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Pädophilie: Missbrauchsfall von Staufen: Viele wussten Bescheid – keiner tat etwas

Ein Kind wird zum Missbrauch Pädophilen ausgeliefert, wieder und wieder. Haupttäter und "Kunden" sind den Behörden seit Jahren bekannt.

Missbrauchsfall von Staufen: Viele wussten es – niemand handelte

Staufen im Breisgau, 8000 Einwohner, Fachwerk, Kopfsteinpflaster und über allem die Ruine der Burg Staufen. Bis aus Spanien kamen kriminelle Pädophile, um ein Kind aus dem Ort zu missbrauchen

Dieser Artikel erschien auf stern.de erstmals am 3. Februar 2018. Nun hat die Staatsanwaltschaft Freiburg Anklage gegen die Mutter und ihren Lebensgefährten erhoben. Aus der Anklage geht hervor: Neben dem bereits bekannten Fall des Jungen soll es ein zweites Opfer geben, ein dreijähriges Mädchen. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen das Paar lauten unter anderem schwerer sexueller Missbrauch von Kindern und schwere Zwangsprostitution. 

Der Junge wohnt hier nicht mehr. Sein Spielzeug liegt draußen vor dem weißen Haus am Hang, seine Puzzles, sein gelber Plastikbagger und die Kuscheltiere. Der Vermieter hat auch die ganze Kleidung in alte Tragetaschen und Säcke gepackt und vor die Tür gestellt, und dazu das kleine rot-blau lackierte Fahrrad. Im Regen gammeln die Sachen vor sich hin.

Ein netter kleiner Junge war er, sagen die Nachbarn, ein bisschen einsam vielleicht, denn es kamen niemals Freunde, und er sei zurückhaltend und zierlich gewesen für seine sieben, acht Jahre. Aber doch liebevoll umsorgt von seiner Mutter Berrin T. Jedenfalls sah es so aus. Jedenfalls ließ man es so aussehen. Tatsächlich war er eine Ware, missbraucht, gequält, vergewaltigt, gegen Geld. Ein Junge, der offenbar gelernt hatte, sich nichts anmerken zu lassen. Den Mann, der ihn verkaufte, damit andere ihn vergewaltigen konnten, und der ihn auch selbst missbrauchte, nannte er Papa. Manchmal nahm er dessen Hand in die eine und die der Mutter, die Bescheid wusste und mitmachte, in die andere Hand, und sie gingen die Straße entlang, er in der Mitte, wie eine ganz normale Familie.

Aus dem Darknet in den Breisgau

Zwei Wochen ist es jetzt her, dass Staatsanwaltschaft, Landeskriminalamt und Polizeipräsidium Freiburg die Öffentlichkeit informierten über die Zerschlagung eines Pädophilen-Netzwerkes. Dessen Zentrale nicht irgendwo war, weit weg, in Osteuropa oder in Asien, sondern mitten im puppenstubenartigen Staufen in Südbaden, einem idyllischen 8000-Einwohner-Örtchen mit Fachwerkhäusern und Kopfsteinpflaster und einem Dialekt, weich wie Knetgummi.

Am 10. September vergangenen Jahres war beim Bundeskriminalamt ein Hinweis eingegangen auf im Netz kursierende Filme und Bilder. Und schnell war klar, dass es sich um aktuelles Material handelte. Dass irgendwo das dazugehörige Kind sein musste, in höchster Not und Gefahr. Nur wenige Tage brauchten die Ermittler aus der virtuellen in die reale Welt, aus dem Darknet in den Breisgau, um auf einem Rewe-Parkplatz den mutmaßlichen Haupttäter Christian L. festzunehmen und seine zehn Jahre ältere Lebensgefährtin in ihrer Wohnung.

Mindestens zwei Jahre lang sollen die beiden den heute Neunjährigen verschiedenen Männern gegen Geld zum Missbrauch und zur Vergewaltigung "vermietet" haben, in Pensionen, Hotelzimmern, Gartenlauben, womöglich in einem Toilettencontainer. Manchmal waren sie dabei, filmten die Taten und machten mit. Manchmal überließen sie den Jungen seinen Peinigern allein.

Im Stadtsee von Staufen soll Christian L. eine Computerfestplatte mit belastendem Material versenkt haben. Die Polizei fand sie im Schlick, nachdem sie das Wasser abgelassen hatte

Im Stadtsee von Staufen soll Christian L. eine Computerfestplatte mit belastendem Material versenkt haben. Die Polizei fand sie im Schlick, nachdem sie das Wasser abgelassen hatte

Die ans Licht gekommenen Details und die Dimension der Taten brachten selbst die hartgesottenen Ermittler der Soko "Kamera" an den Rand der Tränen. Monatelang jagten sie nach der Festnahme des Paares die "Kunden" im In- und Ausland. Sie ließen den Stadtsee in Staufen ab, stellten Rechtshilfeersuchen ins europäische Ausland, wühlten sich durch die grausamen Bilder der im See sichergestellten Festplatte. Und sie wurden fündig: in Deutschland, aber auch in Spanien, in Österreich und Frankreich, wo sie einen Stabsfeldwebel eines deutsch-französischen Bataillons festnehmen ließen.

Inzwischen sitzen acht Personen in Haft. Das Glück war, dass die Männer untereinander kaum Kontakt hatten, wie es sonst in solchen Zirkeln häufig vorkommt. So bemerkten die Vergewaltiger des Jungen nicht, wie einer nach dem anderen im Gefängnis verschwand. Ob man tatsächlich alle hat, die den Jungen gequält haben, bleibt ungewiss. Es ist, sagt ein Ermittler, der schlimmste Fall, der ihnen je untergekommen ist.

Einschlägig vorbestrafter Schwerkrimineller

Umso schwerer wiegt, was jetzt tröpfchenweise an die Öffentlichkeit kommt, über die Umstände der Tat und über die Vorgeschichte der Täter. Denn Christian L., der mutmaßliche Haupttäter, ist nicht der große Unbekannte aus dem Dunkelfeld, der freundliche Nachbar von nebenan, den niemand auf dem Zettel hatte. Christian L. ist ein einschlägig vorbestrafter Schwerkrimineller, der auf richterliche Anordnung engmaschig überwacht werden sollte und dem der Kontakt zu Kindern und Jugendlichen gerichtlich verboten war. Und seine Komplizin, die alleinerziehende Mutter des Jungen, ist dem Jugendamt seit Jahren bekannt. Auch ein Amtsgericht und ein Oberlandesgericht wussten, dass sie sich mit einem als rückfallgefährdet eingestuften Kindesmissbraucher eingelassen hatte. Alles geschah am helllichten Tag.

Christian L. war selbst, was keine Entschuldigung ist, aber vielleicht eine Erklärung, ein misshandeltes, verwahrlostes Kind. Seinen leiblichen Vater kennt er nicht, der Stiefvater schlägt ihn, er trudelt als kleiner Junge zwischen Heimen, psychisch labiler Mutter und verschiedenen Pflegestellen hin und her. In der sechsten Klasse muss er, obwohl überdurchschnittlich intelligent, auf die Sonderschule wechseln, er klaut, lügt, betrügt und wird bald ein Fall für die Kinderpsychiatrie. Eine Kochlehre bricht er ab, mit 19 sitzt er eine 16-monatige Jugendstrafe wegen Betrugs ab, 2005 wird er das erste Mal für den Besitz und die Verbreitung von Kinderpornografie verurteilt, ein Jahr auf Bewährung. 2009 macht er sich an ein 13-jähriges entwicklungsverzögertes Mädchen heran, missbraucht es und benutzt auch dessen dreijährige Halbschwester für pornografische Filmaufnahmen. 2010 wird er deswegen zu vier Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Schon im damaligen Prozess sind insbesondere die Aufnahmen von vergewaltigten Kleinkindern und die schriftlich fixierten Überlegungen und Fantasien zum Missbrauch und zur Vergewaltigung der dreijährigen Halbschwester schwer auszuhalten. Darüber, ob L. in Haft eine Therapie macht, gibt es keine Auskunft.

Das Jugendamt in Freiburg nimmt das Kind aus der Familie, scheitert aber an den Richtern

Das Jugendamt in Freiburg nimmt das Kind aus der Familie, scheitert aber an den Richtern

Als L. am 20. Februar 2014 aus der Haft entlassen wird, stellt ein Gericht ihn für zunächst fünf Jahre unter Führungsaufsicht. Er muss sich von Kindern und Jugendlichen fernhalten. Erlaubt ist ihm der Kontakt nur dann, wenn ein Elternteil dabei ist – das eröffnet ihm später ein Schlupfloch zur alleinerziehenden Mutter Berrin T. Außerdem soll er mindestens einmal pro Monat zu einem Therapeuten gehen, der auch die Pflicht hat, die Behörden zu informieren, wenn sein Patient gefährliche Fantasien erkennen lässt und ein Rückfall droht.

Zudem soll ihn ein Fachkoordinator vom LKA "mindestens einmal im Monat persönlich treffen", denn er kommt in ein Spezialprogramm der baden-württembergischen Landesregierung namens "Kurs". Die Abkürzung steht für "Konzeption zum Umgang mit besonders rückfallgefährdeten Sexualstraftätern". Das ressortübergreifende Projekt, 2010 zum "besseren Schutz der Allgemeinheit" vor entlassenen Sexualstraftätern als "bundesweit einmalig" von gleich drei Ministern mit viel Tamtam angekündigt, soll dafür sorgen, dass Polizei und Justiz besser zusammenarbeiten und Informationen nicht auf dem Amtsweg verloren gehen. Mit "Kurs" würden "die bisher weitgehend parallel durchgeführten Maßnahmen der justiziellen Führungsaufsicht und der polizeilichen Gefahrenabwehr intensiviert und miteinander verzahnt", heißt es stolz in der Projektbeschreibung.

Man kann sich Details zu "Kurs" im Internet herunterladen und auch ein Bild dazu, auf dem unter dem Titel "Was bringt die Zukunft?" ein mit "Sex-Verbrecher" beschrifteter Mann die Straße entlanggeht, der umringt ist von Bewährungshelfern und Polizisten und offenbar ohne sie keinen Schritt tun kann.

Das FBI hat den Betreiber ausfindig gemacht

So war es nicht im Fall Christian L. – so viel kann man sagen, auch ohne die Auskunft der zuständigen Behörden abzuwarten, die sich derzeit nicht äußern möchten zu der Frage, von wem eigentlich und wie genau ein rückfallgefährdeter Straftäter überwacht werden soll und ob das im Fall L. geschah.

"Verzahnung" kann alles und nichts bedeuten, und Programme, selbst die ambitioniertesten, sind auch nur Buchstaben auf Papier, solange sie niemand umsetzt. Weder die Bewährungshelferin noch der zuständige LKA-Mann noch der Therapeut, bei dem Christian L. brav einmal im Monat auftaucht, bekommen offenbar mit, dass aus den gefährlichen Fantasien bereits Wirklichkeit geworden ist. Schon 2015 beginnt L. die Beziehung zu Berrin T. und ihrem Sohn, schon Anfang 2016 ist er regelmäßig in deren damaliger Einzimmerwohnung in einem Nachbarort von Staufen, auch über Nacht. In den Augen der Vermieterin, die von der Vorgeschichte Christian L.s nichts ahnt, ist die Grenze zwischen Besuch und Einzug bereits überschritten, Berrin T. muss sich mehrmals Ermahnungen von ihr anhören. Die Einzimmerwohnung, nur 40 Quadratmeter groß, sei für weitere Bewohner zu klein. Das Wohnzimmer ist zugleich Schlafzimmer für Mutter und Kind – und nun auch noch für Christian L. All die für den Straftäter zuständigen Koordinatoren, Helfer und Therapeuten wissen davon anscheinend nichts.

In diesem Haus am Rande von Staufen lebte Berrin T. mit ihrem Sohn – und mit dem einschlägig vorbestraften Christian L.

In diesem Haus am Rande von Staufen lebte Berrin T. mit ihrem Sohn – und mit dem einschlägig vorbestraften Christian L.

Anfang 2016 bekommt die Staatsanwaltschaft Post aus Amerika. Das FBI hat den Betreiber einer Plattform für Kinderpornografie im Darknet ausfindig gemacht, auf der sich Pädophile aus aller Welt tummeln. Einer von ihnen: ein Mann aus dem Breisgau mit dem Decknamen Geiler-Daddy und einer Vorliebe für vergewaltigte Kleinkinder. Ermittlungen werden aufgenommen, und Christian L. wird als Geiler-Daddy identifiziert. Ob die Information weitergegeben wurde, ist unklar, Konsequenzen hat der Vorgang für Christian L. jedenfalls nicht.

Stattdessen beantragt er am 16. April 2016 ganz offiziell beim Landgericht Freiburg, dass er mit seiner Freundin und ihrem Kind zusammenziehen darf. Nach vier langen Monaten lehnen die Richter ab – man habe "Bedenken". Was eine seltsame Formulierung ist angesichts des erneuten Ermittlungsverfahrens, angesichts der gerichtlichen Auflage, sich von Kindern fernzuhalten, und angesichts der Tatsache, dass L. sich darum nicht schert und das nicht besonders schwierig herauszufinden wäre.

Doch erst ein knappes Jahr später, am 15. Februar 2017, schlägt der LKA-Koordinator Alarm: L. wohne tatsächlich, entgegen der Auflagen, bei seiner Freundin. Zwei Wochen danach informiert die Polizei das Jugendamt. Am 14. März 2017 wird der Junge aus der Familie genommen. Im Juli 2017 wird L. wegen Verstoßes gegen die Auflagen zu vier Monaten Haft verurteilt. Jetzt könnte endlich alles gut werden.

Die Rettung des Jungen rückt in weite Ferne

Zu diesem Zeitpunkt ist Berrin T. schon seit Jahren im Blick der Jugendbehörde. Man sieht Förderbedarf für den Jungen, die Frau selbst jedoch sei liebevoll und kompetent. Nach Aussagen von ehemaligen Nachbarn aber waren seit Jahren immer wieder Beschwerden geschickt worden über eine verwahrloste Umgebung, stets abgedunkelte Fenster und mangelnde Fürsorge. Phasenweise soll eine Dorfhelferin die Familie unterstützt haben.

Als aber im März 2017 ihr Sohn vom Jugendamt in Obhut genommen wird, legt Berrin T. Widerspruch ein. Sie will ihr Kind zurück, und heute weiß man, dass der Grund wohl nicht Mutterliebe war. Auch dem Familiengericht ist bekannt, dass die ohnehin labile Frau sich mit einem wegen Kindesmissbrauchs vorbelasteten Straftäter eingelassen hat. Das Gericht schickt das Kind zur Mutter zurück, aber es stellt Bedingungen: Berrin T. soll dafür sorgen, dass Christian L. keinen Kontakt zu ihrem Sohn hat. Er darf nicht bei ihr wohnen. Sie soll sich psychiatrisch untersuchen lassen. Und sie soll Hilfe zur Erziehung bekommen und auch annehmen. Regelmäßig soll eine Helferin sich mit dem Jungen und seinen Sorgen beschäftigen. In der Verhandlung sammelt Berrin T. Pluspunkte, denn sie zeigt sich kooperativ und einsichtig. Das Kind wird zurückgebracht. Vier Wochen danach ist es mit der Einsicht und der Kooperation vorbei: Berrin T. legt Widerspruch gegen sämtliche Auflagen ein. Der Junge bleibt trotzdem erst mal bei ihr. Die Sache geht in die nächste Instanz: ans Oberlandesgericht.

Daniel V. wurde erstmals im Jahr 2000 wegen Verbreitung pornografischer Schriften angeklagt

Daniel V. wurde erstmals im Jahr 2000 wegen Verbreitung pornografischer Schriften angeklagt

Dass hier dieselbe Richterin den Fall bekommt, die 2010 Christian L. zu vier Jahren Haft wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen und der Verbreitung von Kinderpornografie verurteilte, ist Zufall und hätte großes Glück bedeuten können. Weil sie ja weiß, mit wem die labile Mutter es wirklich zu tun hat. Weil sie weiß, wer es ist, der sich da anschleicht, und sie all die Bilder gesehen hat von Vergewaltigungen vier- und fünfjähriger Kinder auf Christian L.s Computer. Weil sie gelesen und gehört hat, was damals in seinem Kopf herumspukte darüber, was man noch alles machen könnte, auch mit der kleinen Schwester seines Opfers. Weil sie es gewesen ist, die dem Mann eine zweite Chance hatte geben wollen, die in Wahrheit schon die dritte, eher die vierte oder fünfte gewesen war – und sie also hätte erkennen können, dass er eine weitere nicht verdient.

Aber es bringt kein Glück. Die Rettung des Jungen rückt in weite Ferne. Die Richterin bestätigt die Entscheidung des Amtsgerichts zur Rückführung des Kindes. Und: Zwar soll Christian L. weiterhin keinen Kontakt haben zu Berrin T.s Kind. Aber die muss sich nicht einer psychiatrischen Diagnostik unterziehen, denn sie hat bereits "Kontakt" zu einer Psychotherapeutin aufgenommen. Und es wird nun doch keine Erziehungshelferin in die Familie geschickt, also wieder keine neutrale Person, der der Drittklässler sich hätte anvertrauen können oder die vielleicht Verdacht geschöpft hätte oder zumindest bemerkt, dass Christian L. trotz aller Auflagen in ständigem Kontakt mit dem gefährdeten Kind war. Gegen sein Amtsgerichtsurteil legt er Widerspruch ein und bleibt deswegen auf freiem Fuß. "Der blinde Fleck war die Mutter des Jungen", heißt es jetzt vonseiten des Jugendamtes. Aber das kann man so nicht sagen. Der blinde Fleck, das waren die Behörden selbst.

Kompetenzwirrwarr, Verantwortungsdiffusion, Zuständigkeitsinferno

Es ist also einiges katastrophal gelaufen im Umgang mit dem Kindeswohl und dem hochgefährlichen Christian L., der sich unter den Augen der ihn beaufsichtigenden Behörden an eine labile Mutter heranmacht, die ebenfalls unter der Aufsicht der Behörden steht, wenn auch anderer, weil ihre Erziehungsfähigkeit und ihre Lebensumstände so sehr in Zweifel stehen, dass man den Jungen für akut gefährdet hielt. Auch wenn das zunächst nicht jeder gelten lassen will. "Soweit ich die Sachlage kenne", sagt Baden-Württembergs Sozialminister Manne Lucha nach Bekanntwerden des Verbrechens in einem eiligst abgegebenen Statement, "war es ja nicht so, dass die Behörden nicht auf die Missstände in der Familie hingewiesen hätten."

Immerhin, schwingt da mit. Immerhin haben wir bemerkt, dass diese Konstellation nichts Gutes erwarten ließ, und das ja auch gemeldet. Melden macht frei, heißt das im Behördenjargon. Man spricht an, man weist hin, nur machen sollen bitte die anderen.

Zuletzt lebte Daniel V. in einem Gebäude nahe der Ostsee

Zuletzt lebte Daniel V. in einem Gebäude nahe der Ostsee

Und man liegt nicht falsch, wenn man neben all dem Kompetenzwirrwarr, der Verantwortungsdiffusion und dem Zuständigkeitsinferno auch eine gewisse Bräsigkeit als Ursache ausmacht. Eine Bräsigkeit, die sich, während die Ermittler der Öffentlichkeit vom schrecklichsten Fall ihrer Geschichte erzählen, bis in die jüngsten Tage fortsetzt: Erst jetzt, vier Monate nachdem sie unter Verschluss von den monströsen Verbrechen erfahren haben, beginnen offenbar Landgericht, Amtsgericht, Jugendamt und Bewährungshilfe, sich selbst zu fragen, was eigentlich schiefgegangen ist in diesem Fall. Und die Fehler mit einer Vielzahl einander widersprechenden Erklärungen und Mutmaßungen erst mal bei den jeweils anderen suchen. Auf die Frage in der "Tagesschau", wer für die Kontrolle der Auflagen zuständig gewesen sei, antwortet ein Sprecher des Gerichts: "Ich bin mir ziemlich sicher, wir waren es nicht." Vier Monate nach dem internen Bekanntwerden. Vier Monate, in denen andere Kinder in die gleichen Lücken gefallen sein können.

Dass es in den Behörden, Ämtern und Gerichten anderswo ähnlich lief, macht es nicht besser. Es hat die Tragödie des Jungen noch befördert. Auch einige der sogenannten Kunden, die für Tausende Euro das Kind missbrauchten, manchmal ganze Wochenenden lang, waren einschlägig vorbestraft, standen unter Führungsaufsicht und waren zusätzlich Teilnehmer therapeutischer Programme mit wohlklingenden Namen.

Einer der Kunden, der auch aus der Region stammt, soll nach Verbüßung seiner Haft wegen der Vergewaltigung eines Kindes ebenfalls unter Führungsaufsicht gestanden haben. Angeblich kannte er Christian L. aus dem Gefängnis. Ein weiterer Kunde, Bundeswehrsoldat des Jägerbataillons 291 im elsässischen Illkirch-Graffenstaden, war bereits aufgefallen, weil er Kinderpornografie auf seinem Laptop gespeichert hatte, und wurde "aufgrund eines schwerwiegenden Dienstvergehens" degradiert. Er gehört wohl zu denen, die das Kind mehrfach missbraucht haben.

Daniel V. bot seinen dreijährigen Sohn zum Missbrauch an

Ein Mann aus Schleswig-Holstein, den SEK-Beamte auf dem Weg zur Vergewaltigung des Jungen in Karlsruhe abpassten, hatte bereits fast sechs Jahre Haft abgesessen und war der Sicherungsverwahrung nur knapp entkommen. Dieser Daniel V. hatte nicht nur Massen grausamsten kinderpornografischen Materials besessen, sondern seinen eigenen dreijährigen Sohn zum Missbrauch angeboten und schon mal Beruhigungsmittel und Salben an ihm getestet. Und er hatte mit einem anderen Kriminellen stundenlang einen grausamen Sexualmord an einem Kind durchgespielt. V. stand seit seiner Haftentlassung unter Führungsaufsicht und kam ins "Kieler Sicherheitskonzept Sexualstraftäter" (KSKS).

Er hatte Fesseln bei sich, als das SEK ihn am Bahnhof überwältigte.

Währenddessen geht das Leben in Staufen wieder seinen Gang. Das Jugendamt, das das Kind nicht vor den Vergewaltigungen des Christian L. und seiner "Kunden" schützen konnte, möchte jetzt wenigstens seine Privatsphäre vor den Medien schützen. Es beauftragte dazu einen Berliner Promi-Anwalt, der normalerweise Eisprinzessinnen und Fernsehstars vertritt. Der Vermieter der Wohnung, in der Berrin T. mit ihrem Sohn und Christian L. entgegen aller Auflagen zuletzt gelebt hat und von der aus der kleine Junge zu seinen Peinigern gebracht wurde, hat nochmals an das Untersuchungsgefängnis geschrieben, man möge die Sachen abholen. Aber bis jetzt ist keiner gekommen. Nun will er die Sperrmüllabfuhr bestellen. Er hatte schon genug Ärger mit alldem, sagt er.

Und der Junge? Seine Mutter ist im Gefängnis, sein leiblicher Vater starb kurz nach seiner Geburt an einer Überdosis Heroin, seine volljährige Halbschwester ist wohl zu jung, um sich um ihn zu kümmern. Er lebt "in staatlicher Obhut". Man wünscht ihm, dass fortan besser auf ihn aufgepasst wird. Und dass doch noch jemand eins oder zwei seiner Spielzeuge rettet, die ihm vielleicht etwas bedeuten.

Irgendwann wird er seinen Namen ändern und den alten womöglich vergessen und mit ihm hoffentlich einen Teil der Erinnerungen an seine zerstörte Kindheit, an die grausamen Schmerzen, die körperlichen und die seelischen. Es geht ihm, gemessen an den Umständen, gut, sagt Katja Ravat, die vom Gericht als Verletztenbeistand eingesetzt wurde und ihn im Strafverfahren gegen seine Peiniger vertreten wird. Er hat ja gelernt, zu funktionieren und sich nichts anmerken zu lassen, und es wird wahrscheinlich dauern, bis er glaubt, dass auch er Gefühle haben darf und Schmerzen und Wut. Und manchmal vermisst er gewiss seine Mama, die er lieb hat, trotz allem, wie ein kleiner loyaler Soldat, der schwer verwundet einen Krieg überlebt hat und sich trotzdem nach der Zuneigung derer sehnt, die ihm all das angetan haben.

Mit Frauke Hunfeld recherchierten in Staufen, Stuttgart und Schleswig-Holsten Ingrid Eißele, Anette Lache, Isabel Stettin und Rike Uhlenkamp.