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Entführtes britisches Model: Wie Chloe Ayling ihren Entführer dazu brachte, sich in sie zu verlieben - und sie freizulassen

Das britische Model Chloe Ayling war sechs Tage in den Händen eines Entführers. Auch weil sie auf Fotos vertraut mit ihm wirkte, glaubten ihr viele nicht. Nun erzählt die 20-Jährige, wie sie seine Zuneigung nutzte, um freizukommen.

Unmittelbar nach ihrer Rückkehr im Sommer 2017 sprach Chloe Ayling mit Journalisten vor ihrem Haus. 

Unmittelbar nach ihrer Rückkehr im Sommer 2017 sprach Chloe Ayling mit Journalisten vor ihrem Haus. Auch daraus - und aus ihrem knappen Outfit an diesem Tag - wollten einige Menschen ableiten können, dass ihre Geschichte nicht wahr sei.

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Chloe Aylings Geschichte ist kompliziert - und irgendwie wissen viele nicht so Recht, wem man glauben soll. Wohl auch, weil das Model nicht dem Klischee entspricht, das einige von Entführungsopfern haben. Und so begann alles: Im vergangenen Jahr wurde die junge Frau von einem Mann, der sich als Fotograf ausgab, nach Italien gelockt, dort mit Pferdebetäubungsmittel außer Gefecht gesetzt, ausgezogen, gefesselt, in einen Kofferraum gestopft, 200 Kilometer durchs Land gefahren und sechs Tage in einem abgelegenen Bauernhaus festgehalten. So berichtete es das britische Model kurz nach seiner Freilassung, so sah es ein italienisches Gericht, das ihren Peiniger Anfang Juni zu 16 Jahren und neun Monaten Haft verurteilte. 

Von Anfang an hatte die mittlerweile 20-Jährige damit zu kämpfen, dass ihr Menschen nicht glaubten. Ihre Geschichte sei erfunden, ein PR-Stunt, um ihre Karriere zu fördern, meinten viele direkt nach ihrer Freilassung - und manche meinen es bis heute - trotz des Urteils gegen ihren Entführer, den die Ermittler als "Narzisst und besessen von Frau Ayling" beschrieben. Auch der 30-Jährige beteuerte vor Gericht, es habe sich um einen mit ihr abgesprochenen PR-Stunt gehandelt, inspiriert von einem ganz ähnlichen Plot eines Hollywood-Films. Das Gericht schloss eine Beteiligung Aylings aus, wie unter anderem die BBC berichtete. 

Chloe Ayling: Woher kommen die Zweifel?

Warum gibt es dann immer noch Zweifel an ihrer Version beziehungsweise der des Gerichts? Auch britische Medien waren von Beginn an skeptisch. Das hat vor allem folgende Gründe: Ayling sprach unmittelbar nach ihrer Rückkehr aus Italien vor dem Haus ihrer Mutter mit den dort wartenden Journalisten. Dabei zeigte sie sich gut gelaunt - und sehr knapp bekleidet -, posierte für die Fotografen. Damit entsprach sie offenbar nicht dem gängigen Bild, das Menschen von einem Opfer haben. Zudem tauchten Überwachungskamerabilder aus Italien auf, die sie am Tag vor ihrer Freilassung Hand in Hand mit ihrem Entführer durch die Stadt ziehend zeigen. Zeugen hatte zudem ausgesagt, sie hätte mit dem Mann in einem Café gesessen und gelacht, ehe er sie gehen ließ.

Um diesen Spekulationen noch einmal entschieden entgegenzutreten, gab Ayling nun der britischen BBC ein Interview. Darin beschreibt sie die Zeit in den Händen des Entführers - und erklärt, wie es zu den vertraut wirkenden Bildern kam. 

"Das ist meine Chance hier raus"

Die Zeit in dem Bauernhaus sei "grauenhaft" gewesen. Ihr Entführer habe sich als Teil einer Bande ausgegeben, die Sex-Sklavinnen in die arabische Welt verkaufe und ihr gesagt, dieses Schicksal würde ihr blühen, wenn sich nicht 300.000 Euro Lösegeld auftreibe. Ayling beschreibt, wie ihr Entführer auf Nachfragen detailliert geantwortet habe und sie daher nie an seiner Geschichte zweifelte. Tatsächlich war er wohl kein Teil einer Bande. Ob er es wirklich auf das Lösegeld abgesehen hatte, oder nur plante, sich als Held aufzuspielen, um ihre Zuneigung zu gewinnen, wurde nie ganz klar.

Nachdem sie zwei Tage an eine Kommode gekettet war, habe sie zugestimmt, mit ihrem Entführer ein Bett zu teilen. "Je mehr wir miteinander gesprochen haben, desto mehr baute sich eine Verbindung auf. Als ich dann merkte, dass er Gefühle für mich entwickelte, wusste ich, dass ich das zu meinem Vorteil ausnutzen musste", sagte Ayling. 

Als er dann aber fragte, ob er sie küssen könnte, und ob sie eine Beziehung führen könnten, habe sie gedacht: "Das ist meine Chance hier raus". Sie habe ihm Hoffnungen gemacht, dass sich möglicherweise etwas zwischen den beiden entwickeln könnte und der 30-Jährige sei darauf angesprungen, habe anschließend ständig davon gesprochen. "Also habe ich gemerkt, dass ich damit weitermachen muss", sagte Ayling. 

Wie es zu den Bildern und Zeugenaussagen kam

Nach sechs Tagen ließ der Entführer sie in der Nähe des britischen Konsulats in Mailand laufen. Möglicherweise bemerkte er, dass das Lösegeld niemand bezahlen würde - oder er hatte nie vorgehabt, sie länger festzuhalten. Medienberichten zufolge soll auch eine Rolle gespielt haben, dass Ayling einen kleinen Sohn hat. 

Die junge Frau nimmt in dem Interview auch zu den Zeugenaussagen Stellung, dass sie mit ihren Entführer kurz vor ihrer Freilassung lachend in einem Café gesessen habe. "Warum sollte ich abweisend zu jemanden sein, der Gefühle für mich entwickelt und mich deswegen vielleicht freilässt? Ich musste alles in meiner Macht tun, damit er sich in mich verliebt."

Auch ihren freizügigen Auftritt vor den Reporterin verteidigt Ayling in der BBC. Sie habe gehofft, dass die Journalisten vor ihrem Haus verschwinden würden, wenn sie mit ihnen spräche - was leider nicht funktioniert habe. Und zu ihrem kritisierten Outfit sagte sie, dass sei nun mal das gewesen, was sie vorher im Flugzeug anhatte. "Ich war einfach ich selbst." Die Leute würde von ihr erwarten, dass "ich ständig weine und mich vor der Welt verstecke, niemals in eine Kamera schaue", sagte Ayling. "Das hätte ich tun können, aber das würde mir nicht helfen, mich zu erholen. Ich muss über das sprechen, was mir passiert ist, um es zu verarbeiten."

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