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War and Peace Weltkrieg für die Sommerfrischler


Mit dem Sommer kommt in England die Zeit für Kriegsspiele. Ausgerüstet mit Picknickkorb und Original-Uniformen lassen sich hunderttausende Briten in eine Zeit zurückversetzen, in der sie ganz eindeutig die Sieger waren.
Von Cornelia Fuchs

Viele Engländer spielen gerne ein bisschen Krieg im Sommer, wenn der Rasen schön grün ist und die Abende lau. Findige Unternehmer bedienen die Sehnsucht nach der guten alten Zeit, in der die Bösen noch leicht auszumachen waren und das Empire nur ganz langsam bröckelte, mit großen Festivals in Schlossparks oder den Feldern ehemaliger Hopfen-Bauernhöfe.

Bei den "Battleproms" zum Beispiel lassen Kanonenschläge die Erde erzittern, während ein Orchester Tschaikowskis "1812"-Ouvertüre spielt und über eines von sechs herrschaftlichen Anwesen eine Spitfire im Sinkflug donnert. An sechs Samstagen im Juli und August jagen königliche britische Truppen auf Pferden historisch korrekt ausgestatteten napoleonischen Soldaten hinterher, alles zum Amüsement der Battleprom-Besucher. Die Schlacht von Waterloo dient den eher klassisch geneigten Geschichts-Patrioten als rechte Untermalung zur Feier der eigenen Nation.

Täuschend echte Apocalypse

Dazu werden Fahnen geschwenkt zu Favoriten wie "Rule Britannia". Der englische, manchmal auch britische Patriotismus wird mit der richtigen Picknick-Decke gepflegt und mit dem guten alten Sommer-Drink "Pimm's", britisch korrekt erkennbar an der Anzahl von Gurken-Stückchen und Minzblättern im Glas.

Weniger gediegen geht es dagegen auf der "War and Peace-Show" zu, dem größten Kriegs-Spielplatz Großbritanniens. Auf mehreren Feldern rund um einen ehemaligen Bauernhof in Kent sammeln sich für ein verlängertes Wochenende die Uniform-Enthusiasten und Hobby-Militaristen. Es sind bei weitem nicht nur Uniformen aus dem zweiten Weltkrieg, die hier von stolzen Besitzern ausgestellt werden.

Es gibt eine Ecke zum Vietnam-Krieg mit abgekämpften GIs, die ganz nach "Apocalypse Now"-Vorbild lauten Rock hören. Besucher können durch Vietcong-Tunnel klettern, und auch der Friedensaktivist im täuschend echt ausgestatteten VW-Bus fehlt nicht. Seine Plakate sind mit Original-Slogans aus den 70er Jahren bepinselt. Doch so viel Mühe sich GIs oder die Nachsteller russischer Truppenteile auch geben - gegen die Übermacht von Wehrmacht und vor allem SS kommen sie nicht an.

Faszination des Furchtbaren

Sie sind der Hit dieser Veranstaltung, die originalgetreu geschneiderten Uniformen deutscher Grauseligkeiten aus dem zweiten Weltkrieg. Für den völlig entmilitarisiert aufgewachsenen Deutschen wirkt diese Zurschaustellung unangenehm, auch wenn die meisten Uniformierten einfach nur stolz sind, wie museal authentisch sie die Bösen und damit sich selbst ausgestattet haben.

Die Faszination des Furchtbaren schlägt auf der "War and Peace"-Show seltsame Volten. Panzer gibt es zu kaufen, tausende außer Betrieb gesetzte Waffen und Adolf-Hitler-Straßen-Schilder sowie SS-Abzeichen, hergestellt am Fließband in chinesischen Fabriken. Es ist ein großes Schauspiel für die Akteure, viele bereiten sich das ganze Jahr auf diese paar Tage vor. Es ist der Höhepunkt für Kriegs-Hobbyisten.

Game over

Es gibt auch deutsche Teilnehmer des ganzen Zaubers, die überhaupt nicht mit der Presse sprechen wollen. Die aber ganz deutlich sehr froh darüber sind, offen mit Hakenkreuz-Binden herumlaufen zu können und damit eindeutig zur Mehrheit zu gehören. Die Faszination der Engländer an allem Nazi-Haften geht so weit, dass die Zahl der ehemals deutschen Uniformen die Zahl aller anderen weit übersteigt.

Aber eines wird sich nie ändern, und es ist Teil dieser britischen Faszination mit dieser Zeit und diesem Krieg: Ganz gleich wie viele Wehrmachts-Angehörige und SS-Schergen in den nachgestellten Schlachten den wenigen originalgetreu ausgestatteten Alliierten gegenüberstehen. Sie müssen alle sterben. Die Sieger stehen jedes Jahr schon am Anfang fest: Es werden die Briten sein. Auch das ist ein Grund für die Beliebtheit des englischen Kriegsspiel: Wo sonst kann man in heutigen Zeiten so sicher sein, dass alles gut ausgehen wird?


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