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Verbrechen: Das Schweigen – warum eine Frau jahrelang an der Seite eines Mörders lebte

In einem Wald bei Freiburg tötet ein Mann die Vorgesetzte seiner Partnerin. Er gesteht ihr die Tat. Sie verrät ihn nicht. Doch wie kann man leben an der Seite eines Mörders?

Von Isabel Stettin

Mord bei Freiburg: Warum sie jahrelang an der Seite des Täters lebte

Thomas W. vor Beginn des Mordprozesses im Februar 2019 mit seinem Anwalt (r.). W.s Lebensgefährtin sagt, er habe immer damit gerechnet, dass eines Tages die Polizei kommt. Genauso wie sie selbst. Die Leiche ihrer Chefin war im März 2003 im Ehrenstetter Grund (l.) gefunden worden.

Als die Frau, die 16 Jahre lang nichts verraten hat, den Gerichtssaal betritt, sind ihre Lippen fest zusammengepresst. Helga S. trägt eine Jeans und eine Windjacke, ihre Haare sind grau, die Schultern schmal. Trotz ihrer Sonnenbrille ist erkennbar, dass ihr Blick den Angeklagten sucht. Thomas W. lächelt sie an. Sie weint.

Helga S., 59, Reinigungskraft, wirkt angespannt und fahrig. Sie beruft sich auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht. Sie sei verlobt mit dem Angeklagten, schon seit 2003, erklärt sie mit brüchiger Stimme. Zum Beweis hat sie einen Ring mitgebracht. Zur Hochzeit sei es nie gekommen. "Auch wegen der Tat."

Unter Schock

Die Tat geschah am 17. Januar 2003. Im Saal des Freiburger Landgerichts muss Helga S. nicht erzählen von jenem Tag, man lässt die Aussagen verlesen, die sie bei der Polizei gemacht hat. Demnach hatte sie schon an der Stimme ihres Partners gemerkt, dass etwas nicht stimmte an jenem Morgen. Es war irgendwann zwischen neun und zehn Uhr, er wollte, dass sie ihn abholte, in der Nähe eines Waldparkplatzes an der Autobahn. Sie fuhr hin, und was sie dann hörte, das verschlug ihr die Sprache. Er hatte sich mit Heidrun P. getroffen, der Vorgesetzten, die ihr den Job als Leiterin der Putzkolonne genommen hatte und von der sie sich drangsaliert fühlte. Oft war sie abends frustriert nach Hause gekommen. Sie hatte geweint. Ihrem Partner von all dem Ärger erzählt. Und ihn gebeten, sich rauszuhalten.

Sie wusste, dass er trotzdem einmal versucht hatte, der Chefin ein Gespräch aufzuzwingen, auf dem Parkplatz der Klinik, in der sie arbeitete. Aber dass er ihr auch an diesem Morgen dort aufgelauert hatte, dass er sie in den Wald gefahren und schließlich umgebracht hatte – das erfuhr Helga S., als sie Thomas W. abholte.

"Ganz komisch ruhig" habe er gewirkt, als er sagte, dass Heidrun P. tot sei. Er sei nicht in die Einzelheiten gegangen. Habe nur versichert, dass er Helga habe helfen wollen, dass alles eskaliert sei. Dann saß er im Auto, er sagte nichts mehr. Und auch sie sagte nichts mehr. Helga S. stand unter Schock.

Erst zu Hause fand sie ihre Stimme wieder. Sie weinte, sie schrie. Sie wollte ihn zur Polizei fahren. Sie bettelte ihn an, sich zu stellen. Doch er winkte ab. Erst müsse er seine Gedanken ordnen. "Wir warten ein paar Tage", sagte er. Und sie fügte sich. Die lange Zeit der Lüge begann.

Als die Kolleginnen sich fragten, was mit Heidrun P. geschehen war, gab Helga S. sich ahnungslos. Als die Polizei sie alle befragte, blieb sie einsilbig. Es vergingen Tage, und es vergingen Wochen. Immer wieder, so gibt Helga S. später zu Protokoll, habe sie wissen wollen, was im Wald geschehen sei. Aber Thomas W. habe nur gesagt: "Es ist besser, wenn du nicht zu viel weißt." Er habe begonnen zu trinken, er kiffte, "bis er einschlief", wurde immer wortkarger. Irgendwann hörte sie auf zu bohren.

Misstrauen

Wie kann man leben mit der Gewissheit, dass der Mann, den man liebt, ein entsetzliches Verbrechen begangen hat? Mit der Frage, was man eigentlich über ihn weiß? Und was man nicht weiß?

Neun Wochen nach der Tat fanden Spaziergänger die Leiche. "Aktenzeichen XY" berichtete, Helga S. stand in der Küche, als die Sendung lief. Sie hörte, dass der Täter sein Opfer gezwungen hatte, sich auszuziehen, und dass er es mit mehreren Messerstichen getötet hatte. Helga S. stand in der Küche und rang mit sich. Sollte sie zur Polizei gehen? Sollte sie ihn verraten? Sie konfrontierte ihn mit den Fakten aus der Fernsehsendung. Und ließ sich erneut zum Schweigen bringen.

Er habe immer das letzte Wort gehabt, sagt Helga S. den Ermittlern. Als sie sich kennenlernten, vor 20 Jahren, da hatte er eine gescheiterte Ehe hinter sich, ihre eigene Partnerschaft kriselte. Wenige Monate nach dem ersten Treffen zog Thomas W. mit in ihr Haus im badischen Markgräflerland. Sie war die Hauptverdienerin, er steuerte als selbstständiger Messebauer zum Einkommen bei. Aber er war ein Kerl. Ein früherer Hobby-Boxer, einer, der sich die Zeit mit Ninjutsu-Kampfsport vertrieb. Was die Hobbyspringreiterin mit ihm verband, war die Liebe zu Tieren. Schon bald hatten sie zwei Pferde und einen Hund, sie lebten ruhig und zurückgezogen. Allein waren sie während der langen Zeit des Schweigens jedoch nicht: Drei Jahre vor der Tat war Thomas W.s damals 13-jährige Tochter zu ihnen gezogen und lebte fünf Jahre bei dem Paar. Nach ihrem Auszug nahmen die beiden die pflegebedürftigen Tanten von Helga S. auf und kümmerten sich mehrere Jahre um sie.

In den Monaten nach der Tat habe sie erst einmal nicht mehr mit ihrem Partner schlafen wollen, sagt Helga S. Und auch danach sei immer "ein Misstrauen" geblieben. "Es gab keine Woche, in der ich nicht daran gedacht hatte, was passiert ist." Das Schlimmste sei für sie gewesen, dass sie sich niemandem anvertrauen konnte und dass auch er nicht mehr mit ihr darüber sprechen wollte. "Es war so kein Leben", sagt sie. Doch sie sagt auch: "Ich musste mich zufriedengeben."

Er wirkte wie erlöst

Und nicht alles, was vorher gut war, wurde schlecht nach jenem verhängnisvollen Tag im Januar 2003. Da war das Leben mit den Tieren. Da war der Halt, den sie sich gaben. Für Thomas W. war Helga S. ein "Anker". Und er wusste umgekehrt, wie wichtig er für sie war. "Er hat mir gedroht, dass ich ohne ihn nicht leben könne", sagt sie. Wenn sie die Tat melde, "würde alles den Bach runtergehen". Sie müsse das Haus allein abbezahlen, die Tiere allein versorgen.

Thomas W. hat seine eigene Sicht der Dinge. Vor Gericht sagt er, er habe seine Lebensgefährtin schützen wollen. Sie nicht belasten wollen mit den Details der Tat. "Ich bin doch selbst nicht damit klargekommen."

Thomas W. ist 55 Jahre alt, ein silbergrauer Vollbart und tiefe Falten lassen ihn älter wirken. Er habe immer wieder daran gedacht, sich zu stellen, "damit ich endlich alles hinter mir habe", hat er dem psychiatrischen Gutachter Peter Winckler gesagt. Aber "ich konnte doch Helga und meine Tochter nicht im Stich lassen".

Unterweltgrößen und beste Freunde – bis eine Frau auftauchte

In seinen Tagebüchern haben die Ermittler finstere Gedanken gefunden. "Eine Fundgrube narzisstischer Selbstüberhöhung", so Winckler. Thomas W. schrieb wirre Heldengeschichten, wenn ihn die Wut überkam, ritzte er sich und nahm sein Blut als Tinte, er nannte sich einsamer Wanderer, Wolf oder Rächer.

Bei Vollmond trieb es ihn in den Wald. "Oft kam er erst am nächsten Tag zurück", erzählt Helga S. der Polizei. Manchmal mit Schnitten an der Brust und den Armen. Er habe sich beim Reparieren der Pferdekoppel verletzt, behauptete er dann. Dass er sich selbst verletzte, weil ihm der Schmerz Linderung verschaffte, sagte er nicht.

Sowohl Thomas W. als auch Helga S. rechneten damit, dass eines Tages die Polizei vor der Tür stehen würde. Am 19. September 2018 war es so weit. Eine Verwandte, die über all die Jahre einen Verdacht gehegt haben muss, hatte sich mit einem Hinweis an die Polizei gewandt. Als Helga S. von der Arbeit kam, waren die Beamten dabei, ihr Haus zu durchsuchen. Sie sei nicht überrascht gewesen, sagt einer der Ermittler vor Gericht. "Sie hatte nur große Angst um Thomas W." Der wiederum habe erleichtert, fast erlöst gewirkt, als er die Tat gestand.

Mordmerkmal "niedrige Beweggründe"

Während des Prozesses vor dem Freiburger Landgericht werden die Szenen heraufbeschworen, über die Thomas W. in all den Jahren nicht sprechen wollte. Heidrun P., die er in den Wald fährt, die er zwingt, sich trotz Minusgraden auszuziehen, offenbar nicht aus sexuellen Motiven, sondern um sie zusätzlich unter Druck zu setzen. Heidrun P. gezeichnet von mindestens zehn Messerstichen. Die Richter sprechen von zwei möglichen Motiven: Entweder tötete Thomas W. Heidrun P., weil er sich davon bessere Arbeitsbedingungen für seine Lebensgefährtin versprach, oder er tötete sie aus Wut, als er merkte, dass sie nicht auf seine Forderungen eingehen würde. In beiden Fällen sehen die Richter die Voraussetzungen für das Mordmerkmal "niedrige Beweggründe" erfüllt. Sie verurteilen den Angeklagten am 11. März zu lebenslanger Haft, sein Anwalt geht in Revision.

Helga S. dagegen muss nicht mit einer Anklage rechnen. Strafbar wäre ihre Mitwisserschaft nur, wenn sie vor der Tat von den Plänen gewusst hätte und der Mord zu verhindern gewesen wäre. "Ich möchte, dass Thomas weiß, dass ich immer zu ihm stehe", hat sie während des Prozesses unter Tränen gesagt. Demnächst will sie ihn heiraten.

Dieser Artikel ist dem aktuellen stern entnommen:

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