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Justiz-Opfer Amanda Knox: "Ich existiere nur durch die Linse des Mordes an Meredith"

Sehen Sie im Video: "Engel mit den Eisaugen" – was wurde aus Amanda Knox?




Als Angeklagte im Mordfall Meredith Kercher wird Amanda Knox 2007 weltberühmt. 


Die US-Amerikanerin wird 2009 von einem italienischen Gericht zu einer Freiheitsstrafe von 26 Jahren verurteilt. 


Ihr Auftreten im Gerichtssaal bringt ihr den Spitznahmen "Engel mit den Eisaugen" ein. 


2011 hebt ein Berufungsgericht das Urteil auf. Knox kehrt nach fast vier Jahren im Gefängnis in die USA zurück. 


Der Fall wandert weiter durch die Instanzen: 2015 wird sie vom Obersten Kassationshof von der Anklage wegen Mordes freigesprochen. 


2019 entscheidet der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, dass Italien Knox über 18.000 Euro Entschädigung zahlen muss. 


Die Begründung: Die italienischen Behörden hätten bei der Befragung von Knox mehrere Menschenrechte verletzt. 


Ebenfalls 2019 spricht Knox auf einem Kongress zu Justizirrtümern in Italien. 


"Ich war unschuldig. Aber der Rest der Welt hatte entschieden, dass ich schuldig war (…) Meine Unschuld hat mich nicht gerettet." – Amanda Knox 


2020 heiratet Knox den Dichter Christopher Robinson in der US-Metropole Seattle. 


Sie ist als freie Journalistin und Autorin tätig. 


Auf Instagram gewährt Knox ihren über 69.000 Followern Einblicke in ihr Privatleben.  


Der Mord an Meredith Kercher wurde nie komplett aufgeklärt. 
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Amanda Knox ist unschuldig, aber ihr Leben ist untrennbar mit dem Mord an ihrer Mitbewohnerin Meredith Kircher verknüpft. Mit einem Podcast über Verbrechen erkämpft sie sich langsam die innere Freiheit zurück.

Amanda Knox wurden in einer einzigartigen Kaskade von Prozessen wegen des Mordes an ihrer Mitbewohnerin Meredith Kircher verfolgt – bis sie letztlich freigesprochen wurde. In einer bizarren Obsession mit Knox schreckte die italienische Polizei weder vor Verfälschungen von Beweisen noch vor simplen Falschaussagen zurück, nur um die junge Frau hinter Gitter zu bringen. Vier Jahre saß Knox im Gefängnis, acht Jahren wurde sie vor Gericht verfolgt. Selbst ihre Eltern wurden mit Prozessen bedroht, weil sie sich über die Methoden der Polizei beschwerten.

Amanda Knox ist so etwas wie der Graf von Monte Christo unserer Zeit, aber sie wird nicht als unschuldiges Opfer der Justiz wahrgenommen. Für viele ist sie immer noch die "Mörderin mit dem Engelsgesicht und den eiskalten Augen" – sobald sie sich öffentlich äußert, wird sie geschmäht und beschimpft. Doch neben dem nackten Hass, der ihr entgegen schlägt, wird ihr ganzes Leben nur von einem Punkt bestimmt. Der "Londoner Sunday Times" sagte sie: "Ich existiere nur durch die Linse des Mordes an Meredith. Die Leute vergessen, dass ich ein menschliches Wesen bin".

Ihr Leiden zählt nicht

Nachdem Rudy Guede aus dem Gefängnis entlassen wurde, sprach sie mit dem Blatt. Guede ist die einzige Person, die für den Mord an Meredith Kircher verurteilt wurde. Über das Unrecht, das ihr widerfuhr, darf sie nicht sprechen, so Knox. "Mein Leiden wird ständig mit dem von Meredith verglichen." Deren schrecklicher Tod wischt ihre traumatischen Erfahrungen weg. Für die Öffentlichkeit ist Knox nicht jemand, dem die Justiz das Leben gestohlen hat. Im Gegenteil, ihr wird vorgehalten, dass sie von Merediths Tod profitiere und sie sich nur profilieren wolle. Dabei habe sie buchstäblich nichts mit dem Mord an Meredith zu tun, "außer, dass ich zu der Zeit ihre Mitbewohnerin war".

Amanda Knox wird von italienischen Strafvollzugspolizisten zum Gericht von Perugia gebracht.
Amanda Knox wird von italienischen Strafvollzugspolizisten zum Gericht von Perugia gebracht.
© Pier Paolo Cito / Picture Alliance

Wie konnte sie dann dennoch so zum Opfer werden? Amanda Knox hasst es, wenn Reporter und Autoren die Antwort auf diese Frage mit ihrem Wesen beantworten wollen. Erklärungen gibt es viele. Sie sei zu kühl und zu beherrscht gewesen. Als Ausländerin den italienischen Beamten zu fremd. Als Frau ihnen sexuell zu befreit. "Ich weiß nicht, ob das eine Frauensache ist, aber schon sehr früh, selbst als ich in meinem Verhör angeschrien und geschlagen wurde, dachte ich ständig: Was mache ich falsch? Mein Instinkt war es, nur mich selbst zu hinterfragen."

Ermittlungen wie im Mittelalter

In dem Gespräch blitzen die Erniedrigungen durch die italienischen Behörden noch einmal auf. Etwa die Aufnahmen, auf denen sie sich mit ihrem Freund küsst. Veröffentlicht, um sie als eiskalte Mörderin zu zeigen, dabei wusste sie zu dem Zeitpunkt gar nicht, dass ihre Mitbewohnerin tot war. Die falschen Geständnisse, die sie unterschrieb, um sie kurz darauf zu widerrufen. "Die Aussagen stammen nicht von mir, sie wurden von der Polizei geschrieben", sagt sie. "Ich war erschöpft und verängstigt und konnte nicht verstehen, was geschah. Niemand erklärte mir, dass ich überhaupt eine Verdächtige war. Ich wurde nur angeschrien. Ich bekam Angst und unterschrieb einige Aussagen, die ich sofort widerrief. Man muss nicht mit einem Viehtreiber unter Strom gesetzt werden, damit man sich verrückt fühlt."

Einer der erschreckendsten Aspekte des Falles war die Besessenheit der Ermittler von dem Sexualleben der jungen Amerikanerin. Die Beziehung zu ihrem Freund, ein Vibrator, den sie aus Jux geschenkt bekommen hatte. Das verdichtete sich bei den italischen Beamten zu bizarren Vorstellungen über ein angeblich ausschweifendes Sexleben von Knox. "Dieser ganze Fall hing an diesem uralten Reinheitskomplex. Der Staatsanwalt war von der Vorstellung besessen, dass Meredith eine Madonna sei, eine jungfräuliche Figur, die meine ehebrecherischen Wege missbilligte und das war der Grund, warum ich sie getötet habe. Das war so bizarr", sagt Knox.

Die Polizisten fälschten sogar das Ergebnis eines HIV-Tests, um Knox unter Druck zu setzen und so an die Liste ihrer Sexualpartner zu gelangen. Ihr Spitzname in der Schule lautete Foxy Knoxy, wegen ihrer Schnelligkeit auf dem Spielfeld, die Polizei machte daraus einen Sex-Spitznamen.

Mehr unschuldig Verurteilte 

Etwas freier wurde Knox erst, als sie das Idaho Innocence Project kennenlernte, das sich gegen ungerechtfertigte Verurteilungen einsetzt. Sie erzählt von einem ersten Treffen. Als sie den Saal der Zusammenkunft betrat, umarmten sie zwei Männer. "Sie sagten: 'Mach dir keine Sorgen, kleine Schwester. Wir verstehen dich. Du musst uns nichts erklären.' Es waren Männer, die mehr als ein Jahrzehnt im Gefängnis verbracht hatten für Verbrechen, die sie nicht begangen hatten. An diesem Wochenende traf ich Hunderte solcher Menschen."

Amanda Knox produziert und moderiert die Podcasts Labyrinthe und The Truth About True Crime. Die Themen Mord und Justiz bestimmen immer noch ihr Leben, der Blickwinkel hat sich verschoben. Im Jahr 2018 machte sie die Bekanntschaft von Jens Söring, der wegen des angeblichen Mordes an den Eltern seiner Freundin im Gefängnis saß. Seiner Geschichte widmete sie eine ganze Staffel. "Im Alter von 19 Jahren weggesperrt, war er schon länger im Gefängnis, als ich am Leben war. Mich verfolgte die Frage, was passieren würde, wenn sich niemand für ihn einsetzte. Ich sah ihn als die Version von mir, die nicht freigelassen worden war, und das brach mir das Herz." Am 17. Dezember 2019 kam Söring nach 33 Jahren Haft auf dem Gnadenweg frei.

Im Nachhinein kann sie kaum verstehen, wie sie damals die Belastung aushalten und weiterkämpfen konnte. "Ich habe drei jüngere Schwestern und eine von ihnen ist jetzt 21. Wenn ich mir vorstelle, dass sie das durchmachen müsste. Es ist unmöglich, dass sie diese Art von Schmerz aushalten könnte. Ich wünsche es niemandem."

Quelle: "The Times"


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