kommunistischen Widerstandsveteranen teil. Begeisterung, die ab der fünften Klasse nachlässt. Die Rostocker Politikwissenschaftlerin Conchita Hübner-Oberndörfer schreibt: "Vor allem ältere Schüler empfanden diese Art der Freizeitgestaltung oft als Entmündigung und politische Indoktrination."

Bei meinen Mitschülern und mir stehen ab der fünften Klasse große Veränderungen an. Es gibt jede Menge neue Lehrer. Ein Junge verlässt die Klasse, weil er ab sofort als Radsporttalent auf eine der Sportschulen geht, in denen die DDR ihren Olympianachwuchs heranzieht. Begabtenförderung, die für die Familien der Kinder kostenlos ist und zu der auch insgesamt 14 mathematisch-naturwissenschaftliche Spezialschulen, einige Sprachschulen mit erweitertem Fremdsprachenunterricht und acht Einrichtungen für Schüler mit besonderen künstlerischen Begabungen gehören. Elitenförderung ist damals, anders als heute, erklärtes Bildungsziel und wird staatlich gesteuert. Dadurch kommt es auch Kindern zugute, deren Eltern allein nicht in der Lage sind, ihren begabten Nachwuchs entsprechend zu unterstützen. Allerdings wird es im Zweifelsfall auch gegen die Eltern durchgesetzt.

Bagger-Gelenkkapseln für den Fünfjahrplan

Ich habe - nach einer Gesetzesänderung - ab der 5. Klasse nur noch an fünf Tagen in der Woche Unterricht. Dafür sitze ich nun bis zu acht Stunden in der Schule und bewältige ein strenges Pensum an Lehrstoff. Ab sofort gibt es Russischunterricht als erste Fremdsprache, Biologie als erstes naturwissenschaftliches Fach und Geschichte stehen nun auch auf dem Lehrplan und ab der 7. Klasse folgt eine zweite Fremdsprache. Plus Staatsbürgerkunde, Physik, Chemie sowie "Einführung in die sozialistische Produktion" (ESP) und UTP - Unterricht in Technik und Produktion. Alle vierzehn Tage heißt das einen Unterrichtstag in einem Betrieb der Region zu verbringen. Ich lerne feilen, hobeln, technische Zeichnungen anfertigen und den Materialverbrauch für Bagger-Gelenkkapseln je Fünfjahrplan zu berechnen. Ich baue Teile in Waschmaschinen ein und erfahre, dass in der real existierenden Wirtschaft vieles anders ist, als die Lehrer im Unterricht behaupten.

In der Schule findet nun jeden Morgen vor der ersten Stunde die Politinformation statt. Dabei werden in der Klasse die aktuellen Artikel des SED-Zentralorgans "Neues Deutschland" besprochen. Ich ahne schon, dass es nicht darauf ankommt eine Meinung zu haben, sondern darauf, die richtige zu haben. Herauszufinden, welche die richtige ist, ist allerdings nicht immer leicht und führt vor allem in der fünften bis siebenten Klasse dazu, dass nicht nur ich immer wieder durcheinander komme. In solchen Fällen gibt es dann entweder einen Eintrag ins Klassenbuch, eine Auswertung in der Klassen-Versammlung oder wenn es ganz arg ist, einen Hausbesuch durch die Klassenlehrerin. Die meisten Kinder lernen spätestens ab der 8. Klasse im Zweifelsfall ihren Mund zu halten.

Mit der Gasmaske im Wehrkundeunterricht

1978 wird an den DDR-Schulen das Fach Wehrkunde eingeführt. Mit Gasmaske und Trainingsklamotten robben die Schüler der 8. bis 10. Klassen künftig im Unterricht durchs Gelände und bereiten sich in praktischen Übungen auf den 3. Weltkrieg vor. Sie lernen, wie man sich vor einem Atompilz schützt, wie man Fenster verdunkelt und wer Schuld daran ist, dass der Weltfrieden wackelt: der Imperialismus. Ich habe - wie einige andere auch - einen Button am Parka, auf dem "Schwerter zu Pflugscharen" steht. Dafür fange ich mir eine Fünf ein, denn ich habe, erklärt der Staatsbürgerkundelehrer, nichts begriffen.

In der 8. Klasse gibt es auch die ersten Leistungsdifferenzierungen an den Polytechnischen Oberschulen der DDR. Während die Mehrzahl der Schüler regulär 10 Jahre zur Schule geht, verlassen lernschwache Kinder, wie der dicke Dieter, nach der 8. Klasse die Schule. Jeder Einzelfall wird in mehreren Schulgremien geprüft, ehe der "Abgang" genehmigt wird. Denn jeder Schüler, der vorzeitig die Schule verlässt, ruiniert die Statistik der Schule - und bringt für den Direktor und die Klassenlehrerin unangenehme Debatten mit dem Schulrat. Ziel des DDR-Bildungsministeriums, dem von 1963 bis 1989 Margot Honecker, die Frau des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, vorstand, war es, möglichst keine Sitzenbleiber und wenige vorzeitige Schulabbrüche zu haben. In der Praxis führt das dazu, dass einerseits schwache Schüler durch gezielte Förderung ihre Potenziale maximal ausschöpfen können. Andererseits leiden lernstarke Schüler darunter, dass sich der Unterricht oft an den Schwächeren orientiert. Der Leipziger Pädagogikprofessor Hans-Georg Mehlhorn hat laut der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Hamburg ermittelt, dass 20 Prozent der Schüler in der DDR mindestens einmal nicht versetzt wurde. Dieter wurde irgendwie immer "mitgezogen". Doch in der 8. Klasse werfen die Lehrer das Handtuch. Der Junge macht schließlich eine Lehre und wird Melker, wie seine Eltern.

Ich verbrenne meine Schulsachen

Die lange Heike wiederum geht ab der 9. Klasse zur Erweiterten Oberschule (EOS), wo sie auf das Abitur in der 12. Klasse vorbereitet wird. Die Rostocker Wissenschaftlerin Conchita Hübner-Oberndörfer schreibt: "Etwa 16 Prozent der Schüler der 8. beziehungsweise 10. Klassen wurden von den Polytechnischen Oberschulen an Erweiterte Oberschulen 'delegiert'." Die lange Heike ist ein klarer Fall für die EOS. Denn sie ist seit Jahren Klassenbeste und außerdem FDJ-Sekretärin. Damit gehört sie zur "Kaderreserve der Partei" und hat alle Karrierechancen. Auch Jungs, die Offizier werden wollen oder Lehrer, haben gute Aussichten delegiert zu werden, denn wichtigstes Kriterium überhaupt ist die politische Zuverlässigkeit der Schüler. Dass die DDR bei diesen Bedingungen vielen leistungsstarken, motivierten Schülern jede Chance nahm, ist meiner Meinung nach einer der größten Fehler des damaligen Bildungssystems.

Ich kämpfe mich mehr schlecht als recht bis zur zehnten Klasse durch den Lehrplan. Dass viele Eltern damals öffentlich die Menge des Lehrstoffs kritisieren, und fordern, dass der Unterricht sich auf die Vermittlung des Wesentlichen und im Leben praktisch Anwendbaren konzentriert, findet im DDR-Bildungsministerium keine Zustimmung. In dieser Beziehung hat sich seit damals nichts geändert.

Ich versuche dem Schulparteisekretär aus dem Weg zu gehen, verfluche den Klassenlehrer, der immer wieder hinter allen herschnüffelt und jeden über alles aushorcht, verknalle mich vorübergehend in den Musiklehrer, schwänze mit meinen Freundinnen den Unterricht, wenn die Diskonächte lang waren und der zu erwartende Unterrichtsstoff zu öde ist. Ich büffle für die Abschlussprüfungen, feiere 1980 mit meinen Klassenkameraden den letzten Schultag und verbrenne schließlich meine gesamten Schulsachen. Nur die Fibel hebe ich auf.

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