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Die Spur der Drogen: Der Streetworker

Frankfurt am Main, Deutschland

Streetworker Tom Holz

Streetworker Tom Holz wurde bei einem Streit zwischen Albanern und Serben angeschossen

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Teil 1

Die neue Macht im Milieu traf Tom Holz mit der Wucht eines Neun-Millimeter-Projektils. Holz, ein Sozialarbeiter mit Augenringen wie ein Boxer in der zwölften Runde, war gerade auf seiner Tour durchs Frankfurter Bahnhofsviertel, als er an einer Straßenecke die Schreie hörte.

Zunächst dachte Holz noch: bloß ein Junkie, der den Affen macht. Seit 13 Jahren kümmert er sich um die Abhängigen in Deutschlands berühmtestem Drogenviertel, und irgendwas war ja immer los. Doch als Holz an diesem Tag in die Moselstraße einbog, sah er, wie eine Gruppe von Männern mit Baseballschlägern aufeinander losging. Sie kamen angerannt, aus dem "Coco Loco", einer Albaner-Kneipe. Anschließend krachten vier Schüsse durch das Viertel. Die Wucht eines Querschlägers schleuderte Holz zu Boden. Als er nach dem brennenden Schmerz in seinem Rücken griff, spürte er etwas Warmes, Glitschiges an seinen Fingerspitzen: Oh Gott, ich sterbe, dachte Holz. Dann wurde alles schwarz.

"Die Mächte im Hintergrund"

Heute steht der Streetworker vor dem "Coco Loco" und blickt auf jenen Kantstein, auf dem er damals fast verblutet wäre. Im Viertel dachten viele, Holz würde seinen Job an den Nagel hängen, doch er machte weiter. Denn es sei ja niemand von seinen Leuten gewesen, sagt Holz heute. Keine Junkies, sondern die Anderen: "Die Mächte im Hintergrund." 

Holz meint damit nicht die marokkanischen Straßendealer, an denen er gerade grüßend vorbei läuft. Er meint die Hintermänner, die das Kokain- und Heroingeschäft in den deutschen Städten übernehmen wollen: die Albaner.

Die Spur der Drogen: Zwischen Blaulicht und Rotlicht – Impressionen aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel
Straßenszene aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel

Östlich des Hauptbahnhofs der Mainmetropole erstreckt sich das Bahnhofsviertel auf rund einem halben Quadratkilometer. Teile des Gebiets werden durch das Rotlichviertel mit den üblichen Begleiterscheinungen geprägt: Prostitution, Gewalt, Drogen.

Im Viertel haben sie sich in den vergangenen Jahren ausgebreitet wie ein Schatten. Und sieht man von dem Schuss auf Holz einmal ab, dann geschah das ziemlich lautlos. Mehrere Spielhallen und Wettbüros sind mittlerweile in ihrer Hand, ein albanischer Sicherheitsdienst bewacht zahlreiche Restaurants und Kneipen in der Gegend. Frankfurt und Deutschland könnten damit am Anfang einer Entwicklung stehen, die in Teilen Europas bereits stattgefunden hat: Die albanischen Kartelle greifen nach der Macht. Immer größere Teile des Geschäfts konnten sie in den letzten Jahren von Türken und Russen übernehmen. 

Dass sich die Albaner dabei auch in Deutschland ausbreiten, zeigen die jüngsten Zahlen des BKAs. 2016 verzeichneten Ermittler im Bereich organisierte Kriminalität einen Anstieg von 85,4 Prozent bei Tatverdächtigen aus Albanien, der Vorwurf meist: internationaler Rauschgifthandel.

Während immer mehr Ressourcen in die Terrorabwehr fließen, boomt der Drogenmarkt wie niemals zuvor. Allein beim Kokain hat sich die beschlagnahmte Menge seit 2014 weltweit um gut 70 Prozent erhöht. Und fragt man nach den Gewinnern dieses Booms, landet man in Europa schnell bei den albanischen Kartellen. Doch wer sind diese Männer, die zur Nummer Eins in einem Milliardengeschäft werden wollen? Was machen sie anders? Und warum sind sie so erfolgreich?

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Lesen Sie im zweiten Teil der Reportage, warum ein deutscher Kriminalbeamter im Kampf gegen die albanische Kartelle resigniert hat. Er sagt: "Die lachen sich doch tot über uns."

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