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Missbrauchsvorwürfe in Sylter Klinik Der Fall "Quickborn" - Kindersex im DAK-Haus


Der Kindersex-Skandal auf Sylt: Der Betreiber der Klinik will den Fall wohl am liebsten vertuschen, wie aus einem internen Schreiben hervorgeht. Doch ein Anwalt kündigt Widerstand an.
Von Manuela Pfohl

Es liest sich nett, was auf der DAK-Homepage steht. "Der Aufenthalt auf Sylt bietet die große Chance, gesundheitsbewusste Denk- und Lebensweisen kennen zu lernen und auszuprobieren." Als Tims* Mutter ihren Elfjährigen am 2. Juli zur Kinderkur ins DAK-Haus "Quickborn" auf Sylt schickt, ahnt sie nicht, dass er es statt dessen in den folgenden Wochen mit außer Kontrolle geratenen sexuellen Phantasien von 9 bis 13-jährigen Jungen zu tun haben wird.

Versuchter Analverkehr, Drohungen und Schläge

Was der Sohn ihr nach fünf Wochen Kur verschämt berichtet, klingt schier unglaublich. Über mindestens zwei Wochen habe er sexuelle Übergriffe von anderen 9 bis 12-jährigen Jungen aus seiner Gruppe ertragen müssen. Dazu zählten versuchter Analverkehr, Drohungen, Schläge. Die Frau sucht sich juristischen Beistand und erstattet Strafanzeige. Seitdem hat der Bielefelder Rechtsanwalt Carsten Ernst den "Fall Quickborn" auf dem Tisch. Eine Angelegenheit, die "durchaus auch nach Jahren der Tätigkeit als Strafverteidiger geeignet ist, mir die Sprache zu verschlagen", sagt der Jurist. Ihn empören indes nicht nur die Vorfälle selbst, sondern auch der Umgang der DAK mit den Vorwürfen.

Am 6. August offenbarten sich abends zum ersten Mal zwei Jungen einem Betreuer und schilderten ihr seit etwa drei Wochen dauerndes Leiden. Laut DAK haben die Erzieher zunächst die Kinder über "die medizinischen Risiken solcher Handlungen aufgeklärt", eine psychologische Betreuung der Betroffenen eingeleitet und anschließend sofort die Klinikleitung informiert. Auch seien die drei "Rädelsführer" in die Krankenabteilung verlegt und am nächsten Tag heimgeschickt worden. Man habe die Kriminalpolizei eingeschaltet, ein Beamter befragte am Tag darauf in der Klinik ein Kind.

"Erweiterte Doktorspiele" auf freiwilliger Basis

Die Staatsanwaltschaft Flensburg bestätigt, dass die Klinikleitung am 7. August die Polizeidienststelle in Westerland informierte. Doch von ernsthafter Aufklärung scheint die Klink da noch meilenweit entfernt gewesen zu sein. In einem Schreiben der DAK, das stern.de vorliegt, und das auf den 24. August datiert ist, heißt es: "Die Empfehlung des Leitenden Arztes (…), über die Vorfälle Stillschweigen zu bewahren, ist für uns (…) in vollem Umfang nachvollziehbar (…)."

Tatsächlich wiegelt ein DAK-Sprecher auch als die Vorwürfe zu Wochenbeginn öffentlich werden, noch ab und bezeichnet sie lapidar als "erweiterte Doktorspiele" auf freiwilliger Basis. Grundlage sei das "Flaschendrehen" gewesen, das die Kinder etwa jeden zweiten Tag abends zwischen 21 Uhr und 21.30 Uhr gespielt hätten. Auf der Homepage der DAK ist nun aktuell zu lesen, dass es dabei zwar "sexuelle Handlungen unter 9- bis 12-jährigen Jungen gegeben" habe. Doch "Medienberichte über angebliche Vergewaltigungen weisen wir entschieden zurück".

"Maßgeblich geplante und gesteuerte Aktivitäten"

Eine seltsame Einschätzung, zumal in der internen Dokumentation, die das Justiziariat der DAK am 24. August verfasst hat, deutlich wird, worum es bei den "erweiterten Doktorspielen" ging. Darin heißt es unter anderem: "Die Aufgaben bestanden im Wesentlichen anfangs in Küssen und Zungenküssen, später auch in manueller bzw. oraler Stimulation der Genitalien bis hin zur analen Penetration mit Finger und/oder Glied." Beteiligt gewesen sei eine Gruppe von 13 Kindern. Und: Von Freiwilligkeit kann selbst nach Erkenntnissen der DAK keine Rede sein. Denn in dem Schreiben werden "maßgeblich geplante und gesteuerte Aktivitäten" von "Gruppenführern" sowie Strafen genannt, wie "Drohungen" und "blaue Flecken". An der "Freiwilligkeit" hat auch Anwalt Ernst seine Zweifel. "Den Sohn meiner Mandantin hat das schwer mitgenommen. Er war absolut irritiert, denn er kannte vorher solche "Doktorspiele" nicht."

Einen kaum zu überbietenden Zynismus stellt angesichts der selbst eingestandenen Faktenlage das Fazit der DAK dar, das in dem stern.de vorliegenden Schreiben vom 24. August noch gezogen wird: "Fakt ist jedenfalls, dass alle Kinder mehr oder weniger gern mitgemacht haben, obwohl ihnen trotz eines Gruppenzwangs der Ausstieg offen gestanden hätte."

DAK rudert zurück

Erst jetzt, rund drei Wochen später, nachdem die Details der Vorfälle bekannt sind, rudert die DAK zurück. Aktuell erklärte der Sprecher, die DAK sei zu einer "neuen Einschätzung" gekommen. "Die Kasse stellt klar, dass der zunächst verwendete Begriff von "erweiterten Doktorspielen auf freiwilliger Basis" unrichtig und unangemessen war." Dass die Staatsanwaltschaft Flensburg inzwischen ermittelt, macht Tims Mutter Hoffnung auf Aufklärung, auch wenn eine Behördensprecherin sagt, dass man noch ganz am Anfang stehe.

Anwalt Carsten Ernst glaubt, dass noch längst nicht alle Karten auf dem Tisch sind. Er sagt, er habe am Dienstag mehrere Anrufe von Müttern erhalten, die in diesem Fall aussagen wollten. "Auf die offizielle Stellungnahme der DAK haben sie mit Unverständnis reagiert. Sie waren verärgert." Mindestens sieben weitere Mütter hätten angekündigt, aussagen zu wollen. "Das zieht jetzt Kreise." Der Anwalt will nun mit der Klinik Kontakt aufnehmen, um Schadens- und Schmerzensgeldansprüche geltend zu machen. "Da wurde die Aufsichtspflicht verletzt", sagte Ernst.

Dass die DAK ihrerseits vorsorglich erklärt, der Klinikleitung und dem Fachpersonal könnten keine Vorwürfe wegen mangelnder Aufsichtspflicht gemacht werden, bezeichnet Ernst als "beschämende Taktik".


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