HOME
stern-Interview

Vermisstes Mädchen: Ermittler im Fall Inga: "Wie aus der Welt gebeamt"

Inga war fünf Jahre alt, als sie im Mai 2015 verschwand. Ein fröhliches Kind mit Zöpfen und Zahnlücke. Ihr Schicksal berührte viele Menschen. Erstmals gibt Ermittler Reimar Klockziem ein Interview. 

Von Anette Lache

Verschwundene Inga und der Tatort in Stendal

Seit zwei Jahren ist die damals fünfjährige Inga wie vom Erdboden verschluckt. Sie verschwand auf einem Diakonie-Gelände in der Nähe von Stendal

Kriminalrat Reimar Klockziem leitet das für Gewaltverbrechen zuständige Fachkommissariat 2 der Polizei in Stendal. Er ist Ermittler im Fall der vermissten Inga, die vor zwei Jahren spurlos verschwand.

Herr Klockziem, was ist das Besondere an diesem Fall?

Wenn ein Mensch verschwindet, gibt es meist eine Spur oder zumindest einen Hinweis darauf, was passiert sein könnte. In diesem Fall gibt es nichts. Innerhalb eines Zeitfensters von wenigen Minuten verschwand ein Kind, ohne dass jemand etwas dazu sagen konnte, etwas beobachtet hat. Wie aus dieser Welt gebeamt. In 30 Jahren als Ermittler habe ich so etwas noch nicht erlebt.

Inga war mit ihrer Familie zu Besuch in einer Diakonieeinrichtung nördlich von Stendal. Was ist das Besondere an diesem Ort?

Wer auf den Wilhelmshof kommt, denkt zunächst einmal, hier endet die Welt. Der Hof liegt völlig abgeschieden, umgeben von Wald. Schwer Suchtkranke und psychisch kranke Menschen werden dort betreut. Sie leben nicht nach der Uhr, sondern nach einer Glocke, die zu den Mahlzeiten und zu den Gottesdiensten ertönt. Es ist ein Ort, an dem Zeit scheinbar keine Rolle spielt. Für manche mag das ein Ort der Glückseligkeit sein...

Aber für Ermittler ein Albtraum?

Eine Herausforderung. Kaum einer der Bewohner konnte uns präzise sagen, wann er sich an diesem Tag wo aufgehalten hat, wann er Inga zuletzt gesehen hat. Oder ob er sie überhaupt gesehen hat. Die Bewertung des Wahrheitsgehalts der Aussagen war aufgrund der Persönlich-keitsstrukturen der Menschen dort sehr schwer.

Luftaufnahme des Wilhelmshofs bei Stendal

Hier verschwand Inga vor zwei Jahren binnen weniger Minuten spurlos: Die Diakonie-Einrichtung Wilhelmshof westlich von Stendal.



Was war Inga für ein Kind?

Inga war das Nesthäkchen der Familie, die kleine Prinzessin. Ihre Geschwister sind 8, 13 und 15 Jahre alt. Nach Aussage ihrer Eltern wäre sie nie weggelaufen. Wir konnten jedoch nicht ausschließen, dass sie sich irgendwo versteckt hat, um sich suchen zu lassen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Was nicht untypisch wäre für Kinder in ihrem Alter.

Wann ist Inga verschwunden?

Wir gehen davon aus, dass sie zwischen 18.30 und 18.45 Uhr verschwunden ist.

Das war im Wald?

Im Laufe der Ermittlungen stellte sich heraus, dass der Wald eher keine Rolle spielt. Auch wenn wir das nicht gänzlich ausschließen können. Inga ist vermutlich viel eher auf dem Gelände der Diakonie verschwunden. 

Wann hatten die Eltern bemerkt, dass Inga weg ist?

Gegen 19 Uhr.


Es wurde mit bis zu 1500 Leuten, Hunden und Hubschraubern nach Inga gesucht, auf einer Fläche von 4700 Hektar. Wie groß ist die Chance, ein vermisstes Kind nach Tagen noch lebend zu finden?

Sie nimmt dramatisch ab, wenn ein Kind nicht in den ersten Stunden, am ersten Tag gefunden wird. Andererseits gab es den Fall Natascha Kampusch in Österreich. Sie verschwand mit zehn. Und entgegen jeder Statistik tauchte sie nach vielen Jahren wieder lebend auf.

Nur drei Kilometer vom Wilhelmshof entfernt sind eine psychiatrische Klinik und außerdem eine forensische Psychiatrie. 

In der forensischen Psychiatrie sind natürlich auch Gewalt- und Sexualstraftäter untergebracht. Auch sie haben gelegentlich Ausgang: begleiteten Ausgang oder im Rahmen der Therapie auch ohne Begleitung. Eine Vielzahl von Personen wurden von uns überprüft, auch Patienten in der Psychiatrie und Besucher. Aber es gab aus strafprozessualer Sicht keinen begründbaren Anfangsverdacht gegen eine Person. Wir haben uns bei unseren Ermittlungen aber nicht nur auf Personen aus diesem Bereich konzentriert. Es kann auch ein anderes Motiv geben.

Welche Theorie haben sie?

Es wäre falsch, ein Szenario zu favorisieren. Aufgrund der fehlenden Informationen ist fast alles denkbar: Inga könnte einem Verbrechen zum Opfer gefallen und tot sein. Sie könnte Opfer eines Unfalls geworden sein, der dann vertuscht wurde. Auch ein unentdeckter Unfall ohne Fremdbeteiligung wäre theoretisch möglich. Sie könnte entführt worden sein von einem Sextäter oder jemanden, der sie jetzt als sein Kind ausgibt, und noch leben. Abwegig ist nur die Rotkäppchen-Theorie einiger Bürger. Der "böse" Wolf kann kein Kind fressen, irgendetwas von ihm bleibt immer zurück.

Muss der Täter nicht aus der Gegend stammen, so abgelegen wie der Wilhelmshof liegt?

Er muss zumindest einen Bezug zum Wilhelmshof haben. Und intelligent genug für ein entsprechendes Nachtatverhalten gewesen sein. Wenn ein Kind verschwindet, taucht in der Bevölkerung immer die Frage auf, ob womöglich Menschenhändler das Kind abgegriffen haben? In Deutschland ist mir persönlich so ein Fall nicht bekannt. Außerdem: Warum sollten solche Täter an so einen abgelegen Ort fahren? Wenn in Dateien von Pädophilen Mädchen entdeckt werden, die Inga ähnlich sehen, lassen wir aber Spezialisten für Gesichtserkennung prüfen, ob das Inga sein könnte.


Wird noch nach Inga gesucht?

Natürlich. Es geht ja um ein Kind, wir dürfen nichts unversucht lassen. Wir schauen uns gerade alle Ermittlungsergebnisse noch einmal genau an. Wir prüfen ob es in den Akten noch Anhaltspunkte für neue Ermittlungsansätze gibt denen wir nachgehen können.

Wie viel von ihren Ermittlungen erzählen Sie Ingas Eltern?

Ich teile ihnen recht offen die allgemeinen Ergebnisse mit, allerdings aus ermittlungstaktischen Gründen nicht jedes Detail.

Wann haben Sie die Eltern zuletzt gesehen?

Kürzlich gab es ein Treffen. Sie wissen, dass wir nicht aufgeben werden, nichts unversucht lassen. Trotzdem sind allein sie es, die es schaffen müssen, mit diesem Schicksal zu leben.

Wer Hinweise hat, findet weitere Informationen -  einschließlich Telefonnummer und Kontaktformular – unter www.woistinga.de. Die Web-Seite wurde von der "Initiative Vermisste Kinder“ in Zusammenarbeit mit der Polizeidirektion in Magdeburg erstellt. Die Hinweise gehen direkt an die Kriminalpolizei.

Ein Reportage über Inga und andere verschwundene Kinder lesen Sie im neuen Stern:





Interview: Anette Lache
Themen in diesem Artikel