Flugsicherung Skyguide Elf Flugzeuge gleichzeitig betreut


Der Zusammenstoß zweier Flugzeuge über dem Bodensee kostete 71 Menschen das Leben. Nun beschäftigt das Unglück von Überlingen wieder ein Gericht. Im Zentrum der Verhandlung stehen die Arbeitsbedingungen bei der Flugsicherung.

Der Fluglotse der Unglücksnacht ist ermordet, doch seit Dienstag kommt er vor Gericht wieder zu Wort - durch ein altes Protokoll über die Katastrophe von Überlingen. Er sei von technischen Pannen abgelenkt und zu überlastet gewesen; daher habe er den Zusammenstoß der Flugzeuge mit 71 Menschen an Bord nicht vorausgesehen, zitiert der Bülacher Bezirksrichter Rainer Hohler Aussagen des Luftverkehrsleiters. Er liest sie den acht Angeklagten vor, leitenden Mitarbeitern und Technikern der Schweizer Flugsicherung Skyguide, angeklagt wegen fahrlässiger Tötung.

Sie sollen zugelassen haben, dass der Lotse am 1. Juli 2002 überfordert und allein im Zürcher Kontrollraum saß, zugleich an zwei Radarschirmen, bei stummen Telefonen und abgeschalteten Warngeräten. Sein Schichtkollege war in der Pause. "Aus unserer Sicht war die Besetzung in der Nacht genügend, effizient und in Ordnung", erklärt einer der angeklagten Vorgesetzten im geschäftsmäßigen Ton. Er bedauere die Katastrophe, sei aber unschuldig.

"Das hätte man anders lösen können"

Ein weiterer Angeklagter sagt über die Probleme des Lotsen in der Nacht: "Das hätte man anders lösen können." Jener Mitarbeiter habe schon einmal einen Fehler gemacht, der 2001 zu einer Beinahe- Kollision geführt habe. Der Unglückslotse selbst kann nichts mehr erklären. Vor drei Jahren erstach ihn ein Hinterbliebener aus Trauer und Wut.

Richter Hohler aber sorgt mit seinen bohrenden Fragen schon am ersten von voraussichtlich elf Prozesstagen für tiefe Einblicke in den Alltag der Schweizer Flugsicherung. "Seit Urzeiten" sei der nächtliche Ein-Mann-Betrieb üblich gewesen, sagt ein Angeklagter. Selbst nach drei Beinahe-Zusammenstößen und einem Absturz während des Solobetriebs in den Jahren vor der Katastrophe sah er keinen Anlass zur Änderung. Man habe so in betriebsarmen Zeiten auch Kosten und Personal sparen können. Hohler erwähnt allerdings ein Gutachten, das den Luftraum von Zürich als besonders konfliktreich einstuft.

11 Maschinen gleichzeitig betreut

Ist am Himmel nachts wirklich so wenig los, wie die Skyguide- Manager behaupten? Dem Funkprotokoll zufolge betreute der Unglückslotse in der Viertelstunde vor dem Unglück 15 Maschinen, davon 11 gleichzeitig, führte 118 Funksprüche und kämpfte vergeblich mit dem wegen Wartungsarbeiten abgeschalteten Haupttelefon. In den entscheidenden Minuten musste er neben den Maschinen auf Kollisionsflug auch einen Ferienflieger Richtung Friedrichshafen führen. Schon mit dem Friedrichshafen-Anflug wäre ein Mann voll ausgelastet, zitiert der Richter aus einer Vorschrift.

Nach dem Überlingen-Unglück verbot die Schweizer Flugaufsichtsbehörde die nächtliche Ein-Mann-Besetzung. Doch machte Skyguide weiter negative Schlagzeilen mit Beinahe-Zusammenstößen und Personalmangel. Skyguide-Chef Alain Rossier wurde Ende 2006 entlassen, ohne dass Gründe dafür bekannt wurden. Er, der seinerzeit an der Spitze des Unternehmens stand, fehlt im Schweizer Gerichtssaal. Gegen ihn wurde keine Anklage erhoben.

Gisela Mackensen und Frank van Bebber/DPA DPA

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