Erdrutsch in Nachterstedt Eine Stadt in Angst


Entsetzen im sachsen-anhaltinischen Nachterstedt: Einen Tag nach dem gewaltigen Erdrutsch, bei dem anderthalb Häuser, eine Straße und ein Aussichtspunkt in die Tiefe gerissen wurden, gibt es noch immer keine Spur der drei Vermissten. Die Polizei warnt vor weiteren Abbrüchen. Für einige Bewohner ist die Schuldfrage zur Unglücksursache bereits geklärt.

Sie geben nicht auf: Bei Tagesanbruch haben sich die Rettungs- und Bergungskräfte wieder auf die Suche nach drei vermissten Anwohnern im sachsen-anhaltinischen Nachterstedt gemacht. Die Drei waren Bewohner eines Doppelhauses, das bei dem Unglück am Samstagmorgen in die Tiefe gerissen worden war. Große Erleichterung gab es, nachdem bekannt wurde, dass der 20-jährige Sohn eines der Vermissten, der zunächst ebenfalls gesucht wurde, sich gemeldet hat.

Der Einsatz von Suchhunden war am Samstag wegen der weiterhin sehr gefährlichen Situation am Unglücksort gescheitert. Auch der Einsatz von Wärmebildkameras hatte keine Ergebnisse gebracht. "Die gesamte Situation ist sehr wackelig, weitere Abbrüche sind jederzeit möglich", berichtet Polizeisprecherin Bettina Moosbauer. Zudem gehe es an der Abbruchkante mehr als 100 Meter in die Tiefe. Die Bergungskräfte sind nun damit beschäftigt, das Gelände am Unglücksort zu sichern, um weitere Erdrutsche zu verhindern. Glücklicherweise habe es in der Nacht keine weiteren Erdbewegungen gegeben, teilte die Verwaltung des Salzlandkreises mit.

Die Stadt Seeland wurde erst vor drei Tagen gegründet – nun ereilte sie die fürchterliche Katastrophe: Eine Fläche von der Größe von sechs Fußballfeldern brach bei einem Erdrutsch weg, riss ein Doppelhaus in den dortigen Concordia-See und spaltete buchstäblich ein zweites Haus. Die dabei entstandene Welle war so stark, dass das Ausflugsschiff "Seelandperle" am gegenüberliegenden Ufer an Land gespült wurde. Überall in dem sachsen-anhaltinischen Ort sind seit dem Unglück die Rettungskräfte unterwegs, hinter Büschen startet und landet immer wieder ein Polizeihubschrauber. "Dahinten am Ende der Straße geht es nur noch bergab", sagt ein Polizist und ein junger Helfer des Technischen Hilfswerks ruft: "Ich geh da nicht mehr hin. Da bröckelt es immer noch."

In dem völlig versunkenen Doppelhaus wurden drei, möglicherweise vier Menschen begraben, zwei Ehepaare wohnten darin. Vermisst werden eine 48-jährige Frau und zwei Männer im Alter von 50 und 51 Jahren, die vermutlich während des Einsturzes schliefen und ums Leben kamen. Eine Nachbarin will noch Schreie aus dem Haus gehört haben, das nun im Concordia-See verschwunden ist. Auf der Suche nach ihnen wurde ein Polizeihubschrauber mit Wärmelbildkameras eingesetzt. Die Unglücksstelle am Boden der Tagebaugrube sei morastig, teilten die Behörden mit. Aus der Luft und vom See aus sei die Stelle nicht zu erreichen, auch könnten keine Helfer von dem Hubschrauber herabgelassen werden. Die Polizei hat kaum noch Hoffnung, sie lebend wiederzufinden.

Eine andere Bewohnerin der Abruchkante war zum Zeitpunkt des Unglücks an ihrem Arbeitsplatz in Nachtschicht. In einem der Häuser hatte ein Jugendlicher, wie Nachbarn erzählten, im Elternhaus eine Party gefeiert und am frühen Morgen Freunde zum Bahnhof gebracht. Als er zurückkam, war das Haus weg. Das Ehepaar aus dem anderen betroffenen Doppelhaus hatte ebenfalls Glück im Unglück: Es befindet sich im Urlaub. Im Lauf des Tages erfuhren der Mann und die Frau, dass nach ihnen über ADAC-Reiseruf gesucht wurde, daraufhin meldeten sie sich.

Häuser, Straße, Aussichtspunkt, Slipanlage - alles weg

Mit den Häusern verschwanden eine Straße, ein Aussichtspunkt, der einen herrlichen Blick auf das entstehende Nacherholungsgebiet bot, eine alte Lok und Baggerschaufeln aus jenen Zeiten, als bei Nachterstedt noch Braunkohle abgebaut wurde. "Auch unsere neue, 500.000 Euro teure Slipanlage, die für Reparaturarbeiten am Ausflugsschiff ’Seelandperle’ gerade für 500.000 Euro errichtet wurde, gibt es nicht mehr", sagt der Bürgermeister des Ortes, Siegfried Hampe.

Die Ursache für das Unglück liegt völlig im Dunkeln. Offen ist, ob die Böschung des Sees aufgrund von Regenfällen abrutschte. Die Sprecherin der Kreisverwaltung des Salzlandkreises, Ursula Rothe, sagte, es habe in der Nacht zwar geregnet, aber nicht besonders heftig. Nach Angaben von Jörg Kachelmann vom Wetterdienst Meteomedia hat es vor dem Abrutsch in dem Ort rund 20 Liter Niederschlag pro Quadratmeter gegeben. "Das ist ungefähr ein Drittel des im Juli üblichen Niederschlag dort und eine Menge, die immer mal wieder vorkommen kann", so der Wetterexperte. Die Polizei hat bereits angekündigt, Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung gegen unbekannt einzuleiten. Die Bewohner von Nachterstedt haben bereits eine Erklärung für die Katastrophe: "Die Bergbaubehörde wird schon wissen, was sie da gemacht haben", sagt eine Frau.

Seit elf Jahren wird geflutet

Das Gewässer ist ein Tagebau-Restloch, das seit 1998 geflutet wird. Der Braunkohle-Abbau in der rund 2000 Einwohner zählenden Gemeinde, die südwestlich von Magdeburg liegt, war nach mehr als 120 Jahren 1991 eingestellt worden. Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau- Verwaltungsgesellschaft, die für die Sicherung und die Flutung des Tagebausees zuständig ist, hatte zunächst keine Erklärung. Anfangs hatte das Bergbau-Unternehmen den Regen als Auslöser der Katastrophe bezeichnet. "Es wird umfangreicher Gutachten in den nächsten Wochen und Monaten bedürfen", sagte Sachsen-Anhalts Wirtschaftsstaatssekretär Detlef Schubert (CDU). Einige Leute vermuten, dass vielleicht nicht alle Entwässerungsgräben und Hohlräume aus Bergbauzeiten ordentlich verfüllt worden sind. "Ich denke, der See hat das Land da vorn unterspült", sagt eine Frau, die ihr eigenes Haus, nur wenige Meter von der Unglücksstelle entfernt, eigentlich verkaufen wollte. "Das kann ich jetzt wohl vergessen."

Einige Helfer, waren am Morgen gleich nach dem Sirenengeheul der Feuerwehr vor Ort, fand dort total verstörte und weinende Bewohner der Nachbarhäuser vor, die in Nachthemd und Schlafanzug auf die Straße gestützt waren. Sie wurden zunächst in der Turnhalle des Ortes, später in Ferienwohnungen untergebracht, eine alte Dame kam mit einem Kreislaufkollaps ins Krankenhaus. Auch auf einer Pressekonferenz Nachmittag, zu der auch Betroffenen gekommen waren, spielten sich emotionale Szenen ab. Ein Anwohner beklagte sich, dass er nicht an wichtiges Haub und Gut in seinem Haus komme. Ein anderer klagte: "Wir haben nur noch das, was wir am Leibe tragen." Eine Frau sorgte sich um ihre Katze, die sich noch im Haus im gesperrten Gebiet befinde.

Vorerst hat die Polizei alle Zugänge zum Ufer abgesperrt. "Es wäre viel zu gefährlich, sich sowohl von Land als auch vom Wasser der Unglücksstelle zu nähern", so eine Sprecherin des Salzlandkreises. Erst wenn die Experten des Bergamtes bestätigten, dass keine weiteren Erdrutsche zu erwarten sind, könne man überhaupt mit der Sicherung des Hangs beginnen und versuchen, zu den Vermissten vorzudringen. 41 Menschen mussten wegen der Gefahr weiterer Erdrutsche ihre Gebäude verlassen. Sie wurden bis auf weiteres in Ausweichquartieren untergebracht. Sicherheitskräfte warnten ausdrücklich vor einem Schaulustigen- Tourismus. Jeder, der sich nur ansatzweise in die Nähe der Unglücksstelle begebe, gefährde sich, hieß es.

AP/AFP/DPA/Reuters AP DPA Reuters

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker