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Piraterie: Das Folterschiff – Protokoll einer Entführung

Ein Frachter mit 22 Mann Besatzung. Ein Trupp Piraten, die nichts zu verlieren haben. Ein schier endloser Nervenkrieg ...

Frachter "Marida Marguerite" – Protokoll einer dramatischen Entführung

Der Frachter "Marida Marguerite" wurde Schauplatz einer brutalen Kaperung. Ali Jama (l.), Chefverhandler der Piraten, wurde verhaftet

Diese Kälte, diese eisige Kälte. Minus 17 Grad. Wenn ein Mensch erfriert, dann stirbt er langsam von außen nach innen. Erst Finger und Zehen, dann Arme, Beine, der Körper wird steif und taub. Die Nervenbahnen im Gehirn funktionieren nur noch verzögert. Man verliert die Fähigkeit, sich willentlich zu bewegen. Langsam erlischt auch das Bewusstsein. Aber das Herz arbeitet noch. Schlägt drei Mal in der Minute, zwei Mal. Der Atem wird flacher. Bis dann alles vorbei ist.

Wollen sie wirklich, dass er hier im Kühlraum des Schiffes verreckt?

Warum kaufen ihn die Deutschen nicht frei?

Der 8. Mai 2010 ist ein elend heißer Tag, schon am frühen Morgen 30 Grad und nur leichter Wind. Von der Brücke aus haben die Seeleute freie Sicht auf den Horizont.

Sie steuern die "Marida Marguerite" in den Golf von Aden, in diesen Trichter, der so vielen Seeleuten in den Wochen zuvor zur Falle wurde. Noch sind sie mehr als 300 Seemeilen von der nordöstlichen Spitze Somalias entfernt. Noch fühlen sie sich sicher, so weit draußen auf dem Meer. Für den Abend sind sie zu einem Konvoi angemeldet. Militärschiffe werden sie durch die gefährlichste Passage leiten. Ein paar Stunden noch.

Oleg Dereglazov telefoniert zur Mittagszeit mit seiner Frau in der Ukraine. Er erzählt nichts von seiner Sorge, ob sie es sicher durch den Golf schaffen werden. Es würde ihr und der Tochter nur den Schlaf rauben, zu Hause, viele Tausend Kilometer entfernt. Seit 13 Jahren ist er Chefingenieur, der wichtigste Mann nach dem Kapitän, man nennt ihn Chief. Die meisten der 22 Seeleute sind junge Männer aus Indien, zwei kommen aus Bangladesch. Sie haben glatte Gesichter. Bei Oleg haben die Jahre auf See Furchen hinterlassen. Man könnte ihn leicht für ruppig halten, den schlanken Mann mit dem angegrauten, welligen Haar, weil er immer schonungslos sagt, was er denkt. Doch er ist einer, dem die Gemeinschaft wichtig ist. Er findet, dass jedes Schiff wie ein kleiner Planet sein muss. Alles, was die Menschen brauchen, sollten sie dort finden, Heimat und Schutz. Auch wenn es, wie dieses Mal, nur für die drei Wochen gilt, in denen sie Speiseöl und Flugzeugbenzin im Bauch des Tankers von Indien nach Antwerpen bringen. An Bord sei alles in Ordnung, sagt er seiner Frau. Dann legt er auf.


Minuten später hört er, wie einer der Männer auf der Brücke nach Hilfe ruft. Oleg eilt zu ihm. Sie starren auf den Radar. Etwas Kleines nähert sich mit hoher Geschwindigkeit. Es kommt von hinten und ist fast doppelt so schnell wie die "Marida". Es muss ein wendiges Motorboot sein, vielleicht ein Skiff. Auf ihnen streifen Piraten Tag und Nacht über die See und suchen nach Handelsschiffen. Das Boot ist nur zehn Seemeilen von der "Marida" entfernt. In etwa einer Stunde wird es sie einholen. Oleg ruft den Kapitän. Mahadeo Makane, auch er ein Inder, eilt auf die Brücke, setzt den Notruf ab: Mayday, Mayday, Mayday! Dann schnappt er sich das Satellitentelefon und wählt eine deutsche Handynummer.

Reederei

Tarun Pal* ist der Sicherheitsoffizier der kleinen niedersächsischen Reederei OMCI, der die "Marida Marguerite" gehört. Er ist ebenfalls Inder, fuhr viele Jahre als Kapitän um die Welt. Er inspiziert in Amsterdam gerade eines seiner Schiffe, als sein Handy klingelt. Er hört den Kapitän auf Hindi schreien: "Sie sind gleich hier, sie sind gleich hier!" Im Hintergrund Hilferufe der Crew.

Tarun ruft die Notfallnummer einer Marine-Taskforce an, die bei einem Piratenangriff Militärschiffe in dem Seegebiet verständigt. Doch keines ist nahe genug. Der Mann von der Taskforce fragt Tarun, wo sich die Crew aufhält. "Auf der Brücke", antwortet Tarun.

"Es gibt keinen Sicherheitsraum?"

"Nein."

Anders als andere Schiffe hat die "Marida" keine Kammer mit gepanzerten Wänden und einer schusssicheren Tür, in die sich die Mannschaft zurückziehen könnte, bis Hilfe kommt. Die Crew ist auch nicht bewaffnet. An Bord wachen auch keine Söldner. In der Reederei hatte man so weit draußen auf dem Meer nicht mit einem Angriff gerechnet. Tarun rennt zu seinem Auto. Er rast nach Haren westlich von Bremen, ins Emsland, zum Firmensitz von OMCI, einem Backsteinbau mit weiß gerahmten Fenstern.

"Marida"

"Wie viele Männer?", schreit der Kapitän. "Sechs", antworten gleich mehrere aus der Crew. "Sie sind bewaffnet!" Als der Kapitän in sein Fernglas blickt, sieht er, wie schnell sie nahe gekommen sind. Er kann einem Piraten direkt ins Gesicht schauen. Er sieht ihn lächeln.

Die Piraten docken in der Mitte der "Marida" an, haken ihre Enterleiter ein, klettern schnell bis nach oben an die Reling, es sind nur knapp drei Meter, so tief liegt das voll beladene Schiff im Wasser. Sie werfen eine Decke über den Stacheldraht, den die Crew zum Schutz aufgezogen hat. Klettern in Badelatschen darüber. Sechs Piraten springen an Bord. Jeder eine Kalaschnikow in den Händen. Sie schießen in die Luft. Sie schlagen gegen die Türen zur Brücke. Aus Angst, erschossen zu werden, öffnet der Kapitän, die Piraten scheuchen ihn und seine Seeleute in die Ecke, pferchen sie auf dem Boden zusammen. In diesen Minuten rattern die Rotorblätter eines französischen Militärhubschraubers über der "Marida". Er kommt zu spät.

Die "Marida Marguerite" ist mit ihren fast 130 Meter Länge ein eher kleiner Tanker auf den Weltmeeren

Die "Marida Marguerite" ist mit ihren fast 130 Meter Länge ein eher kleiner Tanker auf den Weltmeeren

"Wer ist der Kapitän?", ruft der Chef der Piraten, er nennt sich Lukas. Mahadeo Makane tritt vor, ein erfahrener Seemann von fast 52 Jahren, mit stämmiger Statur, grauem Haar und dicker Uhr. "Ich", sagt er ängstlich. "Was ist geladen? Wer ist der Besitzer? Deutsch?", herrscht Lukas ihn an. Als die Piraten das Nicken sehen, jubeln sie.

"Los! Fahr nach Somalia, an die Küste", befiehlt Lukas. "Ich bin jetzt der Kapitän." Er ist der einzige der sechs Piraten, der ein bisschen Englisch spricht. Ein anderer zieht ein mobiles GPS-Gerät hervor, tippt das neue Ziel ein. Als die Sonne untergeht, nimmt die "Marida" Kurs auf Somalia.

Reederei

Tarun hat sich mit anderen Managern auf der Chefetage der Reederei versammelt. Es ist Samstagnachmittag, die wichtigsten Leute sind aus dem Wochenende herbeigeeilt. Sie starren entsetzt auf ihr Ortungssystem, die "Marida" ändert den Kurs. Es ist das erste Mal, dass eines ihrer Schiffe gekapert wird. Entführungen sind eines der größten Probleme ihrer Branche geworden. OMCI hat deswegen eine Versicherung für "Kidnapping und Ransom" abgeschlossen, Entführung und Lösegeld. Sie haben sich für eine Deckungssumme von fünf Millionen Dollar entschieden. Die Versicherung hat gleich einen Auftrag an eine der weltweit führenden Beratungsgesellschaften für Risikofragen erteilt. Die Londoner Firma "Control Risks" hilft im Fall von Schutzgelderpressungen, Bombendrohungen oder Geiselnahmen. Zwei Berater fliegen nach Deutschland.

Sie entscheiden, dass Tarun die Anrufe führen soll. Die Piraten sollen nicht merken, dass professionelle Verhandler eingeschaltet sind. Außerdem ist er nur ein Mitarbeiter der Firma. Er kann also immer sagen, dass er neue Summen erst mit seinem Chef absprechen muss. Er spricht Hindi, was der Reederei ermöglichen könnte, dem Kapitän unbemerkt Informationen weiterzugeben. Und er war selbst einmal Kapitän, einige aus der Crew kennen ihn. Aber wird Tarun dem Druck standhalten?

An Bord der "Marida Marguerite" arbeiten 22 Seeleute, unter ihnen der ukrainische Chefingenieur Oleg Dereglazov

An Bord der "Marida Marguerite" arbeiten 22 Seeleute, unter ihnen der ukrainische Chefingenieur Oleg Dereglazov

Er ist nervös. Aber auch mutig und pflichtbewusst genug, um den Job zu übernehmen. Das niedersächsische Landeskriminalamt richtet unter dem Stichwort "Piratenhotline" eine Überwachung für sein Handy ein und eröffnet ein Ermittlungsverfahren wegen erpresserischen Menschenraubs. Mehr können die Beamten nicht tun. Denn die somalische Küste ist nicht ihr Hoheitsgebiet und Somalia kein funktionierender Staat, mit dem man zusammenarbeiten könnte. Und die Seeleute sind keine deutschen Staatsbürger, denen zu helfen sie verpflichtet wären. Die Crew und die Reederei sind auf sich allein gestellt. In Haren machen sie aus dem Konferenzraum der Geschäftsführung ein Lagezentrum, dort sitzen sie und warten auf den ersten Anruf.

"Marida"

Immer wieder erreichen Skiffs den Frachter und bringen mehr Piraten. Viele tragen Uniform, einige Badelatschen und Shorts, die meisten haben kaum Zähne im Mund, obwohl sie jung sind. Zu Dutzenden stehen sie auf den Decks, kauen auf den Blättern der Kath-Pflanze, die entspannend und berauschend wirken. Und sie sind bester Laune.

Nach drei Tagen, am 11. Mai, hat die "Marida" das Ziel erreicht: Garacad in der Region Puntland. Die Stadt der Piraten. 150 Häuser auf einem staubigen Streifen Land gleich hinter der Küste. Wer von dort als Pirat in See sticht, weiß vorher, wie hoch der eigene Anteil sein wird. Er kennt seine Quote des Lösegeldes, sein "Sami", wie sie es nennen. Es ist ein arbeitsteiliges Geschäft: Es gibt jene, die mit den Skiffs aufs Meer fahren und Ausschau nach Zielen halten. Und Wachleute, die erst dazustoßen, wenn das Schiff schon gekapert ist. Außerdem Köche, Boten, sogar einen Friseur. Je wichtiger die Position, desto größer der Sami. Das Geschäft ist lukrativ. Junge Männer bauen in der Gegend plötzlich Häuser und fahren schöne Autos. Tiefer im Hinterland sitzen die Investoren. Sie strecken das Geld für Boote, Proviant und Waffen vor.

Die Regionalregierung von Puntland ist so ohnmächtig wie jegliche Staatsgewalt im bitterarmen Somalia, wo sich nach mehr als 20 Jahren Bürgerkrieg diverse Clans und islamistische Milizen bekämpfen und die Menschen hungern.

(1) Die "Marida" steuert vor der Küste Omans in den Golf von Aden, als die Piraten das Schiff entern. So weit vom afrikanischen Kontinent entfernt hat man nicht mit einem Angriff gerechnet. (2) Nur ein paar Stunden später wäre die "Marida" in Sicherheit gewesen, denn sie war für einen Konvoi durch den gefährlichen Transitkorridor angemeldet. (3) Stattdessen navigieren die Piraten das Schiff vor die somalische Küste nahe der Stadt Garacad, in der die Seeräuber sich niedergelassen haben. (4) Um den Druck auf die Reederei zu erhöhen, steuern die Piraten das Schiff nach Süden zur Stadt Hobyo, nahe an das von der Terrorgruppe Al-Shabaab beherrschte Gebiet

(1) Die "Marida" steuert vor der Küste Omans in den Golf von Aden, als die Piraten das Schiff entern. So weit vom afrikanischen Kontinent entfernt hat man nicht mit einem Angriff gerechnet. (2) Nur ein paar Stunden später wäre die "Marida" in Sicherheit gewesen, denn sie war für einen Konvoi durch den gefährlichen Transitkorridor angemeldet. (3) Stattdessen navigieren die Piraten das Schiff vor die somalische Küste nahe der Stadt Garacad, in der die Seeräuber sich niedergelassen haben. (4) Um den Druck auf die Reederei zu erhöhen, steuern die Piraten das Schiff nach Süden zur Stadt Hobyo, nahe an das von der Terrorgruppe Al-Shabaab beherrschte Gebiet

Die Piraten sagen, dass sie nicht mehr vom Fischen leben können, weil ausländische Flotten ihnen die Bestände wegfangen und vor ihren Küsten der Giftmüll der reichen Länder verklappt wird. Die Piraterie hat in diesen Jahren rasant zugenommen. Mehr als 200 Schiffe wurden 2009 von somalischen Piraten überfallen.

Als die "Marida Marguerite" ankert, tragen die Piraten eine Ziege an Bord. Sie schlachten das Tier und feiern. Dass sie ausgerechnet dieses Schiff haben. Voll beladen. Von einer deutschen Reederei. Sie nennen sie nicht "Marida Marguerite", sondern "German ship".

Reederei

Die Berater üben mit Tarun. Sei freundlich zu den Piraten, sagen sie ihm. Sei locker, provoziere nicht, beende jeden Anruf mit einer Abmachung, zum Beispiel einem neuen Termin.

Tarun fragt sich, was passiert, wenn die Reederei nicht genug Geld aufbringt. Sie können den Preis nur erahnen. Durchschnittlich waren es in den vergangenen Monaten knapp drei Millionen Dollar Lösegeld pro Schiff, sagen die Berater. Und gewöhnlich dauert es drei bis vier Monate, bis man sich geeinigt hat. Man darf nicht einfach zahlen, was sie fordern, erklären die Berater. Zahlt man zu schnell, fordern sie nach. Das Verhandeln gehört dazu.

Vielleicht reichen ja drei Millionen Dollar. Mehr als fünf Millionen wären ein Problem. Das überstiege die Versicherungssumme, und die kleine Reederei besitzt das Geld nicht. Das Schiff ist ein eigener Betrieb, der einem Fonds von ein paar Dutzend Privatanlegern gehört. Die "Marida" ist zwar nicht besonders groß, aber deutsche Schiffe sind wertvoll. Benzin und Speiseöl sind wertvoll. Und bald kommt der Monsun. Die See wird zu rau, um weitere Schiffe zu überfallen. Also haben die Piraten in den nächsten Monaten keinen Zeitdruck.

Im Lagezentrum in Haren warten sie. Warum rufen die Piraten nicht an? Ist der Crew etwas passiert?

"Marida"

Oleg kauert nun schon seit Tagen auf dem Linoleumboden in der Ecke der Brücke, inmitten der anderen Seeleute. Er trägt immer noch seinen orangefarbenen Arbeitsoverall. Durch die Fenster kann er die anderen Schiffe sehen, die um sie herum ankern. Alle entführt. Er zählt sie. 16 Stück. Öltanker, Autofrachter, große Fischtrawler. Griechische, türkische, chinesische Schiffe. Sie sind gefangen in einem Piratennest.

Irgendwann drückt ein Pirat Oleg das Satellitentelefon in die Hand. "Hier, rede mit ihm!" Ein Mann ist dran, er spricht Englisch. Er heiße Ali Jama, sagt er, er werde bald aufs Schiff kommen und sich um die Verhandlungen kümmern. Eine Woche später ist er da.

Der Chefverhandler der Piraten nennt sich Ali Jama. Die meiste Zeit liegt er in einer Seemannskabine, er schaut gern Pornos auf dem Laptop eines Seemanns. Das Foto hat er selbst geschossen, wahrscheinlich aktivierte er aus Versehen die Laptopkamera

Der Chefverhandler der Piraten nennt sich Ali Jama. Die meiste Zeit liegt er in einer Seemannskabine, er schaut gern Pornos auf dem Laptop eines Seemanns. Das Foto hat er selbst geschossen, wahrscheinlich aktivierte er aus Versehen die Laptopkamera

Als Erstes hält er vor versammelter Crew eine Ansprache. Er komme von einer NGO, einer Nichtregierungsorganisation. Er werde vermitteln. "Ich weiß", sagt er den Matrosen, "ihr habt Menschenrechte. Die sind mir wichtig." Manche glauben ihm. Oleg ist skeptisch. Warum nennt er nicht den Namen seiner Organisation? Er trägt nicht einmal ein T-Shirt mit Logo.

Ali ist nicht besonders groß, 1,70 Meter vielleicht, hat einen hellgrauen Bart, einen kleinen Bauch, braun verfärbte Zähne, mehrere Goldfüllungen. Im Englischen kommt er öfter ins Stammeln. Er sagt, er habe im Ausland gelebt, einen Bachelor in Psychologie absolviert, für die US-Botschaft in Saudi-Arabien gearbeitet, seine Tochter studiere in Indien. Wenn andere Piraten nicht seiner Meinung sind, herrscht er sie an: "Sprich nicht so mit mir, ich bin gebildet!" Er genießt seine Macht, bezieht die Kabine des nautischen Offiziers, sie ist komfortabel. Er nimmt sich einen Laptop. Schaut Pornos.

Und er fragt den Kapitän, wie viel das Schiff wert sei, die Fracht, die Reederei. Das wisse er nicht, antwortet der Kapitän. Oleg beobachtet, wie Ali ein paar Zahlen nuschelt und im Kopf überschlägt. Er diskutiert mit den anderen Piraten auf Somali, das ein wenig so klingt wie Arabisch. Dann lässt er sich das Satellitentelefon bringen. Er wählt die Nummer des Notruftelefons der Reederei.

10. Tag

Anruf von der "Marida"* *

Tarun: Hallo?

Ali: Hallo, ja. Ich rufe von der "Marida Marguerite" an.

Tarun: Hallo, Sir. Ich heiße Tarun.

Ali: Ich weiß Ihren Namen. Sie heißen Tarun. Ich bin der Vermittler zwischen den Entführern und Ihrer Crew, okay?

Tarun: Oh, ja. Darf ich Ihren Namen wissen?

Ali: Ich heiße Ali Jama.

Tarun: Ali? A. L. I. Okay, ich nenn Sie Ali, ja?

Ali: Yeah. Klar. Mister Tarun, lassen Sie mich zuerst etwas sehr Gutes erzählen, okay?

Tarun: Ja.

Ali: Ich rufe in einer Situation an, in der das Leben der Crew bedroht wird. Aber ich bin kein Pirat. Ich arbeite für eine lokale NGO. Eine Menschenrechts-NGO in diesem Gebiet. Und ich habe zugestimmt, diesen Job zu übernehmen, weil ich nicht will, dass diese Tiere Ihre Crew umbringen, okay? Viele der Piraten sind ungebildete Jungs. Sie sind nicht politisch oder religiös motiviert.

Tarun: Okay.

Ali: Sie wollen nur Geld. Und sie würden jeden umbringen und riskieren, selbst zu sterben, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Das soll ich Ihnen sagen. Das ist nicht meine eigene Meinung.

An diesem Seil hängen die Piraten den Chefingenieur auf. Sie fesseln ihm die Hände hinter dem Rücken, ziehen ihn daran hoch. Er kugelt sich fast die Schultern aus, erleidet unvorstellbare Schmerzen

An diesem Seil hängen die Piraten den Chefingenieur auf. Sie fesseln ihm die Hände hinter dem Rücken, ziehen ihn daran hoch. Er kugelt sich fast die Schultern aus, erleidet unvorstellbare Schmerzen

Tarun: Verstanden. Ich hoffe wie Sie, dass wir die Situation lösen können.

Ali: Okay. Und wann reden wir wieder?

Tarun: Morgen zur gleichen Zeit.

Ali: Ja.

Tarun: Okay. Vielen Dank für den Anruf. Bye.

11. Tag

Anruf von der "Marida"

Tarun: Hallo, Mister Ali.

Ali: Der Kommandeur der Piraten hat mit seinen Jungs wegen des Lösegelds gesprochen. Und sie fordern ... sie fordern 15 Millionen.

Tarun: Sorry, wie viel?

Ali: Sie verlangen 15 Millionen.

Tarun: Äh, noch einmal ... Haben Sie 15 Millionen gesagt?

Ali: Ja, das haben sie gesagt.

Tarun: Millionen?

Ali: Und sie haben mich gebeten, Ihnen diese Nachricht zu überbringen: Wenn sie nicht bekommen, was sie verlangen, sagt der Kommandeur, werden fürchterliche Dinge passieren. Es wäre für die Piraten eine Leichtigkeit, die ganze unschuldige Crew zu töten und dieses fucking Schiff in die Luft zu jagen. Das haben sie gesagt. Nicht ich, das ist nicht meine Sprache.

Tarun: Versteh ich. Aber Mister Ali. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Das ist unglaublich. Ich meine, wow, 15 Millionen!

Ali: Tarun, wir finden gemeinsam eine Lösung. Wenn unsere beiden Hirne zusammenarbeiten ... Zwei sind besser als eines.

Tarun: Klar. Ich rede mit den Besitzern. Aber könnten Sie mir ein Fax aus dem Schiffsbüro schicken? Die Eigentümer werden es mir nicht glauben, wenn ich ihnen diesen Betrag nenne. "Nein, Tarun, du verarschst uns!", werden sie sagen. Ali, bitte sprechen Sie noch mal mit dem Kommandeur. Sie wissen, dass die Schiffsbranche im Moment nicht gut in Form ist und kaum Geld verdient. (Lacht.)

Ali: Davon weiß ich nichts. Ich schicke das Fax.

Tarun: Können wir wieder mittags sprechen? Wenn Sie mich am Abend anrufen, bringt mich meine Familie um, wissen Sie?

Ali: (lacht) Okay, okay. Das will ich nicht.

Sie schicken Faxe hin und her. Die Reederei schreibt, dass sie ein vernünftiges Angebot brauchten, sonst könne man nicht anfangen mit dem Verhandeln. Ali antwortet, dass er solche Faxe den Piratenchefs gar nicht zeigen werde, weil er sich damit nur deren Zorn zuziehe. Die Reederei solle sich etwas überlegen. So vergeht eine Woche.

18. Tag

Anruf der Reederei auf der "Marida"

Ali: Ja.

Tarun: Hallo, Mister Ali, wie geht es Ihnen? Ich bin es, Tarun.

Wir haben daran gearbeitet, Bares aufzutreiben, und die Eigentümer haben mir vor einer Stunde gesagt, dass sie erfolgreich waren. Sie haben eine, wie ich finde, ziemlich große Summe.

Ali: Mmmh.

Tarun: Sie haben mir gesagt, dass sie 812.500 Dollar haben.

Ali: (reagiert emotionslos) Können Sie mir das per Fax senden, damit ich es dem Kommandanten zeigen kann?

Mit dem Kabelbinder schnüren die Piraten die Genitalien mehrerer Seeleute ab

Mit dem Kabelbinder schnüren die Piraten die Genitalien mehrerer Seeleute ab

Tarun: Ja, ja, okay. Aber das ist bombastisch, nicht? Das müssen gute Nachrichten für Sie sein, nicht? Ich bin sicher, heute ist Party-Time auf dem Schiff. (Er lacht.) Ich weiß nicht, wie die das geschafft haben, so viel Geld zu organisieren. Wir können es direkt liefern.

Ali: Ich werde es weiterleiten. Bitte schicken Sie mir das Fax.

Reederei

Tarun ist erschöpft. Er findet keinen Schlaf. In Wahrheit hat er keine Familie, nur seinen Job. Aber nun klingelt immer und überall das Telefon, auf der Autobahn, im Restaurant, wo er abends schnell seinen Hunger stillt, zu Hause im Bett. Sobald es klingelt, rast sein Herz.

Die Berater von "Control Risks" sind mit seiner Arbeit zufrieden. Und in Ali sehen sie einen leichten Gegner. Wie zittrig seine Stimme beim ersten Anruf geklungen hat. Wie schlecht er Englisch spricht. Er wirkt völlig unerfahren. Es überrascht niemanden in der Reederei, dass die Piraten ausrichten lassen, dass die angebotenen 812.500 Dollar "nur Hühnerfutter" seien. Das war nur ihr erster Zug.

"Marida"

Die Piraten richten sich an Bord ein. Jeden Tag liefern Skiffs neues Kath. Ali darf sich immer als einer der Ersten die besten Blätter aussuchen. Die anderen streiten um den Rest. Sie arbeiten in Schichten, wer frei hat, gönnt sich Pausen an Land, während andere Wache schieben. Jede Woche kommen neue Lebensmittel: Reis, Pasta, Pepsi, Tee, Zigaretten, Ziegen, Hühnchen.

Ali wird dick und dicker. Die Seeleute nennen ihn Thunfisch. Er geht nur noch sporadisch ans Telefon, manchmal klingelt es fünfmal am Tag, und er ignoriert es. Er schläft viel.

Die Crew bekommt kaum etwas zu essen. Der Reis, den die Piraten von Land bringen, stinkt. Die Seeleute vertragen ihn nicht. Die meisten von ihnen haben die Piraten inzwischen in die Kabinen gepfercht. Die Hitze steht in den Räumen, die Seeleute sind mit ihrer Angst allein. Es gibt keine Beschäftigung, manche führen heimlich Tagebuch, aber was sollen sie schreiben? Sie hoffen, dass ihr Leben verschont bleibt. Mit Sturmgewehren wachen die Piraten auf den Gängen. Nur die Techniker dürfen die Kabinen zu ihren Schichten im Maschinenraum verlassen. Die anderen kommen über Wochen nicht an die frische Luft. Oleg hat ihnen Mut zugesprochen. "Das hier dauert nicht nur ein paar Tage. Vielleicht dauert es Monate. Wir sind im Krieg, und so müssen wir uns auch verhalten. Wir müssen siegen!"

Reederei

Tarun ist verzweifelt, weil Ali tagelang nicht ans Telefon geht. Es scheint, als hätten die Piraten kein Interesse an schnellen Verhandlungen. Ende Juni, sechs Wochen nach Verhandlungsbeginn, fordern die Piraten 12 Millionen Dollar, die Reederei bietet 2,08 Millionen. Als Tarun endlich Ali in der Leitung hat, fragt er, warum er nicht zu erreichen war. Keine Ahnung, sagt der, das Telefon habe wohl nicht funktioniert.

"Marida"

Über sein Handy verfolgt Ali die neuesten Nachrichten über Schiffsentführungen. Wer freigekommen ist. Wie viel bezahlt wurde. Die Verhandler auf den anderen Schiffen sind erfahrener als er. Ali überlegt, wie er den Druck auf die Reederei erhöhen kann. Er geht für ein paar Tage an Land. Und recherchiert im Internet. Er glaubt jetzt zu wissen, wem die Reederei der "Marida" gehört: einem reichen Griechen, Giorgios Iconomou, einem Tycoon der Seefahrt. Tatsächlich hält Iconomou nur Anteile an einer Tochterfirma der Reederei. Doch die Piraten sind nun sicher, dass die Reederei sie belügt. Sie sind gereizt.

Sie befehlen Oleg, aus der Aufbereitungsanlage, mit der das Meerwasser trinkbar gemacht wird, Frischwasser für andere Piraten abzupumpen. Oleg weigert sich. Er sagt, die Anlage schaffe nicht genug. Es reiche gerade so für die "Marida". Ali glaubt ihm nicht.

Mehr als acht Monate verbringt die Crew in Gefangenschaft. Zu Beginn pferchen die Piraten die Seeleute auf dem Boden der Brücke zusammen, zeitweise sperren sie die meisten Männer in die Kabinen. Nur die Führungsoffiziere behalten sie bei sich

Mehr als acht Monate verbringt die Crew in Gefangenschaft. Zu Beginn pferchen die Piraten die Seeleute auf dem Boden der Brücke zusammen, zeitweise sperren sie die meisten Männer in die Kabinen. Nur die Führungsoffiziere behalten sie bei sich

Unter seinen Augen zerren die Piraten Oleg auf die Steuerbordseite, den Kapitän nach Backbord. Sie fesseln Olegs Hände hinter seinem Rücken, verbinden ihm die Augen. Mit einem Seil ziehen sie ihn an den Händen hoch, so dass sein Körper an den verdrehten Armen hängt. Oleg stöhnt vor Schmerz. Sie lassen ihn einfach hängen. Eine Minute. Zwei. Fünf. Zehn. Die Schmerzen rauben ihm das Zeitgefühl.

Plötzlich hört er Schüsse von der anderen Seite des Decks. Der Kapitän! Er hat gehört, wie sie drohten, ihn zu schlachten. Haben sie ihn erschossen? Irgendwann bringen sie Oleg zurück auf die Brücke. Aber wo ist der Kapitän?

Einen Tag bleibt er verschwunden. Dann führen ihn die Piraten wieder zurück auf die Brücke, in die Ecke, wo Oleg wartet. Sie hätten nur ein paar Zentimeter an seinem Kopf vorbeigeschossen, sagt der Kapitän. "Chief, ich dachte, ich sterbe!"

64. Tag

Fax von der "Marida"

"Für Herrn Tarun/OMCI

Es sind mehr als 2 Monate vergangen. Wir sind nur am Leben, ohne Hoffnung, zu überleben. Es gibt praktisch kein Frischwasser mehr, nur einen halben Liter zum Trinken jeden Tag. Und das ist auch bald aus. Bald wird es ein Totenschiff sein. Wie können wir auf einem Totenschiff bleiben? ... Bitte bestätigen Sie uns, dass Sie dieses Fax erhalten haben, und teilen Sie uns mit, ob wir uns Hoffnung machen können zu überleben oder nicht.

Chefingenieur Oleg Dereglazov und Kapitän Mahadeo Makane"

Reederei

Das Fax kann man ignorieren, sagen die Berater im Lagezentrum. So etwas diktieren ihnen die Piraten.

Doch plötzlich bewegt sich die "Marida". Im Lagezentrum starren sie auf die Monitore. Das Signal verschiebt sich nach Süden. Es ist der 4. August, fast drei Monate sind vergangen. Wohin fahren sie? Gerade hieß es noch, sie hätten kaum Treibstoff. Was ist da los?

Tarun hat Anrufe indischer Familien bekommen. Verzweifelte Mütter und Väter, die flehten und schimpften. Rettet unseren Sohn! Warum zahlt ihr nicht? Ihr seid reich! Die Familien waren zuvor von ihren Söhnen angerufen worden. Hörten das Flehen. "Ihr müsst uns retten!" – "Wir haben nicht mehr viel Zeit." – "Sagt den Deutschen, dass sie endlich zahlen sollen!" Tarun hielt das Schreien und Weinen der Eltern kaum aus. Irgendwer musste seine Handynummer weitergegeben haben.

Er denkt an das, was einige der Familien sagten: Sie wollen unseren Sohn an die Terroristen verkaufen! Der Süden Somalias ist Shabaab-Land. Etwa 100 Seemeilen entfernt, nahe der Küstenstadt Hobyo, beginnt das Gebiet der islamisch-fundamentalistischen Terrorgruppe. Dahin steuert nun die "Marida".

90. Tag

Anruf von der "Marida"

Tarun: Hallo?

Unbekannter: Hallo? Mister Tarun? Ich bin Kommandant hier. Alles klar?

Tarun: Moment. Ich verstehe nicht, was Sie sagen.

(Der Pirat gibt den Hörer weiter.)

Kapitän Makane: Tarun, hier Kapitän Makane. Das könnte mein letzter Anruf sein. Die Crew wird brutal geschlagen. Die Hand des Chefingenieurs ist heftig gebrochen. Die Piraten haben das Schiff von Garacad nach Hobyo fahren lassen. Das ist auf dem Gebiet von Al-Shabaab. Die Piraten haben ein letztes 24-Stunden-Ultimatum ausgesprochen: Wenn die Reederei nicht etwas Substanzielles und Konkretes bietet, werden sie die Crew, alle unsere 22 Leben, und das Schiff an Al-Shabaab übergeben.

Tarun: Sagen Sie ihnen, wenn sie Geld wollen, müssen sie uns zuhören. Wo ist Ali?

Kapitän Makane: Sie haben ihn geschlagen. Er ist in seiner Kabine eingesperrt. Ich flehe Sie an ...

Tarun: Können Sie die andere Person ans Telefon holen?

Kapitän Makane: Okay, Sir.

Piratenkommandant: Hallo, Mister Tarun.

Tarun: Wie heißen Sie, bitte?

Piratenkommandant: Ich heiße Osman. Ich bin der Kommandant. Hör zu, mein Freund, du hast 24 Stunden. Wir brauchen das ganze Geld. 15 Millionen. Al-Shabaab, die Terroristen, verstehst du? Terroristen!

Drei Monate nach Ende der Entführung nehmen US-Polizisten Ali Jama in Gewahrsam und bringen ihn dann vor Gericht

Drei Monate nach Ende der Entführung nehmen US-Polizisten Ali Jama in Gewahrsam und bringen ihn dann vor Gericht

Tarun: Ja. Ja.

Piratenkommandant: Du musst ein Angebot machen, verstehst du?

Tarun: Okay, Mister Osman. Ich kann Ihnen ein Fax mit der finalen Zahl schicken. Wir hatten Ali zugesagt, dass wir zwei Millionen und 50.000 zahlen können. Ja?

(Der Hörer wird ständig weitergegeben, jetzt zurück an den Kapitän.)

Kapitän Makane: Machen Sie etwas! Schicken Sie ein Fax oder so etwas. Das Wichtigste ist, sie davon abzuhalten, uns zu übergeben.

Tarun: Okay, okay. Ich schicke ein Fax mit dem Betrag, den ich habe.

Kapitän Makane: Ich gebe Sie an den Chefingenieur weiter.

Chefingenieur Oleg: Hallo? Hallo?

Tarun: Hallo Chief. Wie geht es Ihnen?

Chefingenieur: Warum stellst du mir diese blöde Frage? "Wie geht es Ihnen?" Du, Tarun, du hast schon meinen Körper gebrochen. Was machst du überhaupt? Ich verspreche dir, ich komme in deine Albträume, wenn du nachts schläfst. Weil so, wie das hier gerade läuft, ist das Bullshit. Mein Job ist es, das Schiff technisch instand zu halten. Dein Job ist es zu reden. Du redest um mein Leben. Fuck off.

(Der Hörer wird aufgelegt.)

Tarun: Hallo?

Reederei

Tarun ist fertig mit den Nerven. Wurde die Crew wirklich gefoltert? Die Berater sagen: Folter? Extrem unwahrscheinlich. Kam bisher bei Entführungen kaum vor. Und was wird mit der "Marida" passieren, wenn jetzt auch noch Terroristen ins Spiel kommen? Wahrscheinlich werden sie Gesinnungsbrüder aus dem Gefängnis freipressen wollen.

Die Berater sagen: Al-Shabaab? Auch unwahrscheinlich. Nicht darauf eingehen.

91. Tag

Fax von der Crew der "Marida":

"Für OMCI, Eigentümer der 'Marida Marguerite'

Wir sind am 8. Mai entführt worden, und seitdem befinden wir uns in den Händen der Piraten ... Die Piraten sind sauer auf OMCI/Tarun, weil die Verhandlungen so langsam vorangehen ... Hiermit bitten wir verzweifelt, dass die OMCI den Piratenkommandanten sofort nach dem Erhalt des Faxes anruft, um ihn um eine Verlängerung des Ultimatums zu bitten.

Wir sehen uns gezwungen, Ihnen das zu schreiben, weil wir T. Pal rücksichtslos finden und er sich keine Sorgen um unser Leben macht. Bitte haben Sie Gnade mit uns."

"Marida"

Ali lächelt zufrieden, als das Fax gesendet ist. Er ist nirgendwo eingesperrt. Während der Anrufe hat er neben dem Kommandanten Osman gestanden. Osman ist ein Schlaks, der Größte unter den Piraten, er hat zwei Klumpfüße, einen seltsamen Gang, in der Crew nennen sie ihn deswegen Pinguin. Er hat keine Ahnung, wie man verhandelt. Also flüsterte Ali ihm und dem Kapitän die Worte ins Ohr, die sie sagen sollten. Und Ali lachte stumm über die hilflosen Antworten. Freute sich, dass Oleg aus Wut über die Reederei wirklich die Fassung verlor.

Natürlich wissen die Piraten, dass nichts dümmer wäre, als ein deutsches Schiff herzugeben.

Reederei

Im Lagezentrum beruhigen sie sich mit den Einschätzungen internationaler Beobachter: Al-Shabaab gilt als Gegner der Piraterie, weil die Scharia, nach der die Islamisten ihr Leben ausrichten, Raub verbietet. Zwar gibt es erste Berichte, wonach die Dschihadisten die Lösegelder der Piraten besteuern, sich also ihren Teil der Beute sichern. Aber noch kennt niemand einen Fall, in dem Al-Shabaab Piraten Geiseln abgekauft hätte. Sie einigen sich darauf, die Frist, die in wenigen Stunden ablaufen wird, verstreichen zu lassen.

Doch Tarun zweifelt. Er fragt sich: Bin ich das Problem? Ist das Fax wirklich ein Bluff? Wieso hat dann Oleg geschrien? Das war nicht gespielt. "Du redest um mein Leben", hat er gesagt. Oleg hat recht. Was wird aus ihm und seinem Leben, fragt sich Tarun, wenn es schiefgeht?

Die Monate ohne Schlaf haben ihn ausgezehrt. Er geht zu seinem Chef. "Ich komme an mein Limit", sagt er. Er will kündigen.

Die Reederei stimmt zu. Tarun darf raus.

Sie werden einen Nachfolger etablieren. Jörg Petersen.* Er soll ganz anders verhandeln.

Petersen sitzt eigentlich im Büro der Reederei in Mumbai und hat fast jede Wendung der Entführung mitbekommen. Er ist ein überaus kontrollierter Typ, um die 40. Seine Stimme ist tief und klar. Seine Sätze sind kurz. Er strahlt Souveränität aus. Und er weiß, wie die Crew tickt. Er hat die Männer ausgewählt und ihre Gehälter ausgezahlt. Bislang war es sein Job, die Mannschaft für große Schiffe zusammenzustellen.

Die Frist läuft ab. Im Lagezentrum sitzen sie vor dem Telefon. Nichts passiert. Das Warten zermürbt. Noch ist Tarun der Verhandler. Mehr als 30 Stunden nach Ablauf der Frist nimmt er all seinen Mut zusammen und den Hörer in die Hand.

92. Tag

Anruf der Reederei auf der "Marida" (rekonstruiert)

Pirat: Hallo?

Tarun: Ich kann Sie kaum verstehen. Können Sie Mister Ali oder den Kapitän ans Telefon holen?

Ali: Hey, mir geht es wieder okay.

Tarun: Hey, Mister Ali, Sie sind wieder da. Die Eigentümer werden nicht mehr bieten, wenn die Piraten ihre Forderung nicht reduzieren.

Ali: Okay, ich werde mit dem Kommandanten sprechen. Sie glauben mir nun. Meine Position ist nun besser als vorher.

Tarun: Okay, gut. Wir sprechen wieder.

Reederei

Tarun ist erleichtert. Von den Al-Shabaab-Terroristen war nicht mehr die Rede. Offenbar wirklich ein Bluff. Tarun übergibt allmählich an Petersen. Sie haben sich darauf geeinigt, dass er ihn noch einarbeitet. Die Berater wollen den neuen Verhandlungsführer "Mike" nennen. Du bist nun der harte Mike, sagen sie ihm. Tarun war nett. Aber du bist hart. Er sitzt neben Tarun, hört den Telefonaten zu, gewöhnt sich an die Stimmen und die Beträge.

Drei Tage nach der Al-Shabaab-Drohung folgt die nächste Forderung per Fax: 10,3 Millionen Dollar. Die Reederei bietet 2,535 Millionen. Die Piraten lehnen ab und wollen nun 10 Millionen.

Am 17. August ist es so weit. Mike übernimmt.

102. Tag

Anruf der Reederei auf der "Marida" (rekonstruiert)

Mike: Spreche ich mit Ali?

Ali: Ja.

Mike: Ich heiße Mike. Tarun hat die Firma verlassen. Er ist durchgedreht. Er konnte die Verhandlungen nicht mehr führen. Ich verhandle jetzt. Ich hoffe, dass wir schnell zu einer vernünftigen Lösung kommen.

Ali: Okay, ich freue mich, Ihre Stimme zu hören.

Mike: Wir sprechen wieder.

104. Tag

Anruf der Reederei auf der "Marida"

Mike: Hallo, hier ist Mike. Wer ist da?

Ali: Ja, Mike, ich bin's, Ali.

Mike: Die Forderung der Piraten ist immer noch viel zu hoch. Das ist lächerlich. Schauen Sie, wir haben schon versucht, alles Geld zusammenzukratzen, das wir haben. Aber es sind immer noch so viele Millionen Unterschied.

Ali: Wie viel bieten Sie?

Mike: Wir bieten, wie gesagt, 2,535 Millionen. Die kann ich in kurzer Zeit in ein Flugzeug legen und abwerfen. Mehr habe ich einfach nicht ...

(Die beiden reden durcheinander. Ihre Stimmen überschlagen sich. Mike wird laut.)

Mike: Hören Sie mir zu! Solange die Piraten nicht vernünftig werden, reden wir einfach nicht mehr über Geld. So lange rufe ich nur noch an, um zu erfahren, wie es der Crew geht. Und wir reden über das Wetter in Somalia, okay?

Ali: Ähm ... (Er zögert kurz.) Ja, das klingt sehr gut. Sehr gut.

Mike: Alles klar. Danke.

Reederei

Es sind nicht nur die scharfen Worte, die Mike wählt. Er spricht auch ganz anders als Tarun. Härter. Kälter. Als wäre er derjenige, der die Forderungen stellt. Als wäre er bereit, alles abzubrechen, das Schiff und die Männer zu opfern.

Damit hat Ali Jama nicht gerechnet. Er klingt ratlos.

Mike telefoniert jetzt nur alle drei, vier Tage mit ihm. Fragt ihn, wie das Wetter in Somalia ist. Wochen vergehen, am Schiffsrumpf sammeln sich Algen. Die Verhandlungen stehen still.

"Marida"

In diesen Tagen kommt manchmal ein älterer Mann an Bord. Die Seeleute schätzen ihn auf Mitte 50. Seine Haut ist etwas heller als die der anderen Piraten. Er humpelt an einem Metallstock und hustet viel. Er trägt ein weißes Gewand, hält eine Gebetskette in der freien Hand. Um seine dicke Hüfte hat er ein Seil gespannt, an dem ein Revolver hängt. Seine Augen sehen kalt aus. Oleg schaut gleich weg, als sich ihre Blicke treffen.

Der Mann spricht selten. Aber wenn er spricht, hören alle zu.

Ist er der Investor, der das Geld für Waffen, Skiffs und Proviant vorgestreckt hat? Neben ihm steht immer ein Mann mit einem dicken Buch, er schreibt auf, was der Alte ihm in die Einkaufsliste diktiert.

Ali und er kauen Kath. Der August ist schon fast um. Die Verhandlungen stocken, und Oleg hat ihnen gesagt, dass der Treibstoff zur Neige geht. Sie glauben ihm nicht. Und sie verdächtigen die Seeleute, irgendwo Satellitentelefone oder Handys versteckt zu haben. "Ihr ruft doch in Deutschland an und sagt, dass sie nicht zahlen sollen, ihr Schweine!"

Tief in einem Spalt am Steuerpult auf der Brücke finden sie ein Handy. Der alte Mann und Ali diskutieren auf Somali. Oleg, der Kapitän und die anderen verstehen ihre Worte nicht. Aber sie verstehen, was Ali dem Kapitän und Oleg danach verkündet: "Von nun an werden wir euch jeden Morgen um 6 Uhr und jeden Abend um 6 Uhr foltern!"

18 Uhr. Die Wachen fesseln Olegs Arme und Beine, verknoten alle Fesseln hinter seinem Rücken. Genauso fesseln sie den Kapitän, den zweiten Ingenieur und den Nautischen Offizier. Sie benutzen Kabelbinder, die in die Haut schneiden. Oleg und der Kapitän schreien, schwören, dass es keinen versteckten Treibstoff gibt. Die Piraten ziehen die Kabelbinder enger. Der Nautische Offizier weint, der Kapitän schreit Ali hysterisch an: "Ali, hör auf!" Doch der antwortet nur: "Vergiss meinen Namen!" Erst um Mitternacht schneiden sie sie frei. Sie können sich nicht mehr bewegen, weil kaum noch Blut in Hände und Füße geflossen ist. Die Piraten sagen: Morgen früh geht es weiter.

6 Uhr am Morgen. Die Piraten bringen Oleg an Deck, binden seine Hände hinter dem Rücken zusammen und hängen ihn daran auf. Er kann nicht mehr richtig stehen. Nur die Zehenspitzen berühren noch den Boden. Die Sonne brennt. Vier Stunden hängt er am Haken. Er hört den Kapitän schreien. Als sie Stunden später die beiden wieder zur Brücke bringen und dort zu Boden werfen, atmet der Kapitän kaum noch. Auch er hatte am Haken gehangen, sein Kreislauf ist schwach geworden. Die Piraten haben Angst, dass er stirbt, sie schütten kaltes Wasser über ihn. Er lebt.

Die beiden bekommen eine Pause bis zum nächsten Tag. Dann muss Oleg auf die rechte Seite des Schiffes, der Kapitän auf die linke. Drei Piraten mit Sturmgewehr postieren sich vor Oleg, sagen ihm, dass er nun exekutiert werde, bedecken ihn mit einem Laken. Minuten später sagen sie ihm, sie würden ihm nun doch den Hals aufschneiden, wie beim Schlachter, halal. Er solle endlich sagen, wie viel Treibstoff wirklich noch an Bord ist.

Oleg ist wie gelähmt, er kann nicht antworten. Sie lassen ihn niederknien, holen ein Fleischermesser. Er sieht nichts, aber hört einen Piraten das Messer wetzen. Die Klinge drückt auf seine Kehle, aber sie schneidet nicht. Es muss die stumpfe Seite sein.

"Wo ist der Treibstoff?" Sie brüllen es in sein Ohr. Dann stülpen sie ihm eine Plastiktüte über. Er spürt, wie die Luft knapp wird. Kurz bevor er ohnmächtig wird, ziehen sie die Tüte herunter, lassen ihn ein paar Züge Luft schnappen. Seine Lunge pumpt. Wieder und wieder ziehen sie ihm die Tüte über den Kopf. Dann halten sie ihn über Bord, kopfüber, und lassen ihn Meter für Meter zum Meer hinab. Seine Hände sind immer noch gefesselt. Wenn sie ihn fallen lassen, ertrinkt er. Sie ziehen ihn hoch. Plötzlich hört er Schüsse von der anderen Seite des Schiffs. Ein Pirat kommt angerannt. "Der Kapitän ist tot!", ruft er.

Sie schleppen Oleg auf die Brücke. Ali beugt sich zu ihm: "Der Kapitän, er ist tot! Tot! Du kannst es der Firma erzählen." Oleg muss telefonieren, sie drücken ihm dabei ein Gewehr an die Schläfe.

115. Tag

Anruf der "Marida" (rekonstruiert)

Mike: Hallo, wer ist da?

Chefingenieur: Mike? Hier ist der Chefingenieur. Dieser Pirat hat den Kapitän getötet. Den Kapitän gibt es nicht mehr.

Mike: Sorry, noch einmal? Ich habe nicht verstanden.

Chefingenieur: Sie haben den Kapitän getötet. Dieser Pirat will hier einen nach dem anderen töten.

Mike: Oh.

Chefingenieur: Ja. Sie brauchen dieses Geld sehr schnell. Wenn nicht, werden sie die ganze Crew einen nach dem anderen töten.

Mike: In Ordnung, in Ordnung.

Chefingenieur: Das war's, ich hab keine Zeit, viel zu erzählen. Okay, bye. (Oleg legt auf.)

Reederei

Im Lagezentrum herrscht Stille. Sie schauen sich in die Augen. Doch niemand sagt etwas. Was, wenn das stimmt?

"Marida"

Nach zwei Tagen bringen die Piraten den Kapitän wieder auf die Brücke. Sie hatten ihn eingesperrt.

Und jetzt foltern sie weiter, alle paar Stunden fallen sie über Oleg und den Kapitän her.

Der alte Mann mit dem Revolver sieht zu. Er hält die Gebetskette in seinen Händen, während er foltern lässt. Er lächelt.

Eines Abends schleifen die Piraten Oleg in die Kühlkammer, ziehen ihm die Jeans aus, schalten das Licht aus und schließen die Tür. Er trägt nur noch ein Shirt, er zieht sich die Hose wieder an und beginnt sich zu bewegen, um warm zu bleiben. Die Temperatur im Kühlraum: minus 17 Grad.

Die Piraten öffnen die Tür, sehen, wie er sich angezogen bewegt. Also fesseln sie ihn, hängen ihn am Fleischhaken auf und ziehen ihm die Hose herunter. Fast 40 Minuten hängt er dort. Dann werfen sie ihn auf die Brücke und nehmen den Kapitän mit.

Wieder bleibt er verschwunden.

Die Piraten erzählen der Mannschaft, dass er getötet wurde. Schon wieder. Stimmt es dieses Mal?

In diesen Tagen betet Oleg. Und er sticht sich ein Tattoo. Er hat eine Nadel gefunden, damit brennt er sich eine Spinne auf seinen linken Handrücken. Weil man Spinnen nicht so leicht erwischt. Ihr tötet mich nicht, soll das heißen, ich bin wie eine Spinne.

129. Tag

Anruf von der "Marida"

Mike: Hallo?

Ali: Hallo, Ali Jama hier, ich möchte direkt zum Punkt kommen: Die Piraten haben angefangen, die Mannschaft zu foltern. Zivilisierte Menschen können bei so etwas nicht zusehen. Sie haben ihnen Plastikkabel um die Eier gebunden. Wissen Sie, was ich meine? Um die Genitalien. Die Eier.

Mike: Ja. Aber das bringt nichts. Die Piraten können das machen, aber das hilft ihnen nicht ...

Ali: Sie haben den Kapitän verschleppt. Ich weiß nicht, was mit ihm ist. Er ist auf alle Fälle nicht mehr auf dem Schiff. Ich rufe an, weil ich Ihnen einen Vorschlag machen will. Es gibt zwei Optionen.

(Es knackt in der Leitung.)

Ali: Mike?

(Das Gespräch ist abgebrochen.)

129. Tag

SMS von Ali Jama

"Mike, entweder bezahlen Sie die Piraten, oder Sie leiten die Rettungsoperation ein, und ich werde vorbehaltlos kooperieren."

"Marida"

Ali spürt, dass es eng wird für ihn. Er versucht, sich zu retten. Denn die Piraten beginnen ihm zu misstrauen. Seine Verhandlungen kommen nicht voran. Sie wollen ihn loswerden.

Sie suchen sich einen neuen Verhandler. Leon.

Leon ist vielleicht Mitte 30. Schlank und hochgewachsen. Seine Haut ist dunkel, aber heller als die der anderen, eher wie die eines Inders. Das linke Auge bewegt sich nicht. Ein Glasauge. Er spricht sehr gutes Englisch. Er wirkt, als würde er aus besseren Kreisen kommen.

Der Job auf der "Marida Marguerite" ist für ihn nur einer von vielen. Leon, den die Somalis "Loyan" rufen, verhandelt gleichzeitig auf einem arabischen Tanker, auf dem britischen Schiff "Asian Glory" und einem südkoreanischen Schiff, der "Samho Dream". Unter Piraten ist er berühmt, bei Reedereien und Marinesoldaten berüchtigt. Niemals nennt er seinen wahren Namen. Er wirkt wie ein Geschäftsmann, das Gegenteil des dicken, faulen Ali Jama.

Ali muss der Reederei ausrichten, dass Leon nun die Verhandlungen übernimmt. Immer noch liegt die Forderung der Piraten bei 10 Millionen, das Angebot der Reederei bei 2,535.

143. Tag

Anruf der Reederei auf der "Marida"

Mike: Hallo? Spricht da Leon?

Leon: Ja, Mike.

Mike: Gibt es gute Nachrichten von Ihrem Kommandanten?

Leon: Er sagt, wenn Sie mehr bieten, kann ich die Angelegenheit schnell beenden. Ihr letztes Gebot ist 2,535 Millionen, richtig?

Mike: Ja, genau. Das ist wirklich alles, was wir auftreiben konnten. Ich habe mein Haus verkauft. Ich bekomme schon kein Gehalt mehr. Ich wohne nun zur Miete. Aber was soll ich sonst noch verkaufen? Selbst wenn ich die Ringe meiner Frau hergeben würde, es würde nicht reichen.

Leon: Mike, ich weiß genau, was hier abläuft. Ich weiß, dass die Versicherung zahlt, weil das Schiff gekapert wurde. Deswegen erzählen Sie mir nicht irgendetwas davon, dass Sie kein Gehalt kriegen oder kein Haus mehr haben. Sie sollten das hier endlich ernst nehmen. Verstehen Sie das?

Mike: Ja, aber ...

(Leon unterbricht ihn.)

Leon: Ich habe noch einen Vorschlag des Kommandanten. Wenn die Firma vier Millionen bietet, dann kann er auf neun Millionen runtergehen. Dann können wir zwischen diesen Beträgen landen.

Mike: Ja, aber das wird nicht passieren, weil ich vier Millionen nicht habe. Leon, ich denke, ihr als Profis müsstet wissen, dass es ein kleiner Tanker ist. Die letzte Krise hat uns alle sehr getroffen. Wir stapeln hier das Geld nicht bis zur Decke.

Leon: Sie kamen bisher nicht mit einer einzigen Idee. Wie wollen Sie dieses Problem lösen?

Mike: Tja. Lassen Sie uns wieder in zwei oder drei Tagen sprechen, Leon. Einverstanden?

Leon: Okay.

Reederei

Mike ist als Lügner aufgeflogen. Und er ist keinen Schritt weitergekommen. Im Gegenteil: Er klingt immer unsicherer. Fängt an zu stottern. Man hört seine Angst. Und der neue Verhandler, dieser Leon, ist ein Profi. Er hat ihn auflaufen lassen.

"Marida"

Mit den anderen Piraten spricht Leon kaum. Nach den ersten Telefonaten mit der Reederei verschwindet er vom Schiff, ist tagelang weg. Er hat auch woanders zu tun. Die "Marida Marguerite" soll seine letzte Entführung sein, erzählt er den Seeleuten. Dann habe er genug verdient.

Die gesamte Crew muss nun wieder auf der Brücke leben, schlafen, kauern. Nur der Kapitän fehlt noch immer. Einige haben die Hoffnung verloren, ihn lebend wiederzusehen.

Die Hitze ist unerträglich, es stinkt. Niemand darf mehr duschen. Wenn sie auf die Toilette wollen, bekommen sie genau eine Minute Zeit. Wer länger braucht, wird von den Wachen mit Stöcken geschlagen.

Doch die schlimmsten Qualen, die Folter an Bord, haben aufgehört. Es war Leon, der dafür sorgte. Seit er die Verhandlungen führt, ist es ruhiger geworden. Die Piraten haben es aufgegeben, noch Treibstoff auf der "Marida" zu finden. Stattdessen pumpen sie von anderen gekaperten Schiffen Öl auf die "Marida".

Und plötzlich, nach drei Wochen, taucht der Kapitän wieder auf. Die Piraten tragen ihn auf die Brücke. Er wirkt gebrochen. Er war eingesperrt, an einen Stuhl gekettet, sicher, dass er sterben werde, erzählt er. Leon war es, der ihn befreite. "Ich habe dir das Leben gerettet", sagte er.

Reederei

Seit Tagen erreicht Mike niemanden auf der "Marida". Er probiert es auf Leons Handy, aber immer, wenn er abnimmt, ist er nicht auf dem Schiff, sondern macht anderswo Geschäfte, bittet um Geduld. Es vergeht fast ein Monat, bis die Reederei ihr Angebot auf 2,8 Millionen erhöht, die Piraten reduzieren auf 9,6. Geht es in diesem Tempo weiter, fürchten sie in der Reederei, dauert es Jahre.

"Marida"

Der Druck auf die Piraten an Bord steigt. Es hat sich herumgesprochen, dass die Verhandlungen zäher verlaufen als auf anderen Schiffen. Leon hat gerade 9,5 Millionen Dollar für den südkoreanischen Tanker "Samho Dream" aus gehandelt. Auf der "Marida" fragen sie sich, warum es bei ihnen nicht vor angeht. Außerdem drohen andere Piratengruppen, das Schiff und die Verhandlungen zu übernehmen. Der Kommandant drängt Leon. Der schiebt nun öfters ein Gespräch mit Mike ein. Die beiden kommen sich endlich näher.

188. Tag: Die Reederei bietet 3,56 Millionen.

192. Tag: Die Piraten fordern 7,5.

200. Tag: Die Reederei bietet 4,05.

200. Tag: Die Piraten fordern 6,95.

206. Tag: Die Piraten fordern 6,2.

208. Tag: Die Reederei bietet 4,34.

215. Tag: Die Piraten fordern 5,6.

Es ist Anfang Dezember. An einem Tag, an dem Leon mal wieder an Bord ist, wendet er sich an den Kapitän und beruhigt ihn: "Ihr werdet Weihnachten auf jeden Fall zu Hause feiern, der Deal ist fast durch!" So denken sie auch in Deutschland.

Doch plötzlich ist jemand anderes in der Leitung.

215. Tag

Anruf von der "Marida"

Mike: Guten Tag. Wer spricht da?

Ali: Hier ist Ali Jama.

Mike: Ali Jama, lange nicht gehört ...

Ali: Sie haben meine Stimme vergessen, oder?

Mike: Ja, fast. Was machen Sie denn nun wieder hier?

Ali: Ich habe mich in letzter Zeit um die Crew gekümmert. Leon, dieser Typ ist immer weg, nie auf dem Schiff. Nun steht der Kapitän hier bei mir, und der Chefingenieur und auch der Kommandant der Piraten.

Mike: Ja.

Ali: Der Grund, warum ich anrufe, ist, dass Leon nun offiziell raus ist. Als Bestätigung dafür können Sie bitte mit dem Kapitän und dem Chefingenieur sprechen.

Mike: Okay.

Kapitän Makane: Hallo, Mike? Hier spricht Kapitän Makane.

Mike: Kapitän Makane, guten Abend!

Kapitän Makane: Der Piratenkommandant hat Leon durch Ali ersetzt. Sie müssen uns so schnell wie möglich freibekommen, noch vor Weihnachten. Sie müssen mit dem Chefingenieur über einige große technische Probleme sprechen. Er hat Albträume, er kann nicht schlafen. (Er redet sehr aufgebracht, gibt den Hörer weiter.)

Chefingenieur: Michael, hier ist der Chefingenieur. Wie soll dieses Schiff jemals wieder starten? Ich kann meine Maschinen nicht mehr reparieren. Die Hälfte der Anlage ist nur noch ein Museumsstück. Ein Stück Scheiße, verstehen Sie mich?

Mike: Ich verstehe.

Chefingenieur: Nein, Sie verstehen nicht. Das ist ein Totaldesaster, die Apokalypse, glauben Sie mir. Wirklich!

(Der Hörer wird weitergereicht.)

Ali: Mike, ich weiß nicht, was zwischen Leon und Ihnen lief. Erzählen Sie mir, wo Sie standen.

Mike: Ich würde gern mal wissen, was der Kommandant über unseren Verhandlungsstand weiß. Was denkt er, wo wir stehen?

(Die Piraten reden auf Somali.)

Ali: Wir gehen nicht unter sechs, sagt er.

Mike: Das macht überhaupt keinen Sinn.

Ali: Mike, hören Sie mir zu: Diese Leute bitten nicht um Geld. Sie fordern es!

Mike: Okay, Ali Jama, mit diesen ganzen Wechseln, das macht es ziemlich kompliziert.

Ali: Ja, es gab zu viele Akteure bei dieser Angelegenheit, aber die Entscheidung trifft immer der Kommandant.

Mike: Gut, dann sprechen wir wieder morgen. Um 14 Uhr Ihrer Zeit. Ich rufe Sie an.

Ali: Eines noch: Ich will Ihnen frohe Weihnachten wünschen. Lassen Sie mich das schon mal sagen.

Mike: Gut. Wir reden morgen.

"Marida"

Ali hatte nach seiner vorübergehenden Absetzung Wache auf Deck schieben müssen, die Piraten hatten ihn vor der Crew degradiert. Doch Leon, der neue Verhandler, ließ sich immer nur für ein, zwei Tage blicken, verschwand wieder für eine Woche. Die Angebote der Reederei ließ er sich nicht per Fax schicken, sodass die Piraten ihm zu misstrauen begannen. Nie bekamen sie etwas Schriftliches über den Stand der Verhandlungen. So hat der Piratenkommandant die Geduld mit Leon verloren – obwohl es doch gerade endlich zu laufen begann.

Reederei

Ist jetzt wieder alles hinfällig, was sie so mühsam erkämpft haben? Mike schickt ein Fax auf die "Marida", in dem er den Stand der Verhandlungen beschreibt.

Auch Ali schickt ein Fax: "Denken Sie daran, Mike, wir sind hier auf den letzten Metern, und die sind gewöhnlich die anstrengendsten. Lassen Sie uns gemeinsam die Hürde nehmen und zu einer finalen Einigung kommen."

Zwei Tage später ein Anruf von Ali: Die Piraten fordern fünf Millionen Dollar.

In Haren trauen sie ihm nicht. Sie wollen ein Fax, wollen es schriftlich.

219. Tag

Fax von der "Marida"

"An: Herrn Mike

Mit diesem Fax wird bestätigt, dass der Kommandant das Schiff und die Besatzung freilassen wird, wenn die Reederei ein Angebot über fünf Millionen US-Dollar abgibt. Nach Erhalt der fünf Millionen US-Dollar werden das Schiff und die Besatzung ohne weitere Bedingungen freigelassen. ...

Viele Grüße

Ali"

220. Tag

Fax der Reederei

"An: Ali Jama und den Kommandanten

Von: Mike

Um zu bestätigen, was Ali Jama und ich besprachen:

– Wir denken, wir können fünf Millionen Dollar bekommen, aber es wird ein paar Tage dauern.

– Die fünf Millionen US-Dollar hängen davon ab, ob ausreichend Treibstoff und Proviant für das Schiff bereitgestellt werden. Der Chefingenieur wird Ihnen genau sagen können, wie viel benötigt wird.

– Sobald wir eine Bestätigung vom Kapitän erhalten haben, dass der notwendige Treibstoff geliefert wurde, werden wir Vorbereitungen treffen, um das Geld zu liefern. (...)

Mit freundlichen Grüßen

Mike"

Reederei

Fünf Millionen Dollar. Mehr, als sie zahlen wollten. Aber daran denkt nach sieben Monaten niemand mehr. Sie stellen sich andere Fragen: Wie bekommen wir das Geld zur "Marida"? Und wie kommt das Schiff weg aus Garacad? Ist es wirklich bald zu Ende?

Der Crew wird nicht viel Zeit bleiben, denn um sie herum lauern andere Piratengruppen, die sie gleich wieder überfallen können. Die "Marida" muss schnell in die Nähe eines Kriegsschiffes gelangen. Die Reederei will, dass sie nach der Freilassung den Hafen von Salala in Oman anläuft.

Weltweite Straftaten : An diesen Orten werden die meisten Menschen ermordet

Aber woher sollen sie wissen, dass alle Seeleute unversehrt sind? Sie brauchen einen Lebensbeweis für jeden einzelnen. Sie rufen die Familien an und lassen sich von jeder eine Frage geben, die nur ihr Angehöriger beantworten kann. Die Frau des Kapitäns wählt: Wer hat den Namen für Ihre älteste Tochter ausgesucht?

Antwort: Bhuskute Tai Solapur.

Olegs Frau wählt: Wer ist Rits?

Antwort: Meine Katze.

"Marida"

Einer der Piraten trägt eine Geldzählmaschine auf die "Marida". Sie haben Mike wissen lassen, dass sie nur 100-Dollar-Scheine akzeptieren. An Land spricht sich herum, dass bald die Lösegeldübergabe am "German ship" stattfinden soll. Alle Piraten, die in den vergangenen Monaten Wache geschoben haben, machen sich auf den Weg. Bald sammeln sich 200 Mann auf der "Marida". Bald ist Zahltag.

Reederei

Es ist Heiligabend, als sie in Deutschland den Geldabwurf planen. Eine Propellermaschine wird mit kleinen Containern voller Ersatzteile und Geldbündel beladen. Eine Sicherheitsfirma wird diese über dem Meer abwerfen. Die fünf Millionen Dollar entsprechen exakt der Versicherungssumme, aber hinzukommen erhebliche Nebenkosten. Allein der Geldtransport durch ein spezielles Sicherheitsunternehmen verschlingt mehrere Hunderttausend Dollar, dazu Beraterhonorare, Reisen.

236. Tag

Anruf der Reederei auf der "Marida"

Mike: Hi Ali.

Ali: Hi, erstens: Der Flieger kann starten und das Geld abwerfen. Alles in bar, okay?

Mike: Okay.

Ali: Es wird keinen Beschuss gegen das Flugzeug geben. Das Geld werden wir unter den Augen des Kapitäns an Bord bringen, und die Crew wird sich in einer Reihe auf Deck aufstellen, sodass der Flieger sie bei klarer Sicht fotografieren kann, um Ihnen das Bild zu übermitteln. (...) Die Piraten werden dann das Geld zählen, und wenn gesichert ist, dass es fünf Millionen sind, wird der Kapitän das den Piloten per Funk bestätigen, sodass sie wieder abdrehen können. Klar?

Mike: Gut. Kann ich den Kapitän sprechen?

Ali: Ja, er ist drinnen.

(Ali gibt den Hörer weiter.)

Kapitän Makane: Guten Morgen, Mike.

Mike: Guten Morgen. Es ist fast vorbei, Kapitän. Wie geht es Ihnen?

Kapitän Makane: Ja, es ist fast vorbei, und das gute Ende wird bald kommen.

Mike: Ja, machen Sie sich keine Sorgen.

"Marida"

Am Morgen des 27. Dezember scheint die Sonne auf die somalische Küste. Es ist 7.30 Uhr. Auf der "Marida" herrscht Unruhe. Leon, der beleidigte Ex-Verhandler, hat unter den Piraten verbreiten lassen, dass man mehr als fünf Millionen Dollar hätte herausschlagen können. Einige der Piraten fühlen sich betrogen. Sie schießen in die Luft. Tumulte brechen aus. Das Geld, das noch gar nicht an Bord ist, lässt sie die Nerven verlieren. Ein hochrangiger Pirat befiehlt allen Wachen, ihre Waffen niederzulegen, wenn sie später zur Geldausgabe kommen. Allmählich beruhigt sich die Lage wieder.

Am Himmel steuert eine Propellermaschine auf Position 7° 00.3 N – 49° 25.24 E zu. Von hoch oben sieht man den sandigen Strand, an dem nur einige Skiffs zurückgeblieben sind, die meisten tummeln sich jetzt um die "Marida".

Die Piraten befehlen der Crew, sich an Deck aufzureihen. 22 ausgezehrte Gestalten stellen sich auf. Ihre schmutzigen Kleider kleben, viele tragen tiefe Narben an den Handgelenken, die Kabelbinder haben sie hinterlassen.

Dann taucht die Maschine auf, alle heben den Blick, sie fliegt über die "Marida", schießt Bilder der aufgereihten Crew. Alle stehen. Also gibt die Reederei den Abwurf frei. Die Maschine fliegt eine Schleife, dann fallen die Container, Fallschirme lassen sie ins Wasser gleiten. Die Skiffs rasen los.

Um kurz vor elf mitteleuropäischer Zeit ruft Ali in Deutschland an und kündigt an, dass man noch einen Tag brauche, um das Lösegeld aufzuteilen.

Als Ali den Hörer dem Kapitän reicht, erkundigt sich Mike als Erstes, ob noch jemand mithöre. Nein, sagt der Kapitän. Gut, antwortet Mike. Es gebe noch etwas Wichtiges: Wenn die Piraten von Bord seien, dürfe niemand sauber machen. Und nichts wegwerfen! Sobald sie in Salala seien, würden Polizisten auf die "Marida" kommen, um Spuren zu sichern. Sie sollten vor allem auf die Kabinen des Kommandanten und von Ali aufpassen, darin werde man jedes Haar auflesen.

Reederei

Um kurz vor sechs am nächsten Morgen sitzen sie alle im Lagezentrum und warten. Mike wählt noch einmal die Nummer des Schiffstelefons. Es dauere nicht mehr lange, sagt Ali Jama. Vielleicht noch drei Stunden.

"Marida"

Ali trägt eine schwarze Plastiktüte in seiner Hand, darin bündelweise Geld. Einigen Piraten drückt er Scheine in die Hand und begleicht Schulden. Auf der Brücke stellt er sich noch einmal vor die Crew und hält nun, nach mehr als acht Monaten, seine zweite große Rede. Er klingt aufgekratzt, überschwänglich, stolz. Seine Verhandlung ist fast am Ende. Er entschuldigt sich, dass die Crew all das durchmachen musste. "Aber wir sind Piraten. Wir haben Familien. Wir haben Kinder. Wir haben Ehefrauen. Wir müssen irgendwie leben, und das hier ist ein sehr einfaches Geschäft. Und es wird weitergehen. Es wird niemals aufhören."

Ali steigt als Letzter über die Reling. Er wendet sich noch einmal an den Kapitän: "Du willst nicht, dass du mich jemals wiedersiehst", sagt er. "Wenn du mich wiedersiehst, wirst du mich hassen. Es wird euch schon reichen, euch an mich zu erinnern. Ihr werdet mich hassen!" Dann hangelt er sich in das letzte Boot, mit seinem Gewehr, der Tüte und einem Laptop.

Um 8.46 Uhr meldet der Kapitän, dass alle Piraten von Bord sind. Die "Marida Marguerite" ist frei. Nach 238 Tagen. Kurz darauf nähert sich die "USS Momsen", ein Kriegsschiff. US-Soldaten steigen an Bord. Ein Versorgungsschiff betankt die "Marida". Oleg und seine Maschinisten kümmern sich um die Motoren. Sie wollen nur weg. Der Schiffsrumpf ist so stark bewachsen, dass sie nur langsam vorankommen. Erst sechs Tage später laufen sie im Hafen von Salala ein.

Noch an Bord untersuchen Ärzte die teils schwer traumatisierten Männer. Deutsche Ermittler treffen ein. Beamte des niedersächsischen Landeskriminalamts sichern Fingerabdrücke auf dem ganzen Schiff und vernehmen die Crew über Tage. Dann erst dürfen die Seeleute nach Hause, endlich.

Epilog

Kapitän Makane ist bis heute schwer traumatisiert, er fährt nicht mehr zur See. Chefingenieur Oleg geht schon kurz nach der Entführung wieder an Bord anderer Schiffe.

Der Fonds, dem die "Marida Marguerite" gehörte, macht Bankrott. Das Schiff wird verkauft. Es fährt heute unter dem Namen "Golden Oak". Oleg tat auch auf ihm schon wieder seinen Dienst.

Drei Monate nach der Lösegeldübergabe wird der Mann, der sich Ali Jama nannte, von US-Spezialkräften festgenommen, als er über ein entführtes US-Segelboot verhandeln will. In Wahrheit heißt er Mohammad Saaili Shibin. Er wird in den USA zu zwölfmal lebenslänglich verurteilt. Die Spuren, die das LKA auf der "Marida" gesichert hat, tragen entscheidend dazu bei. Im Prozess sagen auch Kapitän Mahadeo Makane und Chefingenieur Oleg Dereglazov aus.

Im April 2013 reist ein somalischer Flüchtling nach Deutschland ein. Als die Bundespolizei seine Fingerabdrücke nimmt, schlägt das System Alarm. Ein identischer Abdruck fand sich auf der Lohnliste, die die Piraten führten. Der Mann wird 2014 zu zwölf Jahren Haft verurteilt und sitzt in Oldenburg ein.

Ein weiterer Somalier kommt 2015 als Flüchtling nach Deutschland, wieder findet sich sein Fingerabdruck im System. Crewmitglieder identifizieren ihn als einen ihrer schlimmsten Folterer. Doch er kann nicht angeklagt werden. Laut Gutachten ist nicht auszuschließen, dass er während der Entführung noch keine 14 Jahre alt war.

* Namen von der Redaktion geändert

** Der Wortlaut der Anrufe stammt aus Mitschnitten und wird teils gekürzt wiedergegeben. Der Redaktion liegen zudem Kopien der Faxe vor, die zwischen Reederei und "Marida" getauscht wurden. Einige wenige Anrufe mussten aus schriftlichen Polizeiprotokollen rekonstruiert werden, da zu ihnen kein Mitschnitt vorliegt. Diese Anrufe sind mit dem Hinweis "rekonstruiert" gekennzeichnet.

Themen in diesem Artikel
kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(