Kamtschatka Es war einmal ein kleines rot-weißes U-Boot


Erst zwei Tage nach dem Festsetzen des Tauchboots vor Kamtschatka hat die russische Marine die Öffentlichkeit über das Unglück informiert. Damit nicht genug, die Militärs versuchten alles, um den Unfall zu beschönigen.

Es war einmal ein kleines weiß-rotes U-Boot, das verfing sich bei einer Routineübung in einem herrenlosen Fischernetz - dieses Märchen tischte die russische Marine der Öffentlichkeit bis fast zwei Tage nach dem Unglück des Rettungs-Tauchbootes AS-28 auf. Dabei stand 190 Meter tief im Pazifik vor der Halbinsel Kamtschatka das Leben von sieben Menschen auf dem Spiel.

Erst am Freitagabend rückten die Behörden mit der Wahrheit heraus: Das Tauchboot, so niedlich gestreift wie die Fische in dem Trickfilm "Findet Nemo", hing an einem unterseeischen Lauschgerät fest. Dieses Sonar hatte die Mannschaft der AS-28 reparieren sollen.

Moskauer Zeitungen kritisierten am Samstag beißend die Vertuschung. So sehr der Kreml die Medien in den vergangenen Jahren auf Kurs gebracht haben mag, bei Notfällen lassen sich die Journalisten nicht so leicht den Mund verbieten. "In den fünf Jahren seit dem Untergang des Atom-U-Bootes "Kursk" hat sich nichts geändert", ließ das ansonsten regierungstreue Boulevardblatt "Komsomolskaja Prawda" einen früheren Marinesoldaten zu Wort kommen. "Die Militärs vernebeln den Zivilisten wieder nur die Gehirne."

Ein Beispiel der Beschönigung: Aus dem Tauchboot am Sonargerät machte der Kommandeur der Pazifikflotte, Admiral Viktor Fjodorow, flugs "das System U-Boot-Antenne-Anker" - als gehöre alles zusammen. Leider war der Anker 60 Tonnen schwer und verhinderte bis Samstag alle russischen Versuche, das Tauchboot zu heben.

Den Angaben der Zeitung "Kommersant" nach verunglückte die AS-28 bereits am Donnerstag gegen zwei Uhr hiesiger Zeit, doch die Marine gab den Notfall erst 23 Stunden über die staatliche Nachrichtenagentur RIA-Nowosti bekannt. Das war nur ein Tag schneller als beim Untergang der "Kursk" mit 118 Toten im August 2000.

Schonungslos beschrieb "Kommersant" den schlechten Zustand des russischen Rettungsgeräts. Auf der "Georgi Kosmin", dem Mutterschiff der AS-28, fehlte das zweite Tauchboot, das hätte helfen können. Auch das Rettungsschiff "Alages" kam ohne Kleinst-U-Boote zur Unglücksstelle, der Spezialist für Tauchoperationen war in Urlaub.

Unter allen Informationen fehlte am Freitag nur eine Eilmeldung, die sonst bei Notfällen aller Art in Russland unabdingbar ist: "Präsident Wladimir Putin wurde informiert." Wie bei der "Kursk" tauchte die oberste Führung Russlands zunächst ab. Erst am Samstag flog Verteidigungsminister Sergej Iwanow nach einer Beratung mit Putin Richtung Kamtschatka.

Angesichts der russischen Notlage ruhten die Hoffnungen am Samstag auf dem Rettungsgerät aus Großbritannien und den USA. Doch so schnell die Briten und Amerikaner ihre Tauchroboter auf die Kamtschatka geflogen hatten, dort steckten sie fest. Noch Stunden nach der Landung in Petropawlowsk-Kamtschatski war der britische Roboter noch immer nicht auf ein Schiff verladen. Dabei ging selbst nach Einschätzung der daueroptimistischen russischen Marineoffiziere der Sauerstoff der eingeschlossenen Seeleute zu Ende.

Friedemann Kohler/DPA DPA

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