HOME

TV-Drama: Der tödliche Geruch einer Flugzeugkatastrophe

Es war einer der schlimmsten Flugzeugabstürze über deutschem Boden: das Unglück von Überlingen, bei dem 71 Menschen starben. Ein ARD-Film hat die tragischen Ereignisse von 2002 noch mal aufgerollt. stern.de hat sich "Flug in die Nacht" mit einem Zeitzeugen angesehen, der den Film aus einer speziellen Perspektive bewerten kann.

Von Malte Arnsperger

Es riecht süßlich-rauchig, wenn zwei Flugzeuge mit insgesamt 71 Menschen an Bord in der Luft zusammengeprallt und aus 11.000 Meter zu Boden gefallen sind. Schwaden des ausgelaufenen Kerosins vermengen sich mit dem Rauch brennender Trümmerteile und dem Gestank der Leichen. Louis Laurösch wird dieses unheilvolle Gemisch wohl nie wieder aus seinem Geruchsgedächtnis streichen können. Es steigt dem Feuerwehrmann auch dann in die Nase, wenn er sich rund sieben Jahre danach den Film über diesen Flugzeugabsturz anschaut.

Einsatz in der Nacht

"Flug in die Nacht - Das Unglück von Überlingen" heißt der Spielfilm, der zeigt, was am 1. Juli 2002 im Nachthimmel über dem Bodensee passiert ist, wie es zu dem unglückseligen Zusammenstoß zweier Flugzeuge kommen konnte, und welches menschliche Drama sich danach auf der Erde abspielte. "Der Film hat mich sehr bewegt. Die ganzen Gefühle und Eindrücke von damals sind wieder in mir hochgekommen. Der Stress, das Entsetzen, die Hilflosigkeit", sagt Louis Laurösch. "Und dieser furchtbare Geruch."

Der heute 50-Jährige Stadtbrandmeister von Friedrichshafen war am Abend des 1. Juli 2002 von einer Feuerwehrübung nach Hause gekommen und hatte sich gerade ins Bett gelegt, als gegen 23.40 Uhr das Telefon klingelte. Ein Flugzeug sei im nahen Brachenreuthe abgestürzt, teilte ihm die Zentrale mit. Laurösch raste mit seinem Dienstwagen zu der angegebenen Stelle. Auf einer Wiese erblickte er das brennende Heck eines Flugzeuges, eine erste Feuerwehrmannschaft hatte bereits mit den Löscharbeiten begonnen. "Dieses Wrackteil war ziemlich groß", erinnert sich Laurösch. "Da ist mir schlagartig klar geworden, dass hier keine kleine Maschine abgestürzt ist, sondern ein riesiges Unglück passiert sein muss." Diese Entdeckung sollte der Beginn eines vier Tage währenden Einsatzes für den Feuerwehrchef sein.

Es war aber kein Rettungseinsatz. Denn helfen konnten Laurösch und seine Männer keinem der Flugzeuginsassen mehr. Laurösch war deshalb Leiter von über 800 Feuerwehrleuten, die fortan vom Morgengrauen bis zur Dämmerung Wrackteile löschten und nach Flugzeugresten suchten, aber vor allem eine Aufgabe hatten: zusammen mit Polizei und anderen Einsatzkräften 71 Leichen zu bergen - darunter die von 45 Kindern.

Das Aufsammeln der vielen Kinderleichen war "der schlimmste Teil dieses Einsatzes", sagt Laurösch. Eine Bergung setzte dem erfahrenen Feuerwehrmann ganz besonders zu. Im Morgengrauen des 2. Juli hatten Polizeibeamte ein großes Rumpfstück der russischen Maschine entdeckt. Es war trotz des Sturzes aus tausenden Metern Höhe relativ intakt geblieben und lag nun inmitten einer Apfelplantage.

Laurösch und seine Männer kämpften sich mit Spezial-Sägen in mühsamer Arbeit durch den dicken Außenpanzer des Flugzeuges. Laurösch, Vater einer damals zwölfjährigen Tochter, erinnert sich noch genau an den Anblick, als man endlich ins Innere gelangt war. "Vier oder fünf Sitzreihen waren noch völlig intakt. Drumherum verstreut lag Spielzeug, Taschen und Jacken. Und in den Sitzen saßen die Leichen von rund 20 Kindern. Alle waren noch angeschnallt. Sie hatten zwar eine Leichenblässe im Gesicht, waren aber sonst äußerlich fast unversehrt. Ein grauenhaftes Bild. Ich musste an meine Tochter denken, die im selben Alter dieser Kinder war. Ich fühlte mich auf einmal so leer."

Suche nach der Familie

Im Film "Flug in die Nacht" wird darauf verzichtet, diesen Teil des Feuerwehreinsatzes aufzuarbeiten. Gezeigt wird aber, wie der verzweifelte Yuri Balkajew (gespielt von Jevgenij Sitochin), dessen Ehefrau und Kinder in dem russischen Flieger saßen, auf eigene Faust nach den Leichen seiner Familie sucht. In einem Waldstück, in dem überall Trümmerteilen verstreut liegen und Kleidungsstücke von den Bäumen hängen, findet er den leblosen Körper seiner Tochter. Eine erfundene Szene, die den Fachmann Laurösch etwas ärgerlich macht. "So etwas ist völlig unrealistisch. Unglücksorte werden immer komplett abgesperrt, so dass kein Unbefugter Zutritt hat, auch kein Angehöriger. Außerdem war das Ereignis schrecklich genug, da muss man eigentlich nichts dramatisieren."

Laurösch selber setzte sich am Abend des 2. Juli 2002 nach 20 Stunden Arbeit mit seiner Familie vor den Fernseher, schaute sich die TV-Berichte über das Unglück an und erzählte von seinen Eindrücken. "Das mache ich immer so. Denn es hilft mir, den Tag zu verarbeiten und sie können verstehen, warum ich etwas Ruhe brauche."

Eineinhalb Jahre lang sollte der Flugzeugabsturz von Überlingen Louis Laurösch unmittelbar beschäftigen. Nach dem es rund zwei Wochen gedauert hatte, Leichenteile und Wrackstücke abzutransportieren, begann für die Einsatzkräfte die Verarbeitung der Bilder. "Wir waren alle sehr mitgenommen", erinnert sich Laurösch, ein kräftiger Mann mit dichten dunklen Haaren. "Deshalb hatten wir Seelsorger bei uns, wir haben uns wochenlang sehr oft darüber im Kollegenkreis unterhalten. Das war wichtig, sonst frisst man die optischen und psychischen Eindrücke in sich rein und kommt nicht drüber hinweg."

In den folgenden Monaten hielt der Feuerwehrkommandant zudem vor Kollegen im ganzen Land Vorträge über diesen Einsatz, den er als den größten und schlimmsten in seiner beruflichen Laufbahn bezeichnet. "Aber mittlerweile denke ich nicht mehr an dieses Unglück zurück. Nur wenn ich an der Absturzstelle vorbeifahre", versichert er. "Und auch alle anderen Beteiligten wollen endlich mit diesem schrecklichen Kapitel abschließen."

Treffen mit den Angehörigen

Nichts schien Laurösch deshalb unsinniger, als so viele Jahre danach einen Spielfilm über die Katastrophe zu zeigen, noch dazu einen, der den Anspruch hat, sich sehr nahe an den wirklichen Geschehnissen zu orientieren. Aber der Feuerwehrmann hat seine Meinung geändert. Denn "Flug in die Nacht" beschäftigt sich insbesondere mit dem Schicksal zweier Männer, deren Leben sich durch das Unglück radikal veränderte und deren Wege sich auf dramatische Weise noch einmal kreuzen sollten. Es ist die wahre Geschichte des Fluglotsen Peter Nielsen, der in der verhängnisvollen Julinacht für die Luftraumüberwachung verantwortlich war, und von dem russischen Familienvater Witalij Kalojew. Der nahm rund 18 Monate nach dem Unglück Rache und tötete den Lotsen. Lob für die filmische Darstellung dieses zweiten tragischen Zusammenpralls von Louis Laurösch: "Ich hatte nur wenig davon erfahren, was zwischen diesen Männern passiert ist. Deshalb finde ich es sehr interessant und ergreifend zu sehen, wie sich das Leben der beiden langsam nähert und es zu dieser schrecklichen Tragödie am Ende kommt."

Weder zu dem Fluglotsen noch zu dem russischen Witwer hatte Louis Laurösch je persönlichen Kontakt. Aber der Film, in dem auch die Trauerfeier ein Jahr nach dem Unglück gezeigt wird, hat ihn an sein Treffen mit den Angehörigen erinnert. Am Mittwoch dem 3. Juli, knapp drei Tage nach dem Absturz, kamen die Hinterbliebenen der russischen Opfer an den Bodensee und wurden zum Trauern an eines der Wrackteile geführt. Die weinenden Menschen hätten weiße Rosen niedergelegt, sagt Laurösch. "Diese Rosen haben wir für sie gekauft. Auf ein Detail haben wir dabei ganz besonders geachtet: Dass die Blumen keine Stachel haben, damit sich die Angehörigen nicht daran verletzen."

Der Film "Flug in die Nacht - Das Unglück von Überlingen" ist am 29. Juli im Ersten ausgestrahlt worden.