Einsturz des Kölner Stadtarchivs "Plötzlich hat man nichts mehr"


32 Jahre hat Manfred Reimer in der Kölner Severinstraße gewohnt. Sohn Florian verbrachte in dem Haus sein gesamtes Leben. Als in unmittelbarer Nachbarschaft das Kölner Stadtarchiv einstürzte, verloren die beiden Männer ihre Heimat, aber nicht ihr Leben. Chronologie eines Totalverlustes.
Von Frank Gerstenberg

Als das Handy am 3. März um 14 Uhr klingelt, ist Manfred Reimer mit der Arbeit fertig. Der Fernmeldetechniker hatte eine Störung bei einem Kunden im Kölner Norden behoben und freut sich jetzt auf einen gemütlichen Feierabend. Seit 32 Jahren lebt der 60-Jährige in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss der Severinstraße 232 und kann sich "nichts Schöneres vorstellen". Das Umfeld, die Nachbarn - alles ist so, wie es sein soll.

Er braucht kein Auto, seine Arbeitsstelle ist zehn Minuten entfernt, seine Stammkneipe, "Björns Treff", liegt um die Ecke. Die Miete ist mit 440 Euro günstig. Auch Sohn Florian (29), der mit dem Vater zusammenlebt, fehlt es an nichts. Er ist in der Severinstraße 232 geboren, im Stadtteil Veedel aufgewachsen, zur Schule gegangen. In seiner Freizeit spielt er gerne Dart in der Kneipe um die Ecke. Die einzige Belästigung für die beiden ist die neue U-Bahn, an der direkt vor ihrer Haustür seit mehr als vier Jahren gebuddelt wird. Risse im Haus hat er zwar keine entdeckt. "Aber manchmal kann man abends zuschauen, wie sich das Wasser im Glas kräuselt". Doch Vater und Sohn sehen auch dies auf typisch kölsche Art positiv: "Dafür haben wir es nachher umso schöner." Der stinkende laute Busverkehr direkt vor dem Küchenfenster sei schließlich auch nicht gerade angenehm; durch die neue U-Bahn wäre dieses Problem beseitigt.

Ende der Veedel-Idylle

Doch die Veedel-Idylle wird erschüttert. Die Anruferin, eine Nachbarin, klingt panisch: "Hier passiert etwas. Da fallen Häuser zusammen. Jetzt stürzt schon wieder eine Wand ein." Manfred Reimer wollte ohnehin nach Hause, jetzt fährt er "etwas schneller". Doch er kommt nicht weit. An der Rheinuferstraße ist bereits alles abgesperrt. Reimer, ein Kölner Gemütsmensch mit lachenden, dunklen Augen, schwarzen Haaren und schwungvollem Backenbart, ist ungewohnt nervös. Im Radio hört er, dass im Severinsviertel Häuser eingestürzt sind. Reimer stellt sein Auto irgendwo ab. Er will in seine Wohnung, rennt zu Fuß einiger hundert Meter, wird jedoch an einer Absperrung am Georgsplatz endgültig gestoppt. "Kein Zutritt, Einsturzgefahr", signalisieren Heerscharen von Feuerwehrleuten und Polizisten. Aus hundert Metern Entfernung kann er seine Wohnung sehen, das Haus steht noch. Es ist 14.30 Uhr, Reimer ruft seinen Sohn an. Der gelernte Parkettleger steht in dem Moment, in dem sein Haus wackelt, auf einem Gerüst und streicht eine Decke.

Wie in einem schlechten Film

"Ich habe erst gedacht, der will mich verarschen. Das Haus steht da, solange ich lebe", sagt Florian Reimer. Doch sein Vater macht keine Witze. Der Arbeitskollege macht einen Kaffee, der 29-Jährige hört die Nachrichten. Auch er hat keine Chance, in seine Wohnung zu kommen, am Neumarkt ist Schluss. Wie das Gefühl ist, nicht in seine eigene Wohnung zu dürfen? "Ätzend". Er habe sich "wie in einem schlechten Film" gefühlt.

Sein Vater macht rund 500 Meter entfernt, vom Balkon eines Nachbarn aus, gegen 15 Uhr eine schlimme Beobachtung: In einem Auto, das mit einer dicken Staubschicht bedeckt ist, sitzt einer seiner Nachbarn. Im Schlafanzug, mit Pantoffeln und leerem, apathischem Blick. Als sein Nachbar im Haus 232 ihn beim Mittagsschlaf weckte, hatte er keine Zeit, seine Habseligkeiten mitzunehmen. Rund um das Auto liegen Trümmer. Das Historische Archiv ist komplett eingestürzt. Das Nachbarhaus, Severinstraße 230, steht nur noch zur Hälfte. Aus dem offenen Teil des fünfstöckigen Hauses flattert ein blauer Teppich, im dritten Stock hängt ein Waschbecken an einer grünen Kachelwand. "Der Anblick des Nachbarn und des Trümmerfeldes hat mich geschockt", sagt Manfred Reimer. In diesem Moment ist der Kölner davon überzeugt, dass es bei dem Unglück viele Tote gegeben haben muss. "Um diese Zeit ist die Straße voll von Menschen." Vor allem Schüler des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums stehen nach der 6. Stunde, die um 13.30 Uhr endet, vor dem Kiosk, der Pizzeria oder der Bäckerei. Und in dem Archiv, davon war Reimer immer überzeugt, müssten mindestens um die 50 Menschen arbeiten.

Reimer erinnert sich jetzt an einen Zwischenfall vor fünf Monaten: Vom 5. Stock des eingestürzten Hauses Nr. 230 krachten im Herbst plötzlich dicke Putzbrocken auf die Erde. Der Hinterhof wurde gesperrt, ein Gerüst ragt seitdem bis zum Dachstuhl. Ein Zusammenhang mit dem U-Bahn-Bau, der vor vier Jahren die wenige Meter entfernte Kirche durch Bodenabsenkungen zum "schiefen Turm von Köln" machte? "Dazu will ich mich nicht äußern", sagt Manfred Reimer.

Die Heimat im Veedel verloren

3. März, 16.00 Uhr Die Kölner Innenstadt ist ein einziges Heereslager aus Polizei, Feuerwehr, Rot-Kreuz-Sanitätern. Mischmaschinen füllen 1400 Kubikmeter Beton in die Baugrube unter dem Trümmerkegel, um zu verhindern, dass das Grundwasser steigt und noch weitere Häuser umstürzen. Zu dem Zeitpunkt macht das Gerücht die Runde, unter dem Schutt befänden sich mindestens 30 Menschen. Fest steht, dass 20.000 Urkunden und andere historische Kostbarkeiten aus 1000 Jahren Kölner Geschichte in Dreck und Schlamm liegen, darunter die Nobelpreisurkunde Heinrich Bölls oder wertvolle Bibeln und Gebetbücher. Florian und Manfred Reimer wissen nicht, wie es weitergehen soll, wo sie heute Nacht schlafen sollen. Es deutet sich an, dass sie vielleicht nie wieder in ihr Haus dürfen. Manfred Reimer fühlt sich "mies". Was er verloren hat? "Meine Heimat, die Nachbarn". Möbel, Kleidung seien zu ersetzen, "die Lebensqualität im Veedel nicht". Man kennt sich mitunter seit Jahrzehnten, feiert miteinander, besucht sich, hilft sich. "Es ist wie eine große Familie", sagt der Fernmeldetechniker, der seit vielen Jahren von seiner Frau geschieden ist. Eigentlich wollte er den "Rest seines Lebens" im Haus 232 verbringen. Jetzt ist alles zerstört, die Nachbarschaft, die Sicherheit. Manfred Reimer ist erstmals im Leben ohne festen Wohnsitz.

Auf einmal hat man nichts mehr

3. März, 17 Uhr Vater und Sohn müssen bei Polizei, Feuerwehr und Rotem Kreuz ihre Personalien angeben. Ein Mitarbeiter des Wohnungsamtes fragt die beiden, ob sie schon eine Unterkunft hätten. Manfred Reimer könnte eine Nacht bei einem Freund wohnen, "aber ich habe mir schon gedacht, dass das hier keine kurzfristige Sache ist und wollte keinem zur Last fallen". Es regnet. Florian und Manfred Reimer sind "pitschnass". Zum ersten Mal wird ihnen bewusst, dass sie keine Schuhe und keine Jacke zum Wechseln haben. "Plötzlich fällt einem auf, dass man seine Schuhe nicht putzen kann und keine Zahnbürste und kein Geld hat", sagt der Vater. Die EC-Karte hatte er in der Wohnung liegen lassen, nur den Führerschein und den Personalausweis hatte er zur Arbeit mitgenommen. Florian hat Gott sei Dank seine Karte dabei. Dafür melden sich die Handys ab. Die Reimers haben kein Ladegerät. Gegen 17.30 Uhr reicht es den beiden. Sie gehen zu "Björn", ein Bier trinken, einen Kaffee, die Nachrichten schauen. Der Wirt findet ein Ladegerät für das Handy.

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Zahnpasta im Katastrophenschutzzentrum

19.00 Uhr Ein Lichtblick. Die Reimers nehmen das Angebot der Stadt Köln an, im Katastrophenschutzzentrum in Riehl zu übernachten. An der Boltensternstraße gibt es Zahnpasta, Brötchen, ein warmes Essen, ein Zimmer. Sogar frische Unterhosen liegen bereit. Alle sind "unheimlich freundlich und hilfsbereit". Vater und Sohn atmen erstmals durch, zumal auch viele Nachbarn nach Riehl kommen, wo 500 Menschen innerhalb einer Stunde versorgt werden können, wie der Leiter des Wohnungsamtes, Michael Schleicher, versichert.

Neustart mit 200 Euro

Mittwoch, 4. März Manfred und Florian Reimer haben schlecht geschlafen. Beide gehen früh zur Arbeit. Manfred Reimer bekommt einen Vorschuss von 200 Euro von seinem Chef, der über das Internet einen Spendenaufruf für die über 30 Menschen startet, die von einer auf die andere Minute obdachlos geworden sind. Zahlreiche Kölner spenden Möbel, Kleidung, Essen. Nach der Arbeit kaufen Florian und sein Vater ein: je zwei Paar Schuhe, Jacken, Hosen, Unterwäsche, Socken. Auch einen Kamm, Deo.

Das Wunder von Köln

Donnerstag, 5. März Eine gute Nachricht: Der Pressesprecher der Feuerwehr, Daniel Leupold, versichert den obdachlosen Anwohnern, dass die Abriss- und Aufräumarbeiten gestoppt werden, sobald das Haus 232 in Gefahr gerät, einzustürzen. "Vorher brechen wir ab und benachrichtigen Sie, damit Sie in ihre Wohnung können." Manfred Reimer fällt ein Stein vom Herzen: Er erhält die Möglichkeit, seine Papiere wiederzubekommen. "Die ganze Lauferei, das wäre furchtbar gewesen. Die Papiere sind ja das ganze Leben." Für die Reimers nicht weniger als für das Historische Archiv. Eine Nachbarin ruft an: Die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) haben in der Markthalle eine Beratungsstelle eingerichtet. Jeder Evakuierte bekommt dort eine Soforthilfe von 250 Euro und darf bis auf weiteres in das Hotel Mercure in unmittelbarer Nähe des Unglücksortes ziehen.

Am Abend hält die KVB eine Bürgerversammlung im Bürgerhaus Stollwerk ab. Es kommt zu Tumulten. 250 Euro Soforthilfe seien zu wenig. "Wie weit sollen wir damit kommen?", rufen empörte Anwohner, von denen viele ohnehin von der jahrelangen U-Bahn-Buddelei genervt sind. Der KVB-Chef will den Saal verlassen, weil er noch einen "Termin" hat. Empörung im Saal, der Bauherr ändert seine Pläne und sinkt zurück in seinen Stuhl. Ergebnis der Versammlung: Alle 33 Kölner, die ihre Wohnung verloren haben, bekommen je 10.000 Euro. "Damit können wir auf jeden Fall die Kaution für die neue Wohnung bezahlen und neu anfangen", sagt Manfred Reimer. Er und sein Sohn verlassen die Boltensternstraße und ziehen in das Hotel. Dort treffen sie ihre Freunde und Nachbarn. "Hallo Helmut, alles klar?" - "Sicher. Wir sind gut versorgt. Aber das kann man ja auch verlangen." Die Kölner haben sich vom ersten Schock erholt. Es wird wieder gelacht. Das kölsche Grundgesetz scheint zu greifen: "Et hät noch immer joot jejange" (Es ist noch immer gut gegangen). Wenn jetzt noch die beiden Vermissten gerettet würden. Zu den befürchteten vielen Opfern ist es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht gekommen. Allein das ist für Manfred und Florian Reimer schon das "Wunder von Köln". Nicht auszudenken, wenn das Unglück vor einer Woche, beim Rosenmontagsumzug, passiert wäre.

Letzter Besuch in der Wohnung

Freitag, 6. März, 0.30 Uhr Bei den Reimers klingelt das Hotel-Telefon. Die Feuerwehr holt die beiden zur Wohnung ab. Um 3.00 Uhr steigen Polizisten und Feuerwehrleute über einen Hubwagen in den einsturzgefährdeten Teil des Hauses Nummer 232 ein und tragen kistenweise Kartons mit Kleidung, Papieren und anderen Habseligkeiten aus den Wohnungen. Manfred und Florian Reimer wollen selbst in ihre Wohnung. Bei Regen und Kälte harren sie bis um 5.00 Uhr aus. Dann ist es soweit. In fünf Umzugskartons, einer Reisetasche und einem Müllsack packen Vater und Sohn in Windeseile alles zusammen, was ihnen wichtig ist.

Der erste Griff von Florian Reimer geht zu seiner schwarzen Mustang-Lederjacke, ein Geschenk von seiner Mutter. Sein Vater kippt die Papiere aus der Schublade in den Karton, schnappt sich den Fotoapparat und einige Hosen, Socken und Pullover. Ein letzter Blick in das gemütliche Wohnzimmer: Abschied von 32 Jahren Leben in der Severinstraße. "Da kamen mir die Tränen", sagt der Kölner Jung. "Ich wollte hier nur in der Kiste raus. Niemals wäre ich hier weggegangen." Das Veedel ist die Kölsche Seele.

Wiedersehen nach 20 Jahren

Samstag, 7. März Ein alter Freund ruft Manfred Reimer an. Er habe ihn im Fernsehen gesehen. Die beiden hatten sich in den vergangenen 20 Jahren aus den Augen verloren. "Jetzt wollen wir uns treffen", freut sich der Kölner. Im Drogeriemarkt spricht eine unbekannte Frau seinen Sohn an: "Ich habe Sie im Fernsehen gesehen. Kann ich Ihnen mit zehn Euro helfen?", fragt sie. Auch seine Tante aus Schweden habe angerufen, will Hosen und Geld schicken. "Mit so viel Hilfsbereitschaft hätte ich nie gerechnet", schüttelt Florian Reimer ungläubig den Kopf. Am frühen Nachmittag haben Vater und Sohn einen wichtigen Termin: Wohnungsbesichtigung im Veedel. Am Sonntagmorgen wird die Leiche des 17-jährigen Kevins gefunden. "Das ist sehr, sehr traurig", sagt Manfred Reimer. Er hofft, dass der zweite Vermisste bald gefunden wird und weiß, wie viel Glück er hatte, dass es nur seine Möbel und seine Wohnung waren, die er verloren hat.


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