St. Johann Baptist-Kirche Schön schräg


Nach unterirdischen Bohrungen für einen U-Bahn-Schacht war der Turm der Kirche St. Johann Baptist in Köln in Schieflage geraten. Ginge es nach den Domstädtern, so könnte der "schiefe Turm von Köln" für alle Zeiten so bleiben.

Sie hat etwas, was andere nicht haben - auch nicht die weltberühmte gotische Kathedrale, der Kölner Dom. Die St. Johann Baptist-Kirche im Kölner Süden ist keine Schönheit, aber ihr Turm ist schön schräg. Seit sechs Wochen ist er um fast einen Meter geneigt. Als "schiefer Turm von Köln" ist das unscheinbare Backsteinbauwerk weltweit zu Schlagzeilen gekommen. Das Kölner Erzbistum und die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) wollen die Kirche spätestens bis zum Weltjugendtag im August 2005 wieder in Stand setzen.

Das Erzbistum wolle den Turm in jedem Fall wieder aufrichten lassen, sofern dies nicht aus finanziellen Gründen absolut unmöglich sei, betonte Sprecher Manfred Becker-Huberti am Mittwoch. Eine endgültige Entscheidung über die Sanierung und den Zeitplan sei aber noch nicht gefallen.

Unvorhersehbare Hohlräume

Über die 44 Meter hohe neue Attraktion hatten in den vergangenen Wochen sogar die "New York Times" und die "Herald Tribune" berichtet, wie Olaf Pohl von Köln Tourismus berichtete. In der Nacht zum 29. September waren nach unterirdischen Bohrungen für einen künftigen U-Bahn-Schacht plötzlich unvorhersehbare Hohlräume entstanden. Dadurch löste sich der Turn vom Kirchenschiff und sackte eine knappen Meter zur Seite. Drei umliegende Gebäude mit bis zu hundert Menschen wurden evakuiert. Seit dem Unglück sorgen 25 Kubikmeter Beton unter der Erde und ein riesiges Stahlgerüst über der Erde für Standfestigkeit.

Ginge es nach den Kölnern, so könnte der schiefe Turm für alle Zeiten schief bleiben. Die Umfrage eines Lokalsenders ergab, dass 70 Prozent der Kölner ihn nicht wieder aufrichten lassen wollen. Das Geschäft mit Kunstdrucken und T-Shirts läuft gut. "An den Wochenenden kommen hier ganze Busse mit Touristen aus Belgien oder Holland an", sagte Christa Borghoff, Inhaberin eines Getränkeladens in Kirchennähe. 500 T-Shirts mit der Mundart-Aufschrift "Der scheife Turm von Kölle" hat sie bereits verkauft. "Mein Erlös geht an den Kindergarten der betroffenen Gemeinde."

Auch Köln Tourismus könnte sich vorstellen, den schiefen Turm in das Tourismus- und Marketingkonzept aufzunehmen. "Allerdings nur, wenn die Stahlstützen weg sind, der Turm doch tatsächlich schief bleiben sollte und wir gemeinsam mit der Kirche ein Konzept finden, das dem Gotteshaus gerecht wird", betonte Pohl. "Das Interesse der Touristen gilt bisher nicht der Architektur oder Geschichte des Bauwerks, sondern dem schnellen Schnappschuss."

Thema im Kölner Karneval

Kurz vor Beginn der "Fünften Jahreszeit" schloss auch das Festkomitee des Kölner Karnevals nicht aus, dass der schiefe Turm zum Thema der tollen Tage wird. Eine Sprecherin betonte: "Was die Wagen des Rosenmonatszuges angeht, hüllen wir uns wie immer in geheimnisvolles Schweigen. Aber dass der Turm bei den Büttenreden vorkommt oder vielleicht in witzigen Kostümen, ist sicher denkbar."

Yuriko Wahl/DPA DPA

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