Bad Reichenhall Tote Kinder zwischen Trümmern und Eis


Der Einsturz der Eissporthalle in Bad Reichenhall Anfang Januar forderte 15 Menschenleben. Ursache waren nicht allein die enormen Schneemassen auf dem Dach der Halle, wie die Staatsanwaltschaft Monate später mitteilte.

Die Hoffnungen auf ein ruhiges und friedliches Jahr 2006 zerschlugen sich in Bad Reichenhall bereits am Nachmittag des 2. Januar, einem Montag. Mit einem enormen Knall zerbarst das Dach der Eissporthalle unter der Last enormer Schneemassen und begrub 49 Menschen unter Trümmern und Schnee. Für die Rettungskräfte stellte sich die Situation extrem schwierig dar: Einerseits galt es die Verschütteten zu retten, die den Einsturz überlebt hatten und nun durch Nachtfrost und das Liegen auf der Eisfläche massiv vom Erfrierungstod bedroht waren, andererseits herrschte noch immer Einsturzgefahr für die Reste der Eissporthalle.

So musste die Suche nach Verschütteten am Mittag nach dem Unglück unterbrochen werden, weil weitere Trümmerteile beseitigt werden mussten. Erst am Mittwochmorgen waren die rund 200 Rettungskräfte wieder mit schwerem Räumgerät an der Unglücksstelle im Einsatz. Krisen-Interventionsteams betreuten noch während der Bergungsarbeiten Angehörige der 49 Opfer. Nach Abschluss der Bergung waren 34 Verletzte und 15 Tote zu beklagen. Unter den Toten waren 12 Kinder.

Gedenkgottesdienst bei eisigen Temperaturen

Fünf Tage nach dem Einsturz der Eishalle gedachten hunderte Menschen in einem ökumenischen Gottesdienst der 15 Todesopfer. Die Gedenkfeier war bewusst schlicht gehalten: Bei dem Gebet in der Pfarrkirche St. Zeno gab es keine Ansprachen, es wurden Bibeltexte und Psalmen verlesen. Auch Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber nahm an dem Wortgottesdienst teil. Hunderte Trauernde - vorwiegend Einheimische - waren bei eisigen Temperaturen in die große Pfarrkirche gekommen. In der überfüllten Kirche standen die Menschen bis in die Gänge, der Gottesdienst wurde mit Lautsprechern ins Freie übertragen. Auch Angehörige der Opfer sowie zahlreiche Einsatzkräfte unter anderem der Feuerwehr und des Bayerischen Roten Kreuzes gedachten in Stille der Opfer.

Zwar war vor dem Unglück ungewöhnlich nasser und schwerer Schnee gefallen, doch das reichte der Staatsanwaltschaft Traunstein nicht als Erklärung für das Unglück: Sie nahm Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung auf. Die Ermittler stellten Unterlagen und Pläne sicher, die von Sachverständigen begutachtet werden sollten. Monate nach dem Unglück kamen sie zu dem Schluss: Massive Mängel bei Planung und Bau haben zum Einsturz der Eishalle in Bad Reichenhall geführt. Letztlich sei die Halle wegen einer "Verkettung mehrerer Mängel und Schäden" in sich zusammengefallen. Die Staatsanwaltschaft leitete daraufhin Ermittlungen gegen neun Verantwortliche ein wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung und fahrlässigen Körperverletzung.

Als eine wesentliche Einsturzursache machte die Staatsanwaltschaft die Beschädigungen des Holz-Klebstoffes durch die feuchte Umgebung der Eissporthalle aus. "Die Verwendung dieses Klebstoffes für tragende Bauteile war auch nach den damals bestehenden technischen Regelungen nur in einem trockenen Umgebungsklima zulässig", hieß es. Das Dach der Eishalle wurde von mehreren dicken Holzträgern gestützt, die jeweils aus zahlreichen Brettern zusammengeleimt waren. Darüber hinaus stellten die Gutachter schwere Mängel in der Konstruktion der Hauptträger fest.

Neben unzureichender Bauplanung bemängelte die Staatsanwaltschaft, dass die statische Berechnung des Daches entgegen den Vorschriften offenbar nicht noch einmal überprüft wurde. "Ohne eine solche geprüfte Statik hätte das Bauwerk nicht errichtet werden dürfen", sagte die Staatsanwaltschaft. Insgesamt sei die Sicherheit des Gebäudes zu gering gewesen.

Keinen Verdacht erhob sie jedoch gegen diejenigen Personen, die am Unglückstag für den Betrieb der Halle verantwortlich waren. Auch wenn die Schneelast den Einsturz ausgelöst habe, sei sie im Grunde nicht ungewöhnlich hoch gewesen. Zuerst habe ein Hauptträger an der Hallen-Ostseite versagt, "reißverschlussartig" sei dann das gesamte Dach eingestürzt.

Gut zehn Monate nach dem Unglück einigten sich Mitte November der Anwalt der Opferfamilien, der Oberbürgermeister von Reichenhall und die Versicherungskammer Bayern außergerichtlich über Entschädigungszahlungen. Die Versicherungskammer kommt für Schmerzensgeld, Therapiekosten sowie Unterhaltsschäden der Hinterbliebenen auf. Kurz bevor diese Einigung erzielt worden war, hatte der Stadtrat von Bad Reichenhall den Abriss des gesamten Gebäudekomplexes und die Einrichtung einer Gedenkstätte beschlossen. Nach wie vor kommen Tag für Tag viele Einheimische und Urlauber zu dem Gebäude und zünden Kerzen für die Toten an.

tk mit DPA

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