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Organisiertes Verbrechen: Zwei Brüder – nur einer überlebt den dreckigen Unterweltkrieg von Marseille

Sie wachsen auf in den Elendsvierteln bei Marseille. Einer wird Anwalt, einer Krimineller. Es läuft gut. Bis in der Unterwelt ein Krieg ausbricht.

Unterweltkrieg von Marseille: Zwei Brüder – nur einer überlebt

Hamid Ikhlef (r.), geboren 1961 in Algerien, schenkte seinem Bruder Hakim (l. hinten) zur Anwaltsvereidigung 2002 eine Robe. In den engen Gassen des Fischerorts L’Estaque bei Marseille (M.), nahm das Schicksal der beiden Brüder seinen Lauf 

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel erschien bereits im August 2017 in der crime, Ausgabe 14. Der stern-Autor Stephan Maus erhielt hierfür den Deutsch-Französischen Journalistenpreis 2018. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir den Text nun auf stern.de.

Großer Bruder Hamid, kleiner Bruder Hakim. 14 Jahre zwischen ihnen. Die Großen passen auf die Kleinen auf. So hatte Hamid es gelernt, als er selbst noch klein war. Damals, als Familie Ikhlef noch in Algerien lebte. Der Vater hatte ein Café in einem kleinen kabylischen Dorf in der Nähe der Hafenstadt Bidschaja. Dort war Hamid 1961 geboren.

Wenige Jahre später ging der Vater nach Europa. Bessere Arbeit finden. Er reiste allein. Schuftete in einem Kohlebergwerk in den Ardennen, gleich an der belgischen Grenze. Doch dort oben in den Minen des Nordens wurde er nicht glücklich. Das Licht fehlte, die Wärme, das Meer und die Gespräche im Abendlicht auf den Plätzen vor den Häusern.

Mit Plastikkanister zum Brunnen

All das fand er in L'Estaque, einem kleinen Fischerdorf bei Marseille. Ende des 19. Jahrhunderts hatte hier Paul Cézanne das gleißende Licht und die kräftigen Farben des Südens in seine Bilder überführt. Später hatte sich das Idyll in einen blühenden Industriestandort verwandelt. Stahlkräne rührten im Himmel. Eisenbahnviadukte überspannten in gewagten Konstruktionen die zerklüfteten Bergschluchten. Unter der kühnsten dieser Brücken erfand Georges Braques den Kubismus. Wo sonst als in dieser scharfkantigen Landschaft?

Das französische Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit befeuerte die Industrie von L'Estaque. Unersättliche Zementfabriken fraßen Kalk aus den Bergen. Ziegelbrennereien wühlten Ton aus der Erde. An Hafen und Bahnhof kamen Güterzüge voller spanischen Kupfers an, das in den Fabriken oben in den Hügeln weiterverarbeitet wurde. Überall wurden Arbeitskräfte gebraucht.

Vater Ikhlef wurde Wachmann in einer Zementfabrik.

Aus den ehemaligen Kolonien zogen immer mehr Migranten ins Land. Sie fanden nicht genügend Unterkünfte und siedelten auf Brachen. Ziegel, Zement, Hohlblocksteine, Bretter und Blech gab es auf dem Gelände der florierenden Firmen. Man improvisierte. Die Stadt ließ sie gewähren. So entstanden Slums. Ungeteerte Straßen, keine Elektrizität, kein fließend Wasser, keine Kanalisation, Unkraut. Verrufene Viertel. Hier ließ sich Vater Ikhlef nieder. Seine Familie kam nach. Sogar seine Mutter. In seiner Zementfabrik stieg er bald zum Hundeführer auf. Man sah ihn nur noch auf seinem Mofa durch die gleißende Landschaft fahren, seinen Deutschen Schäferhund an der langen Leine.

L’Estaque bei Marseille. Bis Ende der 90er Jahre lebten hier viele Migranten in Slums

L’Estaque bei Marseille. Bis Ende der 90er Jahre lebten hier viele Migranten in Slums

1975 wurde Hakim geboren. Da wohnten die Ikhlefs noch immer im Slum. Bald waren es insgesamt zehn Geschwister. Ein Zimmer für die Jungs, eines für die Mädchen, eines für die Eltern. Vater und Mutter sprachen kaum Französisch. Mussten sie auch nicht. Die Nachricht vom stetig wachsenden L'Estaque hatte sich in ihrer Heimat verbreitet. Viele Nachbarn aus Algerien ließen sich in dem Slum nieder. Mutter Ikhlef praktizierte ihren muslimischen Glauben, Vater Ikhlef hielt sich an die traditionellen Wertvorstellungen aus seinem Heimatdorf. Lesen und schreiben konnten beide nicht.

Sie hatten es nicht einfach, die Kinder auf den rechten Weg zu bringen. Erst als die Großen alt genug waren, sich um die Kleinen zu kümmern, bekam die Familie langsam Halt. Früh musste die älteste Schwester die Schule aufgeben, um auf ihre Geschwister aufzupassen. Alle fassten mit an, auch die ganz jungen. Jeden Morgen zog der kleine Hakim mit einem Plastikkanister über die staubigen Wege und holte Wasser vom öffentlichen Brunnen oben über dem Dorf. Anschließend begoss er die Köpfe der großen Brüder aus einer alten Konservendose. Einen nach dem anderen, bis alle ihre Morgentoilette erledigt hatten.

Geborgenheit

Für Hakim war es eine gute Zeit. Er erinnert sich noch an den schweren Geruch, der aus der fahrbaren Ölwanne aufstieg, mit der sie ihre Zimmer heizten. Geborgenheit. Nach der Schule trafen sich alle Kinder draußen auf dem großen Platz vor den Hütten zum Spielen. Von 6 bis 15 Jahren, alle dabei. Ein kleines kabylisches Dorf ganz nah bei Marseille, tosende Metropole mit all ihren Versuchungen.

Für Hamid war es eine stürmische Zeit. Er trieb sich schon früh mit einer Bande aus den Slums herum. Kabylen, andere Berber, Sinti und Roma. Alle sein Alter. Erste Migrantengeneration. Im Ausland geboren, auf den staubigen Brachen Frankreichs aufgewachsen. Mit Eltern, die kaum Französisch sprachen und die Schulzeugnisse nicht lesen konnten. Die vergessenen Kinder der "Trente glorieuses", jener 30 goldenen Jahre des französischen Wirtschaftswunders. Ihre Slums hießen "Rue Pasteur", "Vallon de Riaux" und "Campagne de Fenouil" – hier lebte Familie Ikhlef. Die Bande stahl Fahrräder, Motorräder, später dann Autos. Die Jungs kamen schon früh ins Gefängnis. Kurze Aufenthalte, immer alle gleichzeitig. Das schweißte sie zusammen. Sie machten neue Bekanntschaften, kamen auf neue Ideen. Die Delikte wurden schwerer.

Nur selten bekam Hakim Hamid zu Gesicht. Immer war der große Bruder mit seiner Bande unterwegs. Die erste Erinnerung, die Hakim mit Hamid verbindet, sind unendliche Busfahrten durchs heiße Marseille. 25 Kilometer quer durch die chaotische Stadt ins berüchtigte Gefängnis "Les Baumettes". Überfüllte Zellen, Ratten auf den Gängen. Dort musste Hamid seine erste lange Strafe absitzen: 18 Monate für Kreditkartendiebstahl. Hakim war damals zwölf, und er besuchte seinen großen Bruder regelmäßig.

Hakim Ikhlef, geboren 1975, in seiner Anwaltskanzlei in Marseille

Hakim Ikhlef, geboren 1975, in seiner Anwaltskanzlei in Marseille

Hamids lange Gefängnisstrafe war noch das geringste Übel. Inzwischen waren die höchsten Institutionen auf ihn aufmerksam geworden: Das Innenministerium wollte das straffällige Migrantenkind wieder nach Algerien ausweisen. Der listige Hamid spiegelte vor, sein Vater sei ein tapferer Algerienkriegsveteran. So konnte er die Ausweisung abwenden. Die Eltern verzweifelten an diesem Sohn. Hielten aber dennoch eisern zu ihm. Jedes Wochenende schmierte Mutter Ikhlef Proviantbrote und machte sich auf ins Gefängnis. Zusammen mit all ihren Nachbarn. So viele verlorene Söhne.

Einmal nahmen sie Hamid in der Haute-Savoie fest, nahe der Schweizer Grenze. Mit einem geklauten Auto. Haute-Savoie. Das klang wie große, weite Welt für Hakim. Auf der Grundschule war es ihm noch egal, dass er einen kriminellen Bruder hatte. Alle seine Freunde hatten kriminelle Brüder. Doch später, auf dem Gymnasium dann, da hat er Hamids Probleme immer verheimlicht. All die Wochenenden in der Besucherzelle. Hakim war das peinlich.

Kummer für die Eltern

Hamid hingegen war stolz auf Hakim. Sehr stolz. Jedes Mal, wenn er ein neues Mädchen kennenlernte, nahm er ihn mit zum ersten Treffen: "Guck mal, was für blaue Augen mein kleiner Bruder hat! Ist das nicht wunderbar?" In dringenden Fällen rief Hamid zu Hause an und fragte, ob Hakim kurz vorbeikommen könne, um seine Augen vorzuführen.

Der Kleine war wie ein richtiger Franzose. Nicht so ein dunkelhäutiges, schwarzäugiges Migrantenkind wie er, dem man in der Schule erzählte, dass er Dreher werden soll. Dabei hätte er mit seinen guten Noten alles studieren können. Was soll's. Für normale Jobs war er sowieso nicht gemacht, sagte Hamid. Deinem Schicksal entkommst du nicht.

Wenn er schon selbst nicht gefördert wurde, wollte Hamid wenigstens seinen kleinen Bruder in der Spur halten. Er achtete sorgfältig darauf, mit welchen Jungs er sich einließ. Er wusste, wohin falsche Bekanntschaften führen. Er passte auf, dass Hakim seine Schule ordentlich machte. Trieb Hakim zu viel Sport, sagte ihm, er solle sich, verdammt noch mal, auf den Unterricht konzentrieren. Sport könne er sein ganzes Leben noch machen. Und als Hakim später ein Motorrad wollte, da verbot sein Bruder es ihm: viel zu gefährlich. Außerdem kommt man mit einem Motorrad überall schnell hin. Das bringt einen nur auf dumme Gedanken.

Hamid bei einem Familienbesuch in seinem algerischen Geburtsort, 2006

Hamid bei einem Familienbesuch in seinem algerischen Geburtsort, 2006

Hakim genoss die Anerkennung seines Bruders. Er entwickelte sich zum Musterschüler. Er liebte die Schule. So sehr, dass seine Freunde sich über ihn lustig machten. Ihm doch egal. Er sah, wie viel Kummer Hamids Gaunerleben den Eltern bereitete. Hakim sagt heute: "Das leichte Geld kam für mich niemals infrage." Als er schon aufs Gymnasium ging, stand er um vier Uhr morgens am Wochenende auf, um auf dem nahen Großmarkt Kisten zu schleppen. Eine Stunde 30 Francs, der ganze Morgen 100 Francs.

Als seine engsten Freunde anfingen, Motorroller zu klauen, kam er kurz in Versuchung. Aber was würde Hamid denken, wenn er ihn auf der Polizeiwache abholen müsste? Hamid, der so viel Hoffnung in ihn setzte. Hakim lief weiter zu Fuß zum Strand von Corbière. Knapp zehn Kilometer von zu Hause entfernt.

Abitur

Nie war Hamid so stolz wie an jenem Tag, als Hakim Abitur machte. Er setzte ihn in seinen Renault 16 und fuhr mit ihm von Bar zu Bar. Rief lauthals: "Stellt euch vor, er hat Abitur gemacht! Mein kleiner Bruder hat Abitur gemacht!" In den Bars kannte niemand Hakims Namen. Er war immer nur "Hamids kleiner Bruder".

In Hamids Leben änderte sich nichts. Einmal verletzte er sich schwer. Seine Bande war in einem gestohlenen Auto vor der Polizei geflüchtet und von der Straße abgekommen. Einer seiner Freunde starb. Einer war gelähmt. Einer verfiel dem Wahnsinn. Hamid selbst saß für Wochen im Rollstuhl. Als er wieder laufen konnte, klaute er weiter. Er fasste einfach nicht Fuß.

Nach jedem Gefängnisaufenthalt versprach er seinen Eltern Besserung. Und war ein paar Monate später doch wieder in Haft. Wenn Hamid nicht im Knast war, saß er meist am Hafen in den Bars. Wollte Hakim zum Fußballspielen, musste er unten am Wasser vorbei. Jedes Mal rief ihn sein großer Bruder an den Tisch und spendierte ihm eine Limonade. Hakim sagt: "Er saß den ganzen Tag da. Ich hatte manchmal das Gefühl, er wartet auf mich."

Knast, Bar. Bar, Knast. So ging es Jahr um Jahr.

Industriearchitektur von L'Estaque

Industriearchitektur von L'Estaque

Bis Hamid Annie kennenlernte. Sie kam ebenfalls aus L'Estaque. Wusste, wie es dort lief. Annie besuchte Hamid in Haft. Und bald musste er nicht mehr ins Gefängnis. Das mit Annie, das war ernst. Nur noch ein einziges Mal musste Hakim seine blauen Augen zeigen. Nämlich Annie. Und dann niemandem mehr. Nie wieder. Hamid nahm Hakim oft mit zu Annie nach Hause. Sie aßen, tranken und plauderten. Familie.

Annies Eltern wussten von Hamids verstrauchelter Jugend. Sie mochten ihn trotzdem. Sie hatten noch ein kleines Apartment oben in den Hügeln von L'Estaque. Dort, wo sich die gute Gesellschaft von Marseille am Anfang des vergangenen Jahrhunderts ihre Sommervillen hatte bauen lassen. Meerblick, duftende Gärten, Ruhe. Dort zog das junge Paar ein. Hamid suchte sich zum ersten Mal in seinem Leben Arbeit. Nicht mehr das schnelle Geld der hastigen Überfälle. Sondern regelmäßige, schlecht bezahlte Knochenjobs. Erst als Lagerarbeiter bei Metro, dann bei Coca-Cola. Großer und kleiner Bruder saßen zusammen mit Annie in den Hügeln von L'Estaque und tranken Coca-Cola. Bald würden Hamid und Annie heiraten.

König der Automatenszene

Anfang der 90er Jahre stirbt Annie an Krebs. Hamid stürzt in eine Depression. Er zieht durch die Bars. Manchmal sieht Hakim ihn irgendwo hinterm Tresen stehen: Man lässt ihn schon ausschenken, so sehr gehört er inzwischen dazu. Es ist die große Zeit der Spielautomaten. Die sind nur in Casinos erlaubt. Mit manipulierten Geräten umgehen Kriminelle das staatliche Glücksspielverbot in Cafés und Bars. Die Apparate sind als gewöhnliche Flipper oder Videospielgeräte getarnt. Mit einer geheimen Tastenkombination verwandeln sie sich in Geldautomaten. Das Milieu nennt sie "Baraques" – "Buden". Hohe Einsätze, hohe Gewinne. Die Einnahmen sind gewaltig. Das weckt Begehrlichkeiten. Es bilden sich Banden, es entbrennen Territorialkämpfe.

Raymond Mihière heißt der König der Automatenszene. Er wurde 1951 geboren und ist in Saint-Antoine aufgewachsen, einem Problemviertel im 15. Arrondissement von Marseille. Ihm werden gute Verbindungen zur "French Connection" nach gesagt, jenem legendären Drogenschmuggelring, der in den 60er und 70er Jahren zwischen Marseille und den USA operierte. Unzählige Malewird Mihière festgenommen. Und immer wieder muss man ihn freilassen, denn er ist ein Meister der juristischen Finten.

Dieser berüchtigte Pate von Marseille wird auch schlicht "Der Chinese" genannt, denn er hat eine vietnamesische Mutter. Ihm gehören die Geldautomaten in Marseille und rund um die riesige Salzwasserlagune Étang de Berre nordwestlich der Stadt. Der Chinese herrscht mit kluger Härte. Doch die Konkurrenz lauert: Farid Berrahma, ein charismatischer junger Mann aus einem der Vorort-Ghettos, möchte Mihières Vorherrschaft beenden.

Einer der letzten Paten alten Schlags: Raymond Mihière, genannt "Der Chinese", geboren 1951

Einer der letzten Paten alten Schlags: Raymond Mihière, genannt "Der Chinese", geboren 1951

Es droht ein Krieg zwischen den verfeindeten Clanchefs. Hamid spürt den anstehenden Eklat. Mit seiner freundlichen Art erweist er sich als geschickter Streitschlichter. Er weiß sich auszudrücken. Ist geradeheraus. So verhindert er einen Bandenkrieg. Sein diplomatischer Erfolg macht Eindruck auf die Gangster. Bald tritt ein alter Freund an Hamid heran. Lange her, dass sich die beiden gesehen haben. Zwischen ihnen liegt Hamids ruhige Zeit mit Annie in dem kleinen Haus hoch oben in den duftenden Hügeln überm Meer.

Viele gemeinsame Beutezüge verbinden die Weggefährten aus dem Slum von L'Estaque. Die beiden sind erstaunt, wie ähnlich sie sich nach all den Jahren sehen. Schon immer sahen sie aus wie Brüder. Inzwischen ist Hamids Gefährte zum Leutnant des gefürchteten Chinesen aufgestiegen. Und fragt seinen orientierungslosen Freund, ob er sich nicht vorstellen könne, für den Spielautomaten-Pionier Mihière zu arbeiten. Hamid kann. Er konnte noch nie gut Nein sagen. Und seit Annies Tod kann er es überhaupt nicht mehr.

Diplomatie

Hamid bekommt den Generalschlüssel für Mihières Automaten. Er zieht von Bar zu Bar, sammelt das Geld ein und teilt es auf. Eine einzelne Maschine bringt 30.000 bis 50.000 Francs pro Monat ein. Dem Clan gehören etwa 200 Automaten. Eine Hälfte vom Erlös erhält der Barbesitzer, die andere geht an Mihières Mannschaft. Das Geld wird in Drogen und Waffen investiert. Von Mihières Anteil erhält Hamid 15 Prozent. Er kann gut mit den Leuten umgehen. Kennt jeden. Der Chinese schätzt seine zuverlässige Art. Er verdient jetzt 25.000 Francs im Monat, rund 3800 Euro. Das Fünffache des Mindestlohns zu jener Zeit.

Hamid versteht sich gut mit Mihière. Chinese, Araber – man muss einfach wissen, wie man sich durchschlägt. Der Boss ist hochintelligent. Die Ruhe selbst. Gilt als Gangster-Gentleman und Philosoph. Sitzt er im Knast, spendet er seinen Mitgefangenen Trost mit Zitaten aus Albert Camus' "Der Mensch in der Revolte". Vor Gericht ergreift er oft selbst das Wort und verteidigt sich mit entschiedener Eleganz. Selbst die Richter sind beeindruckt.

Der Chinese respektiert Hamid. Dieser Geldeinsammler aus den Slums hat zwar nicht studiert. Nicht einmal Dreher ist er geworden. Doch Mihière weiß seinen scharfen Verstand zu schätzen. Wenn Hamid seine Tour macht, braucht er sich nichts aufzuschreiben. Er hat die Bilanzen aller Automaten im Kopf. Seine Kasse stimmt immer. Besser so in diesen Kreisen. Bald wird Hamid nur noch "Aristoteles" genannt. Ein Universalgenie der Straße.

Die neue Generation von Vorort-Bossen: Farid Berrahma, geboren 1966

Die neue Generation von Vorort-Bossen: Farid Berrahma, geboren 1966

Er bekommt eines der ersten Handys. "Ich habe mich immer gefragt, was er damit wollte", sagt Hakim. "Später habe ich dann verstanden." Bald sammelt Hamid nicht mehr nur Geld ein, sondern schlichtet und vermittelt zwischen gefährlichen Fronten. Gibt es Probleme, ruft man Hamid an. Sein Netzwerk wächst. Er kennt immer die richtigen Leute. Doch letztlich sind es immer die falschen.

Hamid ist der Mann für die Diplomatie. Manchmal hilft auch die nicht mehr weiter. Am 7. Juli 1995 machen sich drei Männer aus dem Clan des Chinesen auf den Weg nach Avignon. Einer von ihnen: Mihières Leutnant, Hamids Weggefährte aus L'Estaque. In der malerischen Stadt an der Rhône hat der Barbesitzer Olivier Poinas seinen eigenen Geldautomatenpark aufgebaut. Er verweigert sich den Gesetzen des Chinesen. Poinas wird erschossen. Bevor er stirbt, eröffnet er das Feuer auf seine Mörder. Dabei wird einer von Mihières Männern am Bein verletzt. Das Kommando ruft Hamid an. Sie brauchen medizinische Hilfe. Hamid soll das regeln. Schnell. Hamid kennt eine Krankenschwester. Hamid kennt immer irgendjemanden. Der verletzte Mörder wird in einer Villa im Hinterland versteckt und von der Schwester gepflegt.

Haftstrafe in Marseille

Die Bande ist erst einmal in Sicherheit. Doch am Tatort findet man Blutspuren des angeschossenen Killers. Und die Telefone des Kommandos wurden abgehört. So gerät Hamid ins Visier der Fahnder und wird schließlich bei einer Razzia festgenommen. Augenzeugen sagen, er sehe aus wie einer der Täter. Während des Prozesses hält man ihn lange für einen der drei Killer. Doch schließlich kann er seine Unschuld beweisen. Man hatte ihn mit seinem Weggefährten aus L'Estaque verwechselt, der ihm schon damals so ähnlich sah – früher, als sie noch zusammen durch den Staub ihres Slums tobten. Mihières Leutnant.

Der kann entwischen und untertauchen. Die beiden anderen Täter werden gefasst und zu langen Haftstrafen verurteilt. Hamid selbst erhält sechs Jahre Gefängnis wegen Komplizenschaft. Immer wieder drängt man ihn, den Namen des dritten Täters preiszugeben. Doch Hamid verrät niemanden. Hat er noch nie. Und wird er niemals tun. Koste es, was es wolle.

Als Hamid seine Strafe in Marseille antritt, studiert Hakim bereits Jura in der Nachbarstadt Aix-en-Provence. "Als er ins Gefängnis kam, dachte ich, er lässt mir mal ein bisschen Freiraum", sagt Hakim. "Aber im Gegenteil: Jedes Mal, wenn ich ihn besuchte, musste ich ihm meine Prüfungsergebnisse vorlegen. Er hatte ja recht: Man lässt sich so leicht gehen an der Uni. Mit ihm: unmöglich!"

Im Besucherraum fragt Hamid regelmäßig Hakims Studienprogramm ab. Sobald der große Bruder nachlassendes Interesse verspürt, spornt er Hakim zu Fleiß und Ausdauer an. Den Frauen könne er später auch noch schöne Augen machen. Schöne blaue. Was jetzt zähle, sei das Studium. Scheitern kommt nicht infrage.

Hamid beginnt, selbst juristische Standardwerke zu studieren. Seinen Mitgefangenen gibt er Unterricht in Rechtskunde. Hilft ihnen, Anträge zu stellen. Bald verbessert er seinen eigenen Anwalt. Der arbeitet ihm oft nicht sauber genug. Nach vier Jahren wird Hamid frühzeitig entlassen. Er entschuldigt sich bei seinen Eltern für all den Kummer, den er ihnen bereitet hat. Sein Vater wird ihm nie verzeihen.

Feuertaufe bestanden

Im Milieu hingegen wird er nun mehr respektiert als je zuvor. Er hat die Feuertaufe eines jeden Kriminellen bestanden. Hat im Gerichtsprozess dichtgehalten. War loyal gegenüber seinem untergetauchten Freund. Man kann ihm vertrauen. Die neue Anerkennung gibt ihm mehr Selbstbewusstsein. Dazu kommt noch der Stolz: Bald beendet sein Bruder sein Jurastudium und ist Anwalt.

Das Milieu hat sich während Hamids Haftzeit verändert. Sein Pate Raymond Mihière war ebenfalls in mehrere Prozesse verwickelt und saß die meiste Zeit über im Gefängnis. Mihières ewiger Konkurrent, Farid Berrahma, hat das Machtvakuum genutzt und das Territorium des Chinesen übernommen. Er hat die Automatenszene rund um den Étang de Berre nun fest in der Hand. Bis zu 300 Geräte stehen unter seiner Kontrolle.

Berrahma expandiert ständig. Die Spielautomatengewinne investiert er in Drogengeschäfte. Der Handel mit Marihuana ist inzwischen der lukrativste Markt der Unterwelt in Marseille. Erst bemisst man die Warenladungen in Kilogramm, dann in Tonnen. Berrahma verdient bis zu 500.000 Euro im Monat mit Großtransporten von der spanischen Costa del Sol nach Marseille. In schnellen Autos jagen die Kuriere mit Vollgas über die Autobahn. "Go-Fast" heißt eine solche Tour. Wer seine Ladung an den Zoll oder die Konkurrenz verliert, hat ein Problem. Denn die Clanchefs akzeptieren keine Entschuldigung. Nur Geld.

Farid Berrahma, Jahrgang 1966, stammt aus einer ärmlichen algerischen Einwandererfamilie. Er wuchs mit acht Geschwistern in den Problemsiedlungen des Südens auf. Mit ihm übernimmt eine neue Generation die Macht. Vorstadtkriminelle verdrängen die alteingesessenen Paten. Lange Jahre war Berrahma die rechte Hand des legendären Clanchefs Francis Vanverberghe, kurz "der Belgier". Im Milieu ist man sich sicher: Berrahma selbst hat den Belgier im Jahr 2000 ermordet.

Berrahma entwickelt sich schnell zu einer gefürchteten Unterweltgröße. Er umgibt sich mit einer getreuen Armee von jungen, hungrigen Treppenhausdealern aus den Sozialbausiedlungen. Seine absolute Verschwiegenheit tarnt er mit schwindelerregender Geschwätzigkeit. Er weiß, dass in seinem ausgezehrten Körper ein bösartiger Tumor schlummert. Das macht ihn nur noch skrupelloser. Er hat nichts zu verlieren.

Banker,  Immobilienmakler,  Politiker

Wenn er in Les Baumettes einsitzt, ist er der unbestrittene Herrscher des berüchtigten Gefängnisses. Ist es ihm zu laut, braucht er nur mit den Fingern zu schnipsen, und sofort ist Ruhe. Berrahmas Augen lodern schwarz. Der Nachwuchs ist fasziniert. Man nennt ihn auch den "Grillmeister". Er ist einer der Ersten, die ihre Mordopfer in Autos anzünden, um alle Spuren zu verwischen und ein abschreckendes Zeichen zu setzen.

Und Berrahma erinnert sich noch gut an Hamid: Das war doch der geschickte Diplomat, der damals in den Bars von L'Estaque so erfolgreich den Krieg zwischen ihm und dem Chinesen verhindert hatte. Hamid beginnt, für Berrahma zu arbeiten. Aber nicht als Handlanger für brutale Jobs. Sondern er berät, vermittelt, klärt hier ein Problem, löst dort einen Streit, knüpft Kontakte und tätigt Investitionen. Hamid wird der erfahrene Consigliere des fünf Jahre jüngeren Paten.

Berrahmas Schwester braucht eine Wohnung? Ein Fall für Hamid. Drogengeld muss in Immobilien investiert werden? Hamid kennt da jemanden, der eine Villa zu verkaufen hat. Er mietet unter seinem Namen Autos und Hotels an, stellt keine Fragen. Und weil in Marseille alle Gesellschaftsschichten eng miteinander verwoben sind, hat er plötzlich Verbindungen zu Bankern, Immobilienmaklern und Politikern. Marseille, verfilzter Moloch, wunderschöne Hure Babylon. Wenn Hamid den kleinen Bruder am Wochenende mitnimmt, bahnen ihnen die Türsteher der Nachtclubs einen Weg durch die Wartenden.

Hamid ist hoch angesehen. Doch das große Geld verdient er nicht. 1000 Euro hier, 5000 da. Aber dann wieder monatelang gar nichts. Reich werden die anderen. Mehr als eine Sozialwohnung kann er sich nicht leisten. Mit 40 Jahren zieht er bei seinen Eltern aus und nimmt sich ein Zweizimmerapartment in Mazargue. An einem lauten Verkehrsknotenpunkt im Südosten der Stadt, dort, wo eine Kopie des Pariser Obelisken in den mediterranen Himmel ragt.

Hakim beendet sein Jurastudium und wird am Gericht von Aix-en-Provence zum Anwalt vereidigt. Heute sagt er: "Hamid hat mir meine Robe geschenkt. Er hat darauf bestanden. Ich habe sie immer noch. Ich trage sie jeden Tag. Seit 15 Jahren. Sie ist überall zerrissen. Aber ich möchte sie nicht austauschen. Voilà."

Spricht es und schweigt. Lange.

Maschinengewehrsalven

2002 beginnt Hakim sein Pflichtpraktikum in einer Kanzlei. Eigentlich eine Zeit, in der sich die angehenden Anwälte langsam eine Klientel aufbauen. Doch das ist bei Hakim nicht nötig. Vom ersten Tag an schickt ihm Hamid seine Bekannten aus der Unterwelt. Wenn Hamid den jungen Juristen empfiehlt, schwärmt er von ihm wie von einem Staranwalt.

Die Kollegen in der Kanzlei wundern sich: Dieses junge Milchgesicht hat bald die interessantesten Dossiers. Banküberfälle in Serie, Korsika-Connection, Geldtransporter-Attacken mit Raketenwerfer – wenn in Marseille ein dickes Ding gedreht wird, muss Hakim übernehmen. Anfangs hat er Zweifel, glaubt, ihm fehle die Erfahrung. Doch dass der kleine Bruder kneift, kommt für den Großen nicht infrage. Hamid gibt dem Anfänger wertvolle Tipps: "Schreib deinen Klienten", sagt er. "Schreib ihnen viel, und schreib ihnen oft. Dann sind sie zufrieden. Zeigen dein Schreiben herum und sagen stolz: 'Guck dir an, was mein Anwalt alles für mich macht.' So was ist die beste Werbung."

So geht es zwei Jahre. Dann eröffnet Hakim seine eigene Kanzlei. Auch hier führt Hamid ihm immer neue Klienten zu. Achtet aber darauf, dass Hakim nicht ins Milieu verwickelt wird. Eines Tages erzählt ihm sein kleiner Bruder, dass er sich mit einem seiner Klienten angefreundet hat und mit ihm essen war. Hamid wird wütend: "Bist du verrückt?", sagt er. "Lass dich nie wieder mit diesem Typen sehen. Eines Tages bekommt er eine Garbe ab." "Garbe?", fragt Hakim. "Was für eine Garbe?" "Du weißt genau, was für eine Garbe", sagt Hamid. Sie sind endgültig in der Zeit angekommen, als man sich in Marseille nicht mehr nur einzelne Kugeln einfängt, sondern ganze Maschinengewehrsalven.

Hakims Kanzlei läuft gut. Dank Hamid. Für den gründet Hakim bald eine Firma, um dessen Mittelsmanngeschäfte in legale Bahnen zu lenken. Hamid lässt Visitenkarten drucken und ist stolz.

Am 4. April 2006 sitzt Farid Berrahma in der "Bar des Marronniers" im 13. Bezirk von Marseille. Zusammen mit seinen beiden Leutnants schaut er das Fußballspiel Lyon gegen Mailand. Gegen 21.30 Uhr halten drei schwere Wagen vor der Bar. Zehn vermummte Männer stürmen heraus. Vier von ihnen eröffnen das Feuer. Pistolen, Pumpgun, Kalaschnikow. Berrahma hat keine Zeit mehr, seine Hand zum Gürtel zu führen und seine Glock zu ziehen. Der Vorort-Pate stirbt mit seinem Gefolge.

Borderliner und Psychopathen

Für den Mord wird der korsische Schäfer Ange-Toussaint Federici zu 30 Jahren Haft verurteilt. Federici ist der Anführer der "Schäfer von Venzolasca", einer Verbrecherbande aus einem trutzigen Dorf im Norden der Insel. Dieser "Clan der östlichen Ebene" gilt als eine der mächtigsten korsischen Banden und hat immer wieder versucht, Berrahmas Territorium zu erobern.

Als Hakim von dem Anschlag erfährt, ahnt er sofort, dass sein Bruder in großer Gefahr ist. Mit Berrahmas Tod beginnt ein Krieg in der Unterwelt von Marseille, der bis heute andauert. Der nervöse, schwer bewaffnete Nachwuchs aus den Vorstädten gewinnt immer mehr an Einfluss. Diesen jungen Wilden aus den Cités fehlt die kalte Professionalität traditioneller Paten wie des Chinesen oder des Belgiers. Sie operieren nicht mehr in großen Strukturen, sondern in kleinen Einheiten. Kennen sich oft noch aus der Kindheit vom Fußballspielen in den Kicker-Käfigen der Blocks.

Ihre Vorbilder sind Tony Montana aus Brian de Palmas Film "Scarface". Borderliner und Psychopathen übernehmen die Stadt. Ihr Leben ist ein Videospiel. Das Milieu rüstet auf und bekämpft sich bald nur noch mit Kalaschnikows aus dem Arsenal von Ex-Jugoslawien. Kaum hat sich einer der Ehrgeizigen an die Spitze gekämpft, fällt er auch schon einer Abrechnung zum Opfer. "Neobanditismus" nennen die Spezialermittler diese neue, anarchische Kriminalität, die sie nicht in den Griff bekommen.

Berrahmas Clan zerfällt. Die untereinander zerstrittenen Mitglieder sind zusätzlich noch dem Druck der "Schäfer von Venzolasca" ausgesetzt. Und mittendrin Hamid. Jede Partei will den loyalen Kenner der Unterwelt auf ihre Seite ziehen: "Wir fahren nach Spanien in den Urlaub. Komm doch mit uns." Hamid muss seinen Weg im verminten Terrain zwischen den verfeindeten Clans finden. Schwierig. Wechselt er mit dem einen nur ein Wort, fühlt sich der andere auch schon verraten.

In dieser Zeit des eskalierenden Bandenkriegs versucht Hakim, seinen Bruder behutsam vom Milieu wegzuführen. Fragt ihn immer wieder, wie er bloß ständig mit diesen gewalttätigen Typen zusammen sein kann. Wo er doch selbst Gewalt so hasst. "Ich habe dieses Paradox nie verstanden", sagt Hakim heute. "Wie konnte er mit diesen blutrünstigen Kerlen verkehren? Er verdrängte das einfach. Fühlte sich von diesen Clanchefs aufgewertet. Er, der kleine Junge aus den Slums, hatte plötzlich Zugang zu den feinsten Clubs und Restaurants der Stadt. Sicher hatte er auch Angst. Er wusste einfach zu viel. Ab einem bestimmten Moment ist es schwierig umzukehren."

Reisefieber

Als Kind hatte Hamid den kleinen Bruder in die richtige Bahn gelenkt. Hakim sagt: "Mein Bruder war mein Blitzableiter. Alles, was mir an Verhängnisvollem hätte zustoßen können, hat er auf sich genommen." Hamid war sein Schutzschild gewesen. Und hatte ihm all das gegeben, was die überforderten Eltern ihm selbst nicht hatten bieten können. Hatte ihm Mut gemacht, ihm immer wieder versichert, letztlich sei alles möglich für einen Jungen aus den Slums. Er müsse nur fleißig sein. Bis schließlich ein erfolgreicher Anwalt aus ihm geworden war.

Nun ist Hakim an der Reihe. Denn irgendwann kommt der Moment, wo die Kleinen auf die Großen aufpassen müssen. Hakim überlegt, wie er seinen Bruder am besten zu packen bekommt. Sein ganzes Leben lang war Hamid nur selten aus Marseille herausgekommen. Hakim spendiert ihm 15 Tage im "Club Méditerranée" in der Türkei. Er würde sich amüsieren, auf andere Ideen kommen, neue Leute kennenlernen. Niemand ist so kontaktfreudig wie Hamid. Er konnte allein irgendwo losziehen und kehrte mit 30 neuen Freunden zurück.

Hakim hatte seinen Bruder richtig eingeschätzt. "Als er aus der Türkei zurückkam, haben wir ihn am Flughafen abgeholt. Er war glücklich. Tanzte sogar noch am Kofferband", erinnert sich Hakim. Hamid wird vom Reisefieber befallen. Fliegt gleich noch einmal in den Club Méditerranée, Tunesien diesmal. Hakim zahlt. Er hat das Gefühl, das schulde er seinem Bruder. Sobald Hamid im Internet ein Sonderangebot entdeckt, reist er los. Er liebt Flughäfen. Findet Gefallen an Nordafrika. Bekommt Sehnsucht nach Algerien und besucht das Dorf, in dem er geboren wurde. Das erste Mal nach 30 Jahren. Auf seinen Reisen lernt er jemanden kennen, der Jagdgebiete im Senegal und in Argentinien besitzt. Dort streift er durchs Unterholz. Zu Hause findet er neue Freunde. Menschen ohne jede Beziehung in die Unterwelt. Immer öfter geht er mit den Animateuren des Club Méditerranée aus.

Langsam löst sich Hamid aus dem kriminellen Milieu. Eröffnet ein Facebook-Konto, um in Kontakt zu bleiben mit all seinen neuen Reisebekanntschaften. Überlegt, ein Restaurant aufzumachen. Unternimmt alle erforderlichen Schritte zur strafrechtlichen Rehabilitierung – in Frankreich eine Möglichkeit, sein Strafregister löschen zu lassen. Und schließlich beantragt er die französische Staatsbürgerschaft – endlich ganz dazugehören. Beides wird abgelehnt. Er bleibt der Einzige unter den neun Geschwistern, der kein Franzose ist. Fluch der ersten Immigrantengeneration.

Am 15. Januar 2010 gegen fünf Uhr morgens wird Hakims zweite Tochter geboren. Er ruft seinen großen Bruder an, noch vor seiner Mutter. Hamid kommt sofort mit einem Blumenstrauß in die Klinik, nach einer durchfeierten Nacht.

Ablenkungsmanöver

Der 14. Februar 2010 ist ein eisiger Tag. Um kurz vor sechs Uhr morgens fährt Hamid Ikhlef aus einem Nachtclub nach Hause. Am großen, leuchtenden Obelisken von Mazargue biegt er in seine Straße ein und sucht sich einen Parkplatz. Zieht den Schlüssel aus dem Zündschloss, lässt ihn in seine Jackentasche gleiten, öffnet die Wagentür und steigt aus. Zwischen den parkenden Autos springen zwei Männer hervor und feuern aus Armeslänge mehrere Schüsse in seinen Rücken. Hamid stürzt. Die beiden Täter beugen sich über ihn und leeren ihre Magazine in seinen Mund.

Er wird im Familiengrab in seinem Geburtsort Barbascha begraben, dem algerischen Dorf in der Nähe der Hafenstadt Bidschaja. Dort, wo sein Vater lange Jahre ein kleines Café hatte. Zur Beerdigung erscheinen auch Annies Eltern. Sie wissen: Wäre ihre Tochter damals nicht an Krebs gestorben, es wäre ganz anders gekommen mit diesem freundlichen Jungen.

Mehrere Untersuchungsrichter ermitteln in dem Mordfall. Doch sie können ihn nicht aufklären. Hakim bezweifelt, dass sie es wirklich wollen. Solange man sich im Milieu gegenseitig umbringt, verschwendet die Justiz ihre Energien nicht.

Also nimmt Hakim die Ermittlungen selbst in die Hand. Dank seines Bruders hat er sich ein gutes Netzwerk in der Unterwelt aufgebaut. Zudem hat er von Hamid gelernt: Ein guter Anwalt geht jede Woche mindestens einmal ins Gefängnis. Das Gefängnis ist die beste Nachrichtenzentrale der Stadt.

Hakim streckt seine Fühler aus. Hört sich um. Wird auf falsche Pisten geschickt. Erst heißt es, die Mörder des Barbesitzers aus Avignon seien verärgert gewesen, dass Hamid damals nur vier Jahre saß, während sie lange Haftstrafen zu verbüßen hatten. Dann heißt es, Hamid habe nach dem Mord an einigen Clanmitgliedern eine Kollekte machen sollen und das Geld anschließend nicht korrekt aufgeteilt. Doch all diese Hinweise erweisen sich als simple Ablenkungsmanöver.

Eines Tages spricht Hakim mit einem alten Bekannten aus dem Milieu. Einer, der diskret ist; einer, der sich nicht wichtig macht; einer wie Hamid. Der sagt nur: "Alles, was man dir bislang aufgetischt hat, ist Quatsch. Suche unter seinen Freunden. Unter deinen Bekannten." Mehr sagt er nicht. Also sucht Hakim unter Hamids Freunden. Und erfährt, wer seinen Bruder ermordet hat.

Killerkommando

Es ist die alte Geschichte vom Zahltag. Irgendwann kommt das Milieu und fordert seinen Tribut. Eines Tages wurden Weggefährten aus dem zerfallenen Berrahma-Clan bei Hamid vorstellig und baten ihn, den Kontakt zu einem ihrer ehemaligen Mitstreiter herzustellen. Sie hätten ihn im Verdacht, einen ihrer Freunde umgebracht zu haben. Sie hätten den Mann nur leider aus den Augen verloren. Aber zum Glück sei Hamid ja noch befreundet mit ihm.

Hamid hatte sein neues Leben. Er wollte niemandem mehr einen Gefallen erweisen. Er wusste: Wenn ich jetzt Ja sage, hört es niemals auf. Also traf er sich heimlich mit dem Gesuchten und sagte: "Sie wollen dich sehen. Aber so, wie sie es mir mitgeteilt haben, steckt etwas dahinter." Der Mann ging zu dem Treffen. Aber früher als verabredet. Und sah, wie sich seine ehemaligen Weggefährten für einen Hinterhalt postierten. Schnell suchte er das Weite. 15 Tage später entleerte ein Killerkommando im Morgengrauen zwei Pistolenmagazine in Hamids Mund. Ein Tod für jemanden, der zu viel redet.

"Wer dem Milieu entkommen will, darf nicht in Marseille bleiben", sagt Hakim. Er sitzt hinter einem funktionalen Schreibtisch in seiner schmucklosen Kanzlei. Dort steht ein Foto, aufgenommen an jenem Tag, als er zum Anwalt vereidigt wurde. Es zeigt ihn in der Robe, die Hamid ihm geschenkt hat. Vor ihm posiert sein großer Bruder voller Stolz. So würdevoll steht Hamid auf den Stufen des Justizpalastes, als wäre er gerade selbst Anwalt geworden.

Hakim fährt fort: "Mein Bruder, der in seinem Leben niemals jemanden verraten hat, wurde von seinen engsten Bekannten umgebracht. Von Leuten, die in meiner Kanzlei saßen, um Rat einzuholen. Von Leuten, die auf seiner Beerdigung waren. Von Leuten, die Geld dafür gesammelt haben, dass er in seinem algerischen Geburtsort beerdigt werden konnte. Die Mörder wurden inzwischen ebenfalls ermordet. Was sie ihm angetan haben, ist einfach nur dreckig. Er hat es nicht verdient. Das sagen alle aus dem Milieu, die ich treffe. Sie sagen: 'Wenn es einen gibt, der das nicht verdient hat, dann Hamid.'"

Anwalt und Verbrecher

Sagt Hakim Ikhlef, der nur deswegen ein so guter Anwalt werden konnte, weil sein Bruder ein Verbrecher war. Vielleicht wusste Hamid tief in seinem Innern schon immer, dass er eines Tages eine sehr gute Verteidigung brauchen würde. Er konnte nicht wissen, dass es lange nach seinem Tod sein würde. "Mein Bruder hatte kaum Freunde", sagt Hakim. Wahrscheinlich hatte er gar keinen. Er hatte nur einen kleinen Bruder.

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Dachüberstand beim Gerätehaus und Mindestabstand Grenze zum Nachbarn
Ich wohne in Baden-Württemberg und plane auf meinem Grundstück einen alten Schuppen durch ein neues Gerätehaus (kein Aufenthaltsraum, keine Feuerstätte im Gebäude!) mit den Grundmaßen 3,50 m x 2,50 m und Firsthöhe von 2,21 m zu ersetzen. Da die neue Anlage etwa 60 cm in einer Geländestufe aufgestellt wird, ist die Wand gegenüber dem Nachbarn tatsächlich nur ca. 1,6 m gegenüber der OK des Gartens hoch. Es soll eine verfahrensfreie Umsetzung in einer Grenzbebauung durchgeführt werden. Auf dem Nachbargrundstück ist eine ca. 3m hohe Thuja Hecke, die geringfügig über die Grenze herüber ragt. Nun hat das geplante Gerätehaus einen umlaufenden Dachüberstand von ca. 20 cm, sodaß die Außenmasse des Fundaments etwa 20 cm von der Grundstücksgrenze entfernt ist. Damit ist sichergestellt, dass der Dachüberstand nicht mit dem Nachbargruzdstück überlappt. Wie sieht es nun entsprechend der LBO Baden-Würtenberg mit der Regelung zum Mindestabstand gegenüber der Grenze des Nachbarn aus? Ich sehe 3 Möglichkeiten: a) es gilt als Grenzbebauung. Die überhängende Thuja-Hecke stört mich nicht. b) es müssen 50 cm Mindestabstand eingehalten werden. c) der Überstand am Gerätehaus an der Grenze zum Nachbarn muss entfernt werden, damit der Aufbau als Grenzbebauung anerkannt wird. PS: Zusammen mit der Länge der Garage des Nachbarn wird eine Grenzbebauung von 9m nicht überschritten. Mit der Bitte um eine Rückmeldung, sodaß ich meinen Plan vernünftig abschließen kann. mfg
Buchtitel gesucht. Die Rückkehr ...
Der Titel des zweiten Bandes lautet "Die Rückkehr des <xyz>" Autor ist ein irischer Schriftsteller. Es geht um einen Mönch mit einem Sprachfehler. Als das Kloster von Dämonen angegriffen wird, kann er die Abwehr-Gebete, wegen seines Sprachfehlers, nicht so deutlich sprechen, wie seine Mönchsbrüder und der Geist einer Hexe geht deshalb auf ihn über. Seine Mönchsbrüder wollen ihn, um zumindest seine Seele zu retten, nun auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Mit dem Geist der Hexe und etwas Flug-Salbe gelingt ihm aber die Flucht, auf einem Besen durch die Luft reitend. Zufällig belauscht er das Gespräch einer Frau, in die er sich verliebt hat und von der er sich ebenfalls geliebt fühlt. Dabei findet er heraus, dass sie ihn nicht als Mann liebt, sondern dass sie ihn für einen solchen Trottel hält, dass er ohne ihre mütterliche Fürsorge nicht lebenstüchtig sei und dass sie sich deshalb verantwortlich fühlt ihn mit ihrer Mutterliebe zu umsorgen. Tief verletzt hängt er seine Versuche, ein guter Mensch zu sein an den Nagel, will nun böse werden und schließt zu diesem Zweck einen Packt mit dem Teufel. Um den Packt zu besiegeln muss er ein mit Blut unterschriebenes Pergament mit dem Vertragstext verschlucken. Bei der anschließenden Überfahrt nach Frankreich wird er jedoch seekrank und kotzt sich seine Seele aus dem Leib. Dabei geht auch das Pergament mit dem Teufelspackt mit über Bord. Dadurch ist er an den Packt mit dem Teufel nicht mehr gebunden, plant aber weiterhin, mit Hilfe des Teufels ein böser Mensch zu werden. Dabei stellt er sich aber jedesmal so dusselig an, dass immer etwas Gutes dabei heraus kommt. Trotz der tiefen Verletzung durch die Frau, die er liebt, kann er sie doch nicht vergessen und schmachtet ihr auch weiterhin nach. Bei einem Hexenmeister lernt er einen Liebestrank zu brauen. Was er dann auch tut. Der Trank muss sehr lange ziehen. Während also der Trank auch während einer Abwesenheit weiter zieht, dringt eine Kuh in die Höhle ein, in der der Trank gebraut wird und säuft den Trank aus. Als der Mönch in die Höhle zurück kehrt, verliebt sich die Kuh augenblicklich in ihn und weicht ihm von da an nicht mehr von der Seite. Wie heißt der Mönch, der Held dieser Geschichte, und auch titel-gebend ist. Und wer ist der irische Autor?