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Dutroux-Prozess: Niemand spricht mehr vom Netzwerk

Erst der Glaube der Belgier an ein kriminelles Netzwerk hinter dem Kinderschänder Marc Dutroux machte den Fall zur Staatsaffäre. Doch das Wort ist zum Tabu geworden in Arlon. Dutroux selbst erging sich nur in Andeutungen.

Niemand spricht mehr vom Netzwerk. Das Wort ist zum Tabu geworden im Schwurgericht von Arlon, wo sich der vorbestrafte Kinderschänder Marc Dutroux und drei Mitangeklagte für die Entführung von sechs und den Tod von vier Mädchen verantworten müssen. Anfang März, als der Prozess rund acht Jahre nach den angeklagten Taten begann, waren Netzwerk und einflussreiche Hintermänner noch in aller Munde. 68 Prozent aller Belgier glaubten an ein kriminelles Netzwerk hinter Dutroux. Und erst dieser Glaube machte den Fall Dutroux zur Staatsaffäre.

Im Gerichtssaal von Arlon ist vom Netzwerk höchstens noch unterschwellig die Rede: Georges-Henri Beauthier, Rechtsanwalt des überlebenden Dutroux-Opfers Laetitia Delhez und einer der eifrigsten Verfechter der Theorie vom Pädophilen-Ring hinter Dutroux, will nie von einem Netzwerk gesprochen haben. Dutroux selbst ergeht sich in düsteren Andeutungen: "Ich bin eine Marionette in einem Alibiprozess", sagte der Hauptangeklagte in seinem Schlusswort. Und auch sein Verteidiger Xavier Magnée hat keine Antwort auf die Frage, wer denn die ranghohen Hintermänner sein könnten.

Zahlreiche Ermittlungspannen nährten These

Genährt worden war die These vom Kinderschänder-Netzwerk durch zahlreiche Ermittlungspannen von Polizei und Justiz. So konnte etwa der Fahnder René Michaux auch als Zeuge im Gericht nicht wirklich überzeugend erklären, warum er nie das Kinderversteck im Keller des Dutroux-Hauses in Charleroi bei mehreren Durchsuchungen entdeckte. Untersuchungsrichter Jacques Langlois musste sich seinerseits vorwerfen lassen, er habe nur an Dutroux als Einzeltäter geglaubt und sei vielen Spuren nicht nachgegangen.

Diese Spuren, das wurde im Prozess ebenfalls deutlich, weisen auf ein weit verzweigtes System krimineller Beziehungen rund um Dutroux hin. Autoschiebereien, Einbrüche und Drogenhandel gehörten in seinem Milieu zum Tagesgeschäft. Die Täter agierten in einem weitgehend rechtsfreien Raum. Polizisten hielten ihnen laut Zeugenaussagen den Rücken frei, weil sie auf die Hinweise ihrer kriminellen Tippgeber angewiesen waren oder auf andere Weise von deren Straftaten profitierten. In dieses Wespennest der Mafia von Charleroi habe auch Untersuchungsrichter Langlois nicht stechen wollen.

Als Dutrouxs Verbindungsmann zu Kinderschänder-Ringen galt stets der Mitangeklagte Michel Nihoul. "Ich weiß, dass nur wenige mich sympathisch und viele sehr unsympathisch finden", sagte Nihoul in seinem Schlusswort. Dutroux beschuldigt ihn, Auftraggeber der Entführungen Mitte der 90er Jahre gewesen zu sein. Doch die Anklage gegen Nihoul beruht vor allem auf Indizien: Ob er wirklich wegen der Entführung Laetitias so eifrig mit Dutroux telefonierte und die Tat später mit 1000 Extasy-Pillen bezahlte, erscheint vielen ungewiss.

"Bildung einer kriminellen Vereinigung"

Am Urteil gegen Nihoul wird sich deshalb erweisen, was am Ende des Prozesses von der Netzwerk-These übrig geblieben ist. Die Anklage spricht juristisch nüchtern von der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Halten die zwölf Geschworenen den vorbestraften Betrüger Nihoul für ein Mitglied dieser Bande, dann dürfte dies den Glauben an einflussreiche Hintermänner nähren. Endet das Verfahren für ihn hingegen mit einem glatten Freispruch, dann wird damit auch die Netzwerk-Theorie zu den Akten gelegt.

Roland Siegloff/DPA / DPA