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Follow Me Absturz einer Ju 52 in den Alpen: Abschlussbericht wirft Piloten "einen hochriskanten Flugweg" vor

Das Wrack der Ju 52 im Gebirge: Die Maschine der Ju-Air schlug im Kanton Garubünden südwestlich des Piz Segnas auf.
Das Wrack der Ju 52 im Gebirge: Die Maschine der Ju-Air schlug im Kanton Garubünden südwestlich des Piz Segnas auf.
© Handout / Police Cantonale des Grisons / AFP
Mehrmals war die Veröffentlichung des Abschlussberichts der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle verschoben worden. Jetzt liegt die ausführliche Analyse des Unglücks mit 20 Toten vor. Ein animiertes Video rekonstruiert die letzten Flugminuten.

Das Unglück ereignete sich an einem Sommertag Anfang August 2018. Auf dem Flug von Locarno im Kanton Tessin zum Flughafen Dübendorf bei Zürich stürzte eine Ju 52 der Ju-Air kurz vor dem Überfliegen eines Bergkammes senkrecht in den Boden eines 2500 Meter hohen Talkessels. Alle 20 Menschen kamen ums Leben.

Lange Zeit war unklar, warum das historische Flugzeug, das liebevoll auch "Tante Ju" genannt wird, bei besten Wetterverhältnissen abgestürzte. Sollte ein Materialfehler bei dem fast 80 Jahren alten Luftfahrzeug die Ursache gewesen sein?

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Nach fast zweieinhalb Jahren hat am Donnerstag die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) den mit Spannung erwarteten Schlussbericht unter der Nummer 2370 vorgelegt. In dem 83-seitigen Papier heißt es unter anderem, dass die Piloten "das Flugzeug mit einer Geschwindigkeit, die für den gewählten Flugweg zu tief lag und damit gefährlich war", führten.

Weiter heißt es: "Die Flugbesatzung wählte einen hochriskanten Flugweg, der aufgrund der geringen Flughöhe über dem Gelände und des fehlenden Drehraums keine Auswege oder Korrekturmöglichkeiten bei Fehlern, Störungen und Wettereinflüssen bot."

Noch vor Erreichen des Segnespasses durchflog das dreimotorige Flugzeug erst ein Aufwind- und kurz darauf ein Abwindfeld, wodurch es zu einem Strömungsabriss (stall) kam. Die Ju 52 verlor an Auftrieb und die Cockpit-Crew die Kontrolle über ihre Maschine.

Fotogrammetrisch rekonstruierter Flugweg der HB-HOT vom 4. August 2018 (rot) zwischen dem Punkt F8 und der Unfallstelle (F19) mit dem Piz Segnas im Hintergrund, dargestellt in Google Earth. Das Flugzeug wurde zur Verbesserung der Erkennbarkeit um den Faktor 2.5 vergrössert.
Fotogrammetrisch rekonstruierter Flugweg der HB-HOT vom 4. August 2018 (rot) zwischen dem Punkt F8 und der Unfallstelle (F19) mit dem Piz Segnas im Hintergrund, dargestellt in Google Earth. Das Flugzeug wurde zur Verbesserung der Erkennbarkeit um den Faktor 2.5 vergrössert.
© Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle/Google Earth

"Wie Videoaufnahmen aus dem Flugzeug belegen, traten auf der nun zunehmend steiler werdenden Flugbahn niederfrequente Schwingungen (buffeting) des Flugzeuges auf, was auf ein erneutes Abreißen der Strömung an der Tragfläche oder am Höhenleitwerk hindeutet."

Analyse ohne Black Boxes

Da der Flug-Oldtimer mit der Kennung HB-HOT keine Aufzeichnungsgeräte, die Black Boxes, an Bord hatte, war das Untersuchungsteam auf Zeugenaussagen, Fotos- und Videoaufnahmen von Wanderern und auf die geborgenen Speicherchips in den Kameras der Insassen angewiesen, um den genauen Hergang zu rekonstruieren.

Bei ihren Recherchen stellten die Mitarbeiter der Flugunfalluntersuchung weitere Sicherheitsdefizite nicht nur bei den 63 und 62 Jahren alten Flugkapitänen fest, die über jeweils 30 Jahre Flugerfahrung verfügten. Die Flugbesatzung sei gewohnt gewesen, "anerkannte Regeln für einen sicheren Flugbetrieb nicht einzuhalten und hohe Risiken einzugehen."

Auch die Crews der anderen historischen Flugzeuge der Ju-Air gingen über Jahre mehrfach Flugrisiken ein, ohne dass es der Betreiberin – der Ju-Air, einem Verein von Flugenthusiasten – oder der Aussichtsbehörde, dem Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl), aufgefallen war.

So mündet der Abschlussbericht in einem Paket von Sicherheitsempfehlungen und -hinweisen, um zukünftige Unglücke zu vermeiden. "Das Flugbetriebsunternehmen sollte mit seinen Flugbesatzungen gezielte Nachschulungen bezüglich Disziplin, Einhalten von Regeln und insbesondere des sicheren Fliegens im Gebirge und der Anwendung elementarer fliegerischer Grundsätze durchführen", heißt es am Ende.

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Mehrere Maßnahmen zur Verbesserung der Flugsicherheit wurden bereits umgesetzt. Bereits im November 2018 hatte das Bundesamt für Zivilluftfahrt durch eine Verfügung die Lufttüchtigkeitszeugnisse der Schwesterflugzeuge HB-HOP und HB-HOS der Ju-Air entzogen.

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