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Chinesische Reporterin: Filmen im Auge des Taifuns

Wenn der Taifun kommt, wie derzeit oft in China, sind Millionen auf der Flucht. Doch die 27-jährige Liu Qingyang bewegt sich in umgekehrter Richtung. Mitten auf den Taifun zu. stern.de hat die Taifun-Jägerin begleitet.

Von Ellen Deng, Peking

"Eine große Anzeigentafel fiel auf unser Auto, zertrümmerte Dach und Fenster. Ich stand daneben, der Kameramann erkannte die Situation mit seinem sechsten Sinn und riss mich zur Seite. Wenn nicht..." Schon als Kind faszinierte sich Liu für tödliche Gefahren, las Agatha Christie und Sherlock Holmes und wollte Kriegsreporterin werden. Ihr Eigenname Qingyang bedeutet: "der Wind weht sanft nach oben".

Seit drei Jahren folgt die schöne junge Frau den gewaltsamsten Winden, den Taifunen. Sie leitet eine neue Abteilung in Chinas Meteorologie-Behörde, das Taifun-Jäger-Team, das die Naturgewalt und die von ihr ausgelöste Zerstörung filmt und live darüber berichtet - für die wissenschaftliche Auswertung durch die Behörde selbst, aber auch für die Zuschauer des chinesischen Wetterkanals. "Einmal riss uns ein Erdrutsch beinahe in die Tiefe, wir entgingen ihm nur, weil uns Passanten warnten", erzählt Liu weiter über die Gefahren. "Aber während der Arbeit selbst bin ich viel zu beschäftigt, um Angst zu haben. Die kommt erst später auf, wenn ich darüber nachdenke." Neben Taifunen folgt sie auch Sandstürmen und anderen Wetterkatastrophen.

"Fühle mich, wie wenn ich in den Krieg ziehen würde"

Die meisten Taifun-Jäger sind wie Liu Qingyang ausgebildete Journalisten, haben nicht Meteorologie studiert. Deshalb müssen sie manchmal Lehrgeld bezahlen, wie Lius Kameramann Bian Yuming erzählt: "Bei meinem ersten Einsatz folgte ich einem tropischen Sturm in Qingdao. Wir erreichten exakt das Auge des Taifuns. Aber ich filmte nichts und kehrte zurück. Denn ich wusste nicht, dass das Auge extrem sonnig, klar und windlos ist – und verpasste es so."

Bei jedem "orangen Alarm", der eine mögliche Landung eines Taifuns an der chinesischen Küste innerhalb der nächsten 48 Stunden ankündigt, teilen sich Lius 15 Mitarbeiter in Gruppen auf, um den Rand, die Mitte und das Auge des tropischen Wirbelsturms zu filmen. Liu selbst fährt an die gefährlichsten Stellen mit einem 70 000 Euro teuren Toyota-Jeep, der mit speziellen Stoßstangen ausgestattet ist, die mit 4 000 Kilogramm beschwert sind, und mit Scheinwerfern, die 500 Meter weit leuchten. "Unsere Handys müssen 24 Stunden am Tag angeschaltet sein, damit wir immer erreichbar sind und den Anordnungen der Pekinger Zentrale folgen können", sagt Liu. "Wir werden wie Soldaten ausgeschickt. Ich fühle mich, wie wenn ich in den Krieg ziehen würde."

"Ja, wir brauchen Mut, aber wir sind nicht tollkühn, es kommt vor allem auf einen starken Teamgeist an", meint Liu weiter. Vor Ort diskutiert sie mit ihren Mitarbeitern, wo die beste Stelle zum Filmen ist. "Ich bin auch selbst im Bild zu sehen. Das ist nicht nur für die TV-Übertragung gut, sondern hat auch wissenschaftlichen Wert. Die Forscher in der Zentrale verstehen besser, wie hoch eine Welle oder wie stark ein Wind ist, wenn sie einen Menschen davor sehen."

Teamwork macht sie zur Familie

Nach vielen gemeinsamen Tagen und Nächten im Sturm sind die Taifunjäger gereift und aufeinander eingeschworen. Liu erzählt mit glänzenden Augen: "Wir passen aufeinander auf. Mal schleudert der Sturm ein 'Unbekanntes Flugobjekt' heran, das auf den Kopf des Kameramanns zu schlagen droht. Wir halten uns manchmal aneinander fest, wenn es rutschig ist, zum Beispiel auf Felsen. Oft essen, trinken und schlafen wir zusammen mehrere Stunden im Jeep, nicht getrennt nach Geschlecht oder Rang. Wir sind eine Familie."

Diese "Familie" hat sogar eine "spezielle Methode" entwickelt, um ihr Mikrofon im Sturm zu schützen. "Wir stülpen ein Kondom darüber!", sagt Liu mit einem Lächeln. Andere Fernsehteams folgen mittlerweile diesem Beispiel.

Inzwischen hat Liu 20 Taifune gejagt, mehr als hundert Kassetten gedreht. Nie hat sie die Spur verloren. "Sie ist ein Talent, eine geborene Taifun-Jägerin", sagt Kameramann Bian Yuming. Liu Qingyang hat mittlerweile ein eigenes Programm auf dem Wetterkanal, "Qingyangs Tagebuch". Die intelligente und emotionale Frau erzählt darin über ihre Gefühle und bewegt damit viele Zuschauer.

"Bis zu meinem Tod möchte ich Wetterkatastrophen jagen"

"Meine Gefühle über Naturkatastrophen wie den Taifun sind nicht leicht zu beschreiben", sagt sie. "Man muss zugeben, dass die Kraft der Natur erstaunlich ist. Wenige Leute haben das Glück wie wir im Auge des Taifuns zu stehen. Diese Szene ist so speziell, so schön, du siehst deinen Schatten klar unter dem blauen Himmel. Aber nach einer Stunde ist die Schönheit verschwunden."

Liu liebt Herausforderungen. "Manchmal frage ich unsere Experten erwartungsvoll, wann der nächste Taifun kommt", sagt sie. "Aber mir ist das peinlich. Je aufregender unsere Arbeit als Jäger des Taifuns, desto mehr Leid bringt er den normalen Menschen."

Dieses Jahr landete ein Taifun nach dem nächsten an Chinas Küsten. Das hat Liu und ihr Team bekannt gemacht. So wurde sie von einer Jägerin zu einer, die selbst gejagt wird, von ihren Fans. "Als Leiterin des Teams erledige ich jetzt auch viel Verwaltungsarbeit, aber ich sehne mich immer wieder an die Front", sagt sie. "Selbst wenn du 100 Taifune gejagt hast, ist der hundertunderste wieder etwas Neues. Auch gibt es andere Wettererscheinungen, die wir verfolgen, wie die schlimme Dürre im Südwesten Chinas in diesem Sommer. Bis zu meinem Tod möchte ich Klimakastastrophen jagen."