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USA: Teenager zu 65 Jahren Haft wegen Mordes verurteilt - obwohl alle wissen, dass er nicht geschossen hat

Ein 18-Jähriger muss in den USA für einen Mord, den er nicht begangen hat, für Jahrzehnte ins Gefängnis. Sogar der Vater des Toten versteht das nicht - und doch ist das Urteil kein Justizirrtum.

Lakeith S. ist Teenager, 18 Jahre alt. Und er wird vermutlich erst als alter Mann wieder frei sein, mit 83. Ein Gericht im US-Bundesstaat Alabama hat ihn wegen Mordes verurteilt, berichtet unter anderem die Zeitung "USA Today". Verurteilt wegen eines Mordes, den er nicht begangen hat. Das weiß das Gericht, das weiß sogar die Staatsanwaltschaft. Und doch wird S. den Großteil seines Lebens im Gefängnis verbringen. Wie kann das sein?

S. war 15 Jahre alt, als er in der Kleinstadt Millbrook zusammen mit vier Komplizen auf Einbruchstour ging. Ein Anwohner beobachtete die Gruppe und rief die Polizei. Als sie ein Haus verlassen wollten, erwarteten die Beamten die fünf Freunde schon an der Eingangstür. Die Gruppe flüchtete durch die Hintertür des Hauses, verfolgt von den Polizisten, Schüsse fielen von beiden Seiten. Der 16-jährige bewaffnete A'Donte W. brach den Berichten zufolge mit einer Schusswunde am Hals zusammen, getroffen von der Kugel eines Beamten. So sollen es auch die Aufnahmen der Bodycams, die die Polizisten trugen, zeigen.

Komplizenhaftungsgesetz macht S. zum Mörder

Der Beamte, der den tödlichen Schuss abgab, wurde freigesprochen. Eine Grand Jury hielt den Einsatz der Waffe für gerechtfertigt. Stattdessen mussten sich Lakeith S. und die Überlebenden für den Tod ihres Freundes vor Gericht verantworten. Grund ist das sogenannte Komplizenhaftungsgesetz in Alabama. Danach ist S. an dem Tod ebenso schuldig, als hätte er selbst auf den Abzug gedrückt.

Eine Ausnahme ist dieses Gesetz in den USA nicht. Laut britischer BBC haben nur sieben der US-Bundesstaaten keine solche Regelung. In allen anderen kann die Anklage auf Mord erweitert werden, wenn es bei der Begehung eines Verbrechens zur Tötung eines Menschen kommt. Selbst Mittäter, die nicht direkt den Tod verursacht haben, aber an der Straftat zuvor beteiligt waren, können demnach wegen eines Tötungsdelikts belangt werden. Erleidet etwa ein Opfer während eines Raubes einen Herzinfarkt, kann der Täter wegen Mordes verurteilt werden, obwohl er keine Tötungsabsicht hatte. Sogar der Fahrer eines Fluchtwagens, der zwei Straßenecken weiter wartet, kann so zum Mörder werden.

Außerhalb der USA sei diese Art der Komplizenhaftung eher unüblich, sagte Michael Heymann, emeritierter Professor an der John-Marshall-Law-School in Chigago der BBC: "Es ist eine amerikanische Erfindung, dass einem ein Mord zugeschrieben werden kann, den man nicht begangen hat."

S. lehnte Deal im Mordprozess ab

Doch obwohl solche Verurteilungen in den USA immer wieder vorkommen, hielt Lakeith S. sich im Gegensatz zu seinen überlebenden Komplizen für unschuldig und lehnte einen Deal mit der Staatsanwaltschaft ab. Bekenne dich schuldig, und du bekommst "nur" 25 Jahre Gefängnis, soll das Angebot gelautet haben, berichtet der Sender Fox News.

65 Jahre Haft* für einen Mord, den S. nicht begangen hat. Der Bezirksstaatsanwalt nannte die Strafe "angemessen": "Wenn man ein Verbrechen begeht und jemand stirbt, hat das in Alabama Konsequenzen", sagte er. "Dann ist es Mord." Der Verteidigung entgegnete: "Die Todesursache war die Aktion des Polizisten. Es ist meiner Meinung nach sehr traurig."

Der Vater des Opfers A'Donte W. saß im Gerichtssaal an der Seite der Mutter des "Mörders" seines Sohnes. "Ich war dort, um Lakeith und seiner Familie Unterstützung zu zeigen. Was die Beamten getan haben - es war völlig falsch", sagte er laut Medienberichten. "Ich fühle nicht, dass S. die Strafe verdient. Nein. Überhaupt nicht."

*Die Strafen für die einzelnen Taten wurden addiert: Für den Mord alleine wurde S. zu 30 Jahren Haft verurteilt, dazu kamen jeweils zehn Jahre für zwei Diebstähle und 15 Jahre für Einbruch. Ob die Strafe zur Bewährung ausgesetzt wird, wird nach 20 bis 25 Jahren geprüft.

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wue/fs