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Süditalien: Wenn Gruppen ein Mädchen jahrelang vergewaltigen - und die Stadt schweigt

Mehrmals in der Woche lauerten ihr die Männer vor der Schule auf: Über zwei Jahre hinweg wurde ein Mädchen in Süditalien immer wieder systematisch vergewaltigt. Von den Einwohnern des Städtchens will niemand etwas mitbekommen haben.

Zwei Jahre musste das Mädchen unter den Übergriffen leiden (Symbolbild)

Zwei Jahre musste das Mädchen unter den Übergriffen leiden (Symbolbild)

Als das Martyrium begann, war das Mädchen gerade 13 Jahre alt. Ein Teenager, der eben die ersten Erfahrungen mit der Liebe gemacht hatte. Doch was als Romanze begann, endete in einem Alptraum. Der Ex-Freund der 13-Jährigen begann, sie gemeinsam mit Freunden zu vergewaltigen. Er habe sie quasi an seine Kumpel "verliehen", schreibt die italienische Zeitung "La Repubblica". Mindestens zweimal pro Woche hätten die Männer nach der Schule auf sie gewartet. Immer wieder wurde sie zum Geschlechtsverkehr gezwungen und dabei auch fotografiert, mit den Bildern erpressten die Männer sie.

Tatverdächtig sind laut italienischen Medien sieben bis neun Männer, die meisten zwischen 20 und 30 Jahre alt. Zwei Jahre lang musste das Mädchen die Übergriffe über sich ergehen lassen, ohne dass sie es wagte, zur Polizei zu gehen. Unter den Männern befand sich der Sohn eines Armeeoffiziers sowie der Bruder eines Polizisten. Kopf der Bande soll Giovanni Iamonte gewesen sein - Sohn des einflussreichsten Mafiabosses der Stadt.

Der Ort des Geschehens: Melito di Porto Salvo, ein 11.000-Einwohner-Städtchen ganz im Süden an der Stiefelspitze Italiens. Die Stadt liegt malerisch am Meer und gehört zur Region Kalabrien – eine von der Sonne verwöhnte und von der kalabrischen Mafia 'Ndragheta kontrollierte Gegend. Seit September 2016 ist das Verbrechen, das dort über zwei Jahre hinweg geschah, in ganz Italien bekannt. Und was verstört, ist nicht nur die Dimension der Übergriffe, sondern auch die Reaktion mancher Anwohner.

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Eine Lehrerin schaltet die Polizei ein

Die Staatsanwälte glauben, dass viele von dem Verbrechen wussten oder zumindest Gerüchte darüber gehört hatten: Angehörige der Täter, die Eltern des Opfers, Nachbarn. Trotzdem konnten die Täter das Mädchen ungestört drangsalieren. "Sie wurde wie ein Ding behandelt, ein Lustobjekt, nur verpflichtet, still zu sein und zu gehorchen", schreibt "La Repubblica". Die Angst vor der Mafia ist in der Region allgegenwärtig. Eines ihrer wichtigsten Gesetze ist die "Omertà": die Pflicht, zu schweigen.

Das Mädchen erlebte furchtbare Jahre. Sie habe keine Achtung mehr vor sich selbst gehabt, zitiert "La Repubblica" aus ihrer Aussage, sie habe sich wie ein Stück Dreck gefühlt. Irgendwann begann sie, sich Arme und Beine aufzuritzen, manchmal aß sie den ganzen Tag nichts, manchmal weinte sie nur noch. Erst als sie ihre Geschichte im Alter von 15 Jahren in einem Aufsatz niederschrieb, schaltete eine Lehrerin die Polizei ein. Besonders bitter: Die Mutter des Mädchens hatte schon früher von den Übergriffen erfahren. Doch die hatte ihrer Tochter entweder nicht geglaubt - oder aus Angst geschwiegen. Der Vater, den sie einweihte, soll versucht haben, beim Vater Giovanni Iamontes zu intervenieren. Doch auch er ging nicht zur Polizei.

"Das kann überall passieren"

Reporter der ARD-Sendung "Weltspiegel" haben sich in dem Ort umgesehen und Anwohner dazu befragt. Die Aussagen, die sie zu hören bekommen, sind erschütternd und stützen den Verdacht, dass viele absichtlich weggesehen haben. Er habe von dem Fall noch nie gehört, sagt ein Passant, obwohl die Geschichte inzwischen durch die italienischen Medien ging. "Das kann überall, an allen Orten passieren", meint eine andere Einwohnerin. "Das sind leider Dinge, die geschehen", sagt eine ältere Frau lapidar. Auch in italienischen TV-Berichten aus dem September sind solche Stimmen zu hören. Manche sehen in den Männern die Opfer. Eine Frau erklärt, so, wie sich manche Mädchen kleideten, provozierten sie das doch. In einem anderen Fernsehbericht heißt es, befragte Anwohner äußerten sich manchmal besorgter um die Tatverdächtigen als um das Mädchen.

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Das Opfer selbst soll inzwischen im Norden Italiens leben. Die Tatverdächtigen sitzen in Untersuchungshaft, auch der Sohn des Mafiabosses. Auf Facebook erhalten sie von ihren Freunden Unterstützung, die gegen Journalisten wettern und überhaupt gegen all die "Moralisten", die die Verdächtigen verurteilen, ohne sie zu kennen.

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