Mennoniten in Bolivien Wo Deutsche wie im 17. Jahrhundert leben

Der Südosten Boliviens. Sechs Autostunden von der nächsten Stadt. Umgeben von weiten Felder und Bäumen lebt hier eine entlegene Kolonie. Die Glaubensgemeinschaft der Mennoniten. Verteilt über etwa 70 Dörfer gibt es hier jede Menge Kutschen, Kühe und Bauernhöfe aus rotem Klinker. Im Ort Durango betritt man den friesischen Hof der Familie Hildebrandt - und mit ihm das scheinbare Idyll des 17. Jahrhunderts. Ein Idyll mit Schattenseiten, wie wir später noch erfahren sollen. Seit 500 Jahren ist die Glaubensgemeinschaft vor den Verlockungen der Neuzeit auf der Flucht. In Handys sehen sie den Teufel. Selbst lesen dürfen sie nicht. Ihre Vorfahren flohen aus Preußen, später nach Russland und Kanada. Seit etwa zwanzig Jahren sind sie in Bolivien. Die meisten der Traditionalisten sprechen noch immer in einem niederdeutschen Dialekt. Sieht man die Kinder der Hildebrandt beim Melken der Kühe, wirkt der Ort wie eine große Idylle. Über allem steht bei den Mennoniten Gott und die Gemeinschaft. Doch je länger wir in der Colonia Durango bleiben, desto mehr Fragen ergeben sich. Die Dorfschule besteht aus einem Raum. Für Fremde ist der Zutritt eigentlich verboten. Der Unterricht besteht aus dem militärischen Brüllen des altdeutschen Alphabets und dem Aufsagen von Bibelpassagen. Hier an der Schule lernen sie weder Geographie noch Mathe, weder Geschichte noch Spanisch. Jacob Teichroeb ist aus dem strengen Leben der traditionellen Mennoniten ausgestiegen und lebt heute in der nächstgelegenen Stadt. Er sieht sein altes Leben kritisch, vor allem die Schulbildung. OTON: „Sie glauben, dass sie vieles vieles auswendig lernen. Das Problem ist, dass sie nicht einmal verstehen, was sie da lesen. Es sind nur ganz ganz wenige, die verstehen, was sie da lesen. Da wird ihnen gesagt, sie dürfen keine andere Literatur lesen. Das verdreht die Köpfe“ Mädchen verlassen die Schule nach der sechsten Klasse. Jungen nach der siebten. Die Kinder lernen gerade genug Deutsch, um die Bibel lesen zu können. Teichroeb selbst hat erst mit 35 seine richtige Schulausbildung beendet. Er kennt die Widersprüche, die das Leben in der Kolonie mit sich bringt. Deshalb ist er gegangen. Bei unseren Recherchen erleben wir Mennoniten, die heimlich rauchen. Alkohol trinken. OTON: „Es sind hauptsächlich die jungen Menschen die das probieren. Aber nachher sagen sie, werden wir das nicht mehr machen. Und die Älteren machen dann ein Auge zu und sagen, wir haben nichts gesehen. Sonntag für Sonntag wird ihnen in der Kirche gesagt, das brauchen sie nicht. Aber sie machen es trotzdem immer und immer wieder.“ Auf der einen Seite der Milchmann, wie er im Bilderbuche steht. Auf der anderen Seite Jungen, die heimlich rauchen und trinken. Sie hören Radio, auch das ist verboten. Währenddessen wird die Milch weiterhin unermüdlich mit dem Kutschwagen gebracht, als gäbe es keine Moderne. Die Kolonie der Mennoniten. Ein Idyll mit einem bröckeligem Fundament. Erfahren Sie mehr über das abgeschottete Leben der Mennoniten im neuen Stern. Jetzt am Kiosk.
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Ein Landleben wie im 17. Jahrhundert: Deutschstämmige Mennoniten leben in einer Kolonie im bolivianischen Nirgendwo, verdammen Technik und sprechen Platt. Doch das vermeintliche Idyll bröckelt.
Von Philipp Weber

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