HOME

Die Spur der Drogen: Der Dealer

Irgendwo im Nordwesten, Albanien

Drogenhändler Samo

Samo posiert im Nordwesten Albaniens mit einem Sturmgewehr. Er ist Mörder und Drogenhändler – und gilt doch als "kleiner Fisch".

Prolog | Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4 | Teil 5

Teil 4

Wer die Gewalt der Albaner verstehen möchte, der landet bei Männern wie Samo*. Man findet ihn in einem Hinterhofcafé im Nordwesten Albaniens. Auf einem Flachbildfernseher hinter ihm läuft die Fußballbundesliga. Samo heißt nicht wirklich Samo, aber weil er einiges auf dem Kerbholz hat, kann er seinen richtigen Namen nicht nennen. Samo führt eine kleine Gruppe von Gangstern an, die hier in der Gegend ihr Geld mit Kokain und Cannabis verdienen. Samo ist ein stämmiger Mann, aber er ist das, was man in Albanien einen "kleinen Fisch" nennen würde.

Für Dealer wie ihn ist die Lage momentan kompliziert. Denn der albanische Präsident Edi Rama will sein Land in den nächsten Jahren in die EU führen. Dafür hat er vor allem der Cannabisproduktion den Krieg erklärt. In Tirana stoppen Spezialeinheiten der Polizei momentan viele der unzähligen Luxuskarossen, kontrollieren Personalien, durchsuchen Kofferräume. Hier in der Gegend stürmen Einheiten Cannabis-Plantagen, konfiszieren Waffen und brennen Felder nieder, auf denen Bauern über Jahre Gras anbauten.

"Wenn keiner Angst vor dir hat, dann ficken sie dich"

"Die wollen der EU beweisen, dass sie wirklich etwas tun", sagt Samo. "Aber das ist lächerlich, diesen Kampf können sie nicht gewinnen." Er stemmt sich hoch und läuft eine der Straßen herunter, die sich durch die engen Wohnviertel einer albanischen Stadt im Nordwesten ziehen.

Samo ist hier aufgewachsen, lebte aber mehrere Jahre in New York, wo man ihn wegen organisierter Kriminalität, Drogenhandel und Mord verhaftete. Der Fall schaffte es bis in die Medien. Samo nur wieder frei, weil einige der Zeugen während des Prozesses verschwanden. Er erzählt das mit einem Grinsen.

In einem muffigen Wohnzimmer mit heruntergelassenen Jalousien lässt er sich eine Stunde später auf eine Couch sinken. Auf dem Tisch liegt die Ware: ein Plastiksack Cannabis und etwas Kokain. Das Cannabis komme aus der Gegend, das Koks über eine Connection im Hafen von Vlora.

*Name und weitere Angaben wurden von der Redaktion anonymisiert.

Der Weg der Drogen nach Deutschland – Die Hauptherkunftsländer


Von Albanien nach Mitteleuropa – Die Haupthandelsrouten


Dass die südamerikanischen Kartelle ihren Stoff mittlerweile auch direkt nach Albanien verschiffen, ist neu – eigentlich ist das ein Umweg zu den großen Märkten in Westeuropa. Es zeigt die neue Macht der Albaner. "Die wissen, wir können ihren Stoff überall hinbringen, Dänemark, Deutschland, scheißegal", sagt Samo, der knapp 30.000 Euro für das Kilogramm bezahlt.

Die lokale Polizei macht Samo im Gegensatz zu den Einheiten in Tirana keine Probleme. "So ein armer Polizist ist doch nicht bescheuert. Wenn er mich festnehmen würde, bringen meine Brüder erst ihn und dann seine komplette Familie um", sagt Samo und schaut hinüber zu einem Koffer, der wie zum Beweis neben dem Sofa steht. Darin: ein Maschinengewehr, zwei Pistolen, eine Autobombe und ein Haufen Munition. Das Töten sei meist nichts Persönliches, aber es gehöre eben dazu. "Wenn keiner Angst vor dir hat, dann ficken sie dich", sagt Samo und leckt sich ein paar Klümpchen Kokain vom Finger.

Panorama der Großstadt in Albanien, Polizeikontrolle

Über 100.000 Menschen leben in der Heimatstadt Samos im Nordwesten Albaniens. Nachts rückt die Polizei in den großen Städten des Landes aus und zieht Fahrer teurer Autos aus dem Verkehr (Beispiel Tirana, r.).

1349 Festnahmen hat es im Jahr 2016 in Albanien rund um die Drogen gegeben. Doch nur knapp hundert Verurteilungen. Ein "großer Fisch" war nicht darunter. Die werden einen Teufel tun und einen der Bosse verhaften, sagt Samo, als er später zurück auf die Straße tritt. Die Politik und die Kartelle seien eng verwachsen. "Jeder in Albanien weiß: Die Mafia kann für dich Wahlen gewinnen."

***

Lesen Sie im fünften und letzten Teil der Reportage, wie sich ein Clanchef seit Jahren seiner Festnahme entzieht. Sie nennen ihn den "Pablo Escobar des Balkans", aus gutem Grund.

Prolog | Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4 | Teil 5