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Unterwegs mit der "MS Sea-Watch": Rettungsfahrt ins Blaue

Die "MS Sea-Watch" ist das einzige private Schiff aus Deutschland, das Flüchtlingen im Mittelmeer beistehen will. Der stern war beim ersten Manöver mit an Bord - und erlebte eine Crew mit mehr Herz als Erfahrung.

Von Veronica Frenzel

Das Meer ist groß, das Schiff ist klein - die Mannschaft der "Sea-Watch" sucht Schiffbrüchige

Das Meer ist groß, das Schiff ist klein - die Mannschaft der "Sea-Watch" sucht Schiffbrüchige

Plötzlich verstummt der Motor. Mit jeder Welle, die gegen den Stahlrumpf klatscht, wird es in den Kojen beunruhigend laut. Irgendwo im Mittelmeer zwischen Lampedusa und Libyen, nicht weit von den riesigen Gasfackeln der Ölplattform Bouri, an denen sich Flüchtlinge auf dem Weg nach Italien orientieren, fällt auf der "MS Sea-Watch" der Antrieb aus. Davon erwachen wir.

Der Kutter ist das erste private Rettungsschiff aus Deutschland, das Flüchtlingen im Mittelmeer beistehen soll; die Crew will Erste Hilfe leisten, professionelle Rettung organisieren. Ein Zeichen setzen gegen die Todesnachrichten, die in diesem Sommer wieder an Europas Küsten anbranden.

Tag eins an Bord, früher Morgen: Der Mann, der sich "Sea-Watch" ausgedacht hat, springt in bunt gemusterten Unterhosen an Deck. Harald Höppner, 42, kneift die Augen zusammen, blickt auf die unruhige, dunkelblaue See. Vom Salon des Stahlkutters aus starrt die verschlafene Crew zu ihm: Kapitän, Maschinist, zwei Bootsmänner, zwei Ärzte, ein Rettungssanitäter, der Anwalt für Seerecht. Und wir, zwei Journalisten, die das Unternehmen exklusiv begleiten können.

"Keine Sorge, wir reparieren das", ruft Höppner, reißt die Brauen hoch, mahlt knirschend mit dem Unterkiefer. Das Haar steht ihm vom Kopf ab. Man hofft, dass er einen Plan hat.

Gemeinsam mit dem Mechaniker, einem früheren Greenpeace-Aktivisten, verschwindet Höppner im Maschinenraum. Eine halbe Stunde später dröhnt es da unten wieder. Es war ein verstopfter Ölfilter. Weil kein Ersatzteil da ist, haben sie den alten einfach mit einem Messer durchstochen. Und bevor der Kapitän, ein kauziger Bayer, zwei Köpfe kleiner als sein Chef Höppner, sich dazu äußern kann, sagt der mit einem Grinsen: "Solche Sachen gehören bei,Sea-Watch' dazu, wir sind eben Übers-Knie-Brecher. Wenn wir warten würden, bis wir professionell sind, wären wir nicht hier. Wir können aber nicht warten." Dann, übergangslos: "Mir ist schlecht."

Höppner wankt unter Deck, dorthin, wo es nach verschwitzten Männern riecht.

Möglichst abenteuerlich, möglichst außergewöhnlich

Harald Höppner: Der Berliner Unternehmer hat 150.000 Euro aus seinem Firmenvermögen in das Projekt "Sea-Watch" investiert. Der Verein "Borderline Europe" verwaltet zusätzlich 200.000 Euro Spenden für die Flüchtlingsrettung.

Harald Höppner: Der Berliner Unternehmer hat 150.000 Euro aus seinem Firmenvermögen in das Projekt "Sea-Watch" investiert. Der Verein "Borderline Europe" verwaltet zusätzlich 200.000 Euro Spenden für die Flüchtlingsrettung.

Höppner stammt aus dem Berliner Osten und sagt stets "wir" und nie "ich". Er ist einer, der immer irgendwas tun muss. Möglichst abenteuerlich, möglichst außergewöhnlich. Meistens kriegt er, was er will. Er ist schon mit seiner Frau und drei Söhnen im Unimog nach Indien gefahren und hat aus einem Schweinestall ein Haus gebaut. Jetzt will er eben Flüchtlinge retten. Inzwischen hat er Hunderte Helfer und Geldgeber von seiner Idee überzeugt, zuallererst seine Frau und seinen besten Freund. Mit beiden verkauft er übers Internet und in zwei Läden in Berlin Möbel und Klamotten aus Asien.

Die zwei stimmten zu, dem Projekt fast das gesamte Firmenvermögen zur Verfügung zu stellen, knapp 150.000 Euro. Über einen Verein hat Höppner weitere 200.000 Euro an Kleinstspenden eingesammelt. Aus der Gesamtsumme finanziert er die Flüge und die Spesen seiner Crew, die ansonsten ehrenamtlich mitmacht, auch der Kapitän. Kurz nach Weihnachten kaufte er dann in den Niederlanden einen 21 Meter langen, 100 Jahre alten Fischkutter, der zuletzt als Hausboot genutzt worden war.

Vor der Abreise Richtung Süden saß Höppner in der Talkshow von Günther Jauch. Mehr als 1000 Bootsflüchtlinge waren gerade im Mittelmeer ertrunken. Doch anstatt zu erklären, was er vorhat, verlangte Höppner eine Schweigeminute für die toten Flüchtlinge. Jauch wollte noch eingreifen, dann musste er sich fügen. Denn alle im Saal waren aufgestanden. Und es verstrich eine volle Minute allerteuerster Sendezeit. So stellt Höppner sich das vor: Für die große Sache machen alle, was er will.

Auf Lampedusa werden sie "die Verrückten" genannt

Im Basislager auf angekommen, werkeln er und die Crew zunächst eine Woche am Schiff, verlegen Stromkabel – die alten waren nach einem Kurzschluss durchgeschmort –, kaufen Proviant, verstauen Medikamente, rollen quietschbunte Flickenteppiche in den Kabinen im Schiffsbauch aus, sprechen stundenlang darüber, wie mögliche Einsätze ablaufen könnten. Am Ende dieser Woche rufen die Lampedusaner den Deutschen "pazzi" nach, ihr Verrückten.

Die Verrückten sitzen kurz darauf im Büro der italienischen Küstenwache. "Wir können nicht mehr mit ansehen, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken", beginnt Höppner auf Englisch, mit breitem Brandenburger Akzent. Der Chef dort, ein durchtrainierter Mann mit verspiegelter Brille im zurückgegelten Haar, malt Kreise auf einen Block. Erst als Höppner sagt: "Unser Schiff ist kein echtes Rettungsschiff, wir wollen die Rettung organisieren und dokumentieren", da schaut der Italiener dem schlaksigen Deutschen zum ersten Mal in die Augen: "Ihr wollt uns also nur zuschauen?"

Erst Fischkutter, dann Hausboot, jetzt Flüchtlingsschiff, hier bei einer Probefahrt: die "MS Sea-Watch", Heimathafen Berlin

Erst Fischkutter, dann Hausboot, jetzt Flüchtlingsschiff, hier bei einer Probefahrt: die "MS Sea-Watch", Heimathafen Berlin

Höppner reißt die Brauen hoch, mahlt mit dem Unterkiefer und erklärt, dass die "Sea-Watch" ein kleines Schiff sei, das maximal 60 Flüchtlingen Platz biete, dass aber Hunderte Schwimmwesten, Rettungsringe, außerdem fünf Rettungsinseln für mehr als 500 Menschen an Bord seien. Dass immer Ärzte mitführen. Pause. "Das ist interessant", sagt der Küstenwachenchef. "Aber macht uns bitte keine Probleme."

"Wir können nicht überall sein"

Der Motorausfall vom Morgen liegt nur wenige Stunden zurück, als auf der "Sea-Watch" der erste Notruf eingeht. Am anderen Ende der Leitung ist ein Mitarbeiter von "Watch the Med", einer Organisation, die seit Herbst ein Notruftelefon für Bootsflüchtlinge in Seenot betreibt. Ein Flüchtling, der auf dem Mittelmeer unterwegs ist, hat mit seinem Satellitentelefon die Nummer der Organisation gewählt.

Das Boot ist 50 Meilen entfernt. Fährt die "Sea-Watch" acht Knoten Höchstgeschwindigkeit, kann sie in sechs Stunden da sein. "Meldung machen an die Seenotrettungszentrale in Rom!", sagt Höppner, springt dann durch eine Luke in die winzige Küche und kocht Milchreis im Schnellkochtopf.

Höppner schuftet von allen am meisten, übernimmt die unangenehmsten Nachtwachen, beklagt sich nie. Kurzdarauf ein zweiter Notruf. 200 Leute, heißt es, möglicherweise vier Tote. Position: 20 Meilen nordwestlich von Misrata. "Wir müssen da hin", sagt der Arzt mit den blonden Locken, der den Anruf angenommen hat. Höppner schüttelt sanft den Kopf. "Wir können nicht überall sein." Die Crew löffelt Milchreis mit Bananen.

Fünf Stunden später meldet die Rettungsleitstelle in Rom: Alle Flüchtlinge sind sicher an Bord eines Handelsschiffs und auf einem italienischen Marineschiff.

Später an diesem Tag rettet die Bundeswehr-Fregatte "Schleswig-Holstein" 148 Kilometer nördlich von Tripolis 522 Menschen in Seenot. "Ärzte ohne Grenzen" holt fast 300 Menschen aus dem Meer.

Seine Frau hat ihm ein Ultimatum gestellt

Am Nachmittag des dritten Tages auf See sitzt Harald Höppner auf der Brücke, in der Hand ein Funkgerät, und schaut auf das glatte Meer. Eine tiefe Falte zieht sich senkrecht über die braun gebrannte Stirn. "Heute hat meine Frau Geburtstag", sagt er. "Und ich hab sie noch nicht angerufen." Seine Frau hat ihm vor seinem Abflug nach Lampedusa ein Ultimatum gestellt. Bis spätestens zum Herbst soll er das Projekt "Sea-Watch" weitergeben. Sie will ihren Mann zurück, außerdem ist ihr der Medientrubel zu viel. Jeden Tag ruft Höppner mindestens einmal vom Bordtelefon zu Hause an, fragt nach den Kindern, einmal assistiert er aus der Ferne, Konzertkarten zu finden, ein andermal plant er die Sommerferien an der Müritz.

Doch ausgerechnet heute, an ihrem Geburtstag, hat Höppner keine Zeit für seine Frau. Gerade wartet er auf das Schlauchboot, mit dem sich der Maschinist und der Rettungssanitäter auf die Suche nach einem Flüchtlingsboot gemacht haben, das keine zwei Seemeilen entfernt schwimmen muss, das aber mit dem Fernglas nicht zu sehen ist.

Kurz vor einer Meuterei

Die "Sea-Watch" hat außerdem Daten von vier Seenotfällen empfangen. Die Crew bietet einem Frachter, der in der Nacht 110 Bootsflüchtlinge aufgenommen hatte, medizinische Hilfe an, steuert die Position des nächstgelegenen Flüchtlingsboots an. Und dann muss Höppner noch eine Meuterei verhindern. Die beiden jungen Bootsmänner weigern sich, dem Kapitän jedes Mal zu melden, wenn sie an Deck gehen. Worauf der die Fahrt abbrechen will. Hatte er nicht am Tag seiner Ankunft auf Lampedusa verkündet, sein Job auf der "Sea-Watch" sei es, Befehle zu geben? Höppner beschwichtigt, erklärt, dass alle freiwillig da seien, dass dies kein Berufsschiff sei und schon gar nicht das Militär. Der Kapitän nuschelt etwas von einem Generationenkonflikt, er habe halt, im Gegensatz zur übrigen Mannschaft, noch gedient, und lenkt schließlich ein.

Profis im Visier: ein Schiff der italienischen Küstenwache

Profis im Visier: ein Schiff der italienischen Küstenwache

Dann knackt das Funkgerät. "‚Sea-Watch'-Tender für ‚Sea-Watch'." Der Maschinist meldet: "Kein Flüchtlingsboot zu sehen. Wir kommen wieder zu euch."

Noch bevor das Schlauchboot zurück ist, knattert ein grauer Militärhelikopter im Zickzack über die "Sea-Watch". Keine Viertelstunde später zieht ein Küstenwachschiff im Osten vorbei, stoppt wenig mehr als zwei Seemeilen entfernt. Harald Höppner setzt sich mit dem Fernglas auf die Brücke, beobachtet, wie die Küstenwache Menschen an Bord holt. "Die haben unser Boot gefunden", ruft er begeistert.

"Ist doch toll, zu sehen, dass die gerettet werden", sagt Höppner später auf dem Achterdeck zu einem der Bootsmänner, der frustriert ist, weil die "Sea-Watch" das Flüchtlingsboot nicht zuerst entdeckt hat. Weil das Abenteuer irgendwie fern am Horizont bleibt.

Höppner denkt nach. "Wir sind ein Magnet", sagt er schließlich. "Wo wir hinfahren, fährt auch die Küstenwache hin. Wir zwingen die, auf die Notrufe zu reagieren und zu retten." Der Bootsmann nickt, er will das gern glauben.

Das einzige zivile Schiff zwischen Libyen, Malta und Sizilien

"Und was, wenn das Satellitentelefon auf dem Boot ausgeht?", fährt Höppner fort. "Oder wenn gar keines da ist?" Er zündet sich eine Zigarette an, jetzt kommt er richtig in Fahrt. "Wir sollten hierbleiben", sagt er und inhaliert tief. Höppner meint damit nicht nur die Position, die das GPS gerade anzeigt. Sondern das ganze Mittelmeer, die ganze verdammte Flüchtlingskatastrophe. Er will mittendrin bleiben. "So lange, bis diese Menschen einfach mit der Fähre zu uns nach Europa kommen können."

Tatsächlich sind die Boote der Migranten oft so marode, dass sie es gar nicht nach Europa schaffen können. Für Schiffbrüchige mag eine Crew, die entlang der Flüchtlingsrouten im Mittelmeer patrouilliert, die einzige Chance sein, zu überleben. Und wirklich ist die "Sea-Watch" in diesen Tagen das einzige zivile Schiff zwischen Libyen, Malta und Sizilien. Die beiden Schiffe von "Ärzte ohne Grenzen" werden gerade in italienischen Häfen neu ausgerüstet, nachdem sie Bootsflüchtlinge abgeliefert haben. Auch das 40 Meter lange private Motorboot eines amerikanisch-italienischen Ehepaars, das seit einem Jahr von Malta aus im Mittelmeer Schiffbrüchige rettet, liegt in diesen Tagen nach einem Rettungseinsatz im Hafen.

Kein Boot, sondern ein Haufen schlaffes Plastik

Am vierten Tag auf See taucht vormittags auf dem Radar ein kleines Boot auf. Drei Mann positionieren sich mit Ferngläsern auf dem Oberdeck. Nach ein paar Minuten entdecken sie ein graues Schlauchboot, etwa zehn Meter lang, keine Seemeile von der "Sea-Watch" entfernt, Menschen sind nicht zu sehen. Langsam nähert sich der Kutter. Höppner steht ganz vorn auf dem Vordeck. Er sieht ein Boot, das keines ist. Sondern ein Haufen schlaffes Plastik, in den durch ein Leck das Wasser schwappt. "Wie verzweifelt müssen Menschen sein, um in so was einzusteigen?", sagt er zum Maschinisten, der neben ihm steht. Der schweigt, er ist berührt. Höppner schluckt, setzt das Fernglas ab.

Für die nächsten Tage sagt der Wetterbericht drei Meter hohe Wellen voraus. Die Mannschaft beschließt, zurückzukehren nach Lampedusa. Mit der nächsten Crew wollen sie weitere Manöver durchsprechen, an Einsatzkonzepten arbeiten. "Hoffentlich kommt kein Notruf rein, wenn die ‚Sea-Watch' im Hafen ist", sagt Höppner. Das ist seine größte Sorge.

Dann steigt er hinunter in die Küche und kocht Senfeier mit Pellkartoffeln. Sollen schließlich alle fit ankommen.

Diese Reportage ist dem aktuellen stern entnommen.