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Prozess in München: Bankräuber aus Imagegründen

Ein steiler Absturz: Ein SPD-Gemeinderat aus einem Münchner Vorort hat jahrelang Banken ausgeraubt. Vor dem Landgericht München schilderte der Mann, wie er zum Verbrecher wurde. Es ging ums Prestige.

Von Malte Arnsperger, München

Alltag im Gemeinderat von Oberhaching: Das Gremium hat bei der jüngsten Sitzung eine stellvertretende Kassenverwalterin bestellt, über die Neukalkulation der Abfallgebühren diskutiert, und überlegt, ob man den Mitmachzirkus "Flip-Flop" fördern soll. Jahrelang saß bei solchen Verhandlungen auch SPD-Mann Norbert J. im Rat der kleinen Gemeinde südlich von München. Doch seit Oktober 2010 hat der heute 62-Jährige an keiner Sitzung mehr teilgenommen. Denn er ist – unbemerkt von seinen Kollegen - in den vergangenen Jahren zum Serienbankräuber und vor rund einem Jahr verhaftet worden. Statt sich für politische Ziele einzusetzen, muss Norbert J. nun vor dem Landgericht München für sich und seine Zukunft kämpfen. Denn dem geständigen Angeklagten ist eine jahrelange Haftstrafe ziemlich sicher.

Es ist wie so oft vor Gericht: Ein unscheinbarer, ja harmlos wirkender Mensch wird von einem Justizbeamten mit Vorführzange in den Saal geleitet, wo ihm schwerste Verbrechen zur Last gelegt werden. So ist es auch bei Norbert J. Ein hochgewachsener, grauhaariger Mann mit dicken roten Tränensäcken, sitzt da neben seinem Verteidiger, ordentlich gekleidet in dunklem Hemd, dunkelroter Krawatte, typisch bayerischem Filz-Sakko. Er nimmt seine Brille von der Nase und hört aufmerksam zu, wie die Staatsanwältin die Anklage verliest. Ohne erkennbare Regung. So, als ob es im Gemeinderat um die stellvertretende Kassenverwalterin geht.

Jedes Jahr ein Überfall

Am 10. April 2006 nahm die Verbrecherlaufbahn des Norbert J. seinen Anfang. Damals fuhr er mit seinem Privatauto, die letzten Meter sogar mit seinem Mountainbike, zu einer Sparkasse in Münsing. Dort stellte er eine selbstgemachte Bombenattrappe auf den Tresen, der Bankangestellten legte er einen Zettel hin - unter anderem mit folgendem Inhalt: "Diese Box enthält eine mit Nägeln gefüllte, scharfe Bombe. Bitte befüllen sie den Leinenbeutel mit dem gesamten Papiergeld. Vielen Dank." Die Drohung wirkte, mit 10.000 Euro Bargeld verließ Norbert J. die Bank.

Rund ein Jahr später wieder ein Banküberfall, diesmal in Österreich. Gleiche Masche, Beute: gut 16.000 Euro. Die dritte Tat am 21. April 2008 ging dann schief, Norbert J. musste ohne Geld aus der Bank bei Heidenheim flüchten. Dafür landete er einen Tag später seinen größten Coup und erbeutete mit der altbekannten Bomben-Zettel-Methode 134.000 Euro in einer anderen österreichischen Bank. Der letzte Überfall im Oktober 2010 wurde Norbert J. dann zum Verhängnis, wenige Minuten nach der Tat bei Ulm wurde er festgenommen.

"Ich gestehe die Taten vollinhaltlich ein", sagt Norbert J. kurz nach Beginn der Verhandlung. Aber das Gericht ist vor allem an einem interessiert: "Wie kam es dazu?" Schließlich handelt es sich bei Norbert J. nicht um einen hochverschuldeten Drogensüchtigen oder einen Gewohnheitsverbrecher. Nein, er hat ein, wie er selber mehrfach beteuert, „gutbürgerliches" Leben geführt. Über die Abteilungsleitung bei Hertie, weiteren Führungspositionen bei Verlagen wurde er 1996 Leiter einer Mediendesign-Schule in München, verdiente rund 80.000 Euro im Jahr. Zwischendurch heiratete er seine langjährige Freundin, zog mit ihr, dem Bruder und dessen Ehefrau in das ausgebaute Elternhaus in Oberhaching. Das Paar blieb kinderlos, reiste gerne, schließlich verdient auch Frau J. auch gutes Geld in der Verlagsbranche.

2002 ging es bergab

2002 habe er dann die Mediendesignschule nach "Meinungsverschiedenheiten" mit Kollegen verlassen, sagt Norbert J. vor Gericht. "33 Jahre beruflicher Aufstieg kamen zu einem Ende", resümiert er. Norbert J. versuchte es als Selbständiger, machte mit einem Partner eine Firma für "Distance Learning" auf, nebenher betrieb er noch eine PR-Beratung. Ohne Erfolg. "Die Einkünfte waren viel zu wenig, um zu überleben. Ich war in einer wirtschaftlich desolaten Lage."

Mittlerweile saß Norbert J. für die SPD im Gemeinderat, als Nachfolger des älteren Bruders. Er war also in dieser wohlhabenden Münchner Vorortgemeinde im Establishment angekommen. Offenbar zu viel Druck für Norbert J. in beruflich schwierigen Zeiten. "Ich wollte das Haus nicht verkaufen und meine finanzielle Lage weder meiner Frau noch meinem Bruder offenlegen", gibt der Angeklagte zu. Und dann sagt er: "Das Prestige stand auf dem Spiel." Ist das der Schlüssel zu seinen nun folgenden Taten? Ging es wirklich nur darum, die bürgerliche Existenz zu bewahren, wie Norbert J. vor Gericht sagt?

Wieso?

Die Vorsitzende Richterin hat da so ihre Zweifel. "Sie hatten doch eine unbelastete Haushälfte und ihre Firma hatte keine Schulden. Was war denn das Problem?" Norbert J. bleibt bei seiner Version: "Die Einkünfte, die ich mir für unsere Lebensführung vorstellte, bleiben aus." Luxuriös habe er zwar nie gelebt, aber er habe sich mit seiner Frau schöne Reisen gegönnt, hin und wieder ein neues Auto geleistet, und auch für den Betrieb seiner Firmen habe er immer wieder Geld gebraucht. "Ich wollte eben den Schein wahren", sagt Norbert J. Und sein Verteidiger ergänzt: "Objektiv bestand aber keine Notlage."

Dennoch entschloss sich Norbert J. im April 2006 zu seinem ersten Banküberfall. Geschäftig, nüchtern, hin und wieder sogar mit einem Schmunzeln auf dem Gesicht, schildert er dem Gericht die Taten. Klar wird dabei, dass Norbert J. keineswegs naiv und planlos agierte. Er veränderte die Schrift auf seinen Zetteln am Computer, fälschte und klaute Auto-Kennzeichen, nahm sogar mal eine Spielzeugpistole mit, um die Ermittler zu verwirren. Das erbeutete Geld zahlte er immer in gestückelten Mengen ein, für die Riesenbeute von 134.000 Euro mietete er sich sogar ein Bankschließfach. Nach den ersten beiden Taten war ihm die Polizei jeweils gefährlich nahe auf den Fersen, vernahm ihn sogar. Doch Norbert J. - "ich habe keinen Fahndungsdruck verspürt" - blieb erstaunlich ruhig, wie auch die Richter bemerken. Ganz so eiskalt sei er aber nicht gewesen, beteuert Norbert J. "Vor und in den Tagen nach den Taten war ich schon nervös und habe Angst vor der Polizei gehabt. Ich wusste, dass es unrecht ist. Aber ich habe mich nicht ausgesprochen schlecht gefühlt."

Diese erstaunliche Offenheit könnte dem Angeklagten zum Verhängnis werden. Schließlich zieht die Staatsanwaltschaft sogar in Betracht, Sicherungsverwahrung für Norbert J. zu beantragen. Und angesichts eines Angeklagten, der zwar geständig ist und die Beute komplett zurückzahlen will, aber nicht wirklich beeindruckt wirkt von seinen Taten, scheint ein solcher Verfahrensausgang gar nicht so unwahrscheinlich. Und wenn es "nur" bei einer langjährigen Haftstrafe bleibt, mit der auch sein Verteidiger fest rechnet, weiß auch Norbert J., dass er in den Gemeinderat von Oberhaching nicht zurückkehren wird. "Das kann ich vergessen."